I. Nacht-Glükk

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Kaspar von Stieler: I. Nacht-Glükk (1660)

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Lyeus hatte mir den Sinn
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durch seines Safftes Zug benommen/
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ich gieng und wuste nicht/ wohin/
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indehm war ich zuweit gekommen.

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Der bleiche Monden hatte zwar
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doch wust’ ich recht nicht/ wo ich war/

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Jhr Götter/ habet Dank/ daß ihr
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mich bracht zu diesem schönen Kinde/
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ich sach die himmlische Dorinde.

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Sie hätt’ ihr auffgelöstes Haubt
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unachtsam auff dem Arme liegen/
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das Haar/ das meinen Sinn geraubt

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Sie zog den süssen Zimmet-Geist
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bald ein/ bald haucht sie ihn zurükke/
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was schön und liebwehrt ist und heist

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So mein’ ich/ war Andromade
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Als Perseus ihr zu Hülffe kahme
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So die entblößte Zyprie
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als sie den göldnen Apfel nahme.

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Diane hatte selbsten Lust
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mit dieser Schönheit beyzuschlaffen/
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die auch das Helffenbein kan straffen.

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Hie stritte bey mir die Begier/
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die Schaam und brünstiges Verlangen:

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Der hohe Geist und Ernstligkeit/
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die schlaffend auch nicht von ihr schieden/
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die machten/ daß ich lange Zeit
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allein mit Ansehn war zu frieden.

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Nicht Argus gab so eben acht
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auff die ihm auvertraute Kuhe/
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die er mit hundert Augen wacht’:
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als ich auff ihre süsse Ruhe.

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Wie offt scholt’ ich den Traum-Gott auß
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wenn sie ließ einen Seuffzer hören/
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beförchtend daß durch einen Grauß
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er ihre Ruhe möchte stören.

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Doch liesse mich die Liebe nicht
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den guten Vorteil so verseumen/
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daß ich ihr Liljen Angesicht
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nicht rühren solt’ in ihren Träumen.

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Dann öffnet’ ich den Busen ihr
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und weil der Schlaff sie noch umschlossen/
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hab’ ich ein Küßchen oder vier
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in solcher stillen Nacht genossen.

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Diß sach der Eyffer-volle Mohn
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und ward entrüst ob meinen Freuden.
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So schöner Liebe reicher Lohn
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macht auch die Sterne selber neiden.

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Er schoß’ ihr einen Demant straal
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in die verschloßnen Augen-lieder/
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darob erseuffzte sie einmahl
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und rühret’ ihre Marmor-glieder.

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Sie schlug’ die müden Lichter auff/
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die auch die Sonne können hönen/
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Ich dachte schon auff Flucht und Lauff
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besorgt des Zornes dieser Schönen.

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Hab’ Amor Dank und Venus/ du
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daß ihr mir damahls Gunst erworben/
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ich were sonst in selbem nu
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für ihrer Lager-stadt gestorben.

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Jhr habt es nur allein gemacht/
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daß Sie mich freundlich angenommen/
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daß sie mich lieblich angelacht/
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und hiesse zu dem Bette kommen.

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Zwar sprach sie: durffstu diese Zeit
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dich/ mich zusprechen/ unterwinden?
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hastu nicht satt Gelegenheit
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bey Tage dich bey mir zu finden.

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Doch drukkte sie mich sanfft an sich
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und küßte mich zu vielen mahlen
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da dacht’ ich/ Elend/ nicht an dich/
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noch meiner ersten Liebes-Qwaalen.

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Halt/ Bette/ du nur reinen Mund/
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und sey/ gleich wie du pflegst/ verschwiegen/
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und mitten in den Rosen liegen.

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Ich und Dorinde/ schweigen auch.
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Wirst aber du ein Wort bekennen/
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und ganz zu Staub und Pulver brennen.

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Wenn einer fragt/ was mehr geschach
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So bald Dorinde wurde wach
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weil sie mit mir nicht war zufrieden.

(Filidor der Dorfferer [i. e. Stieler, Kaspar von]: Die Geharnschte Venus. Hamburg, 1660.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Kaspar von Stieler
(16321707)

* 02.08.1632 in Erfurt, † 24.06.1707 in Jena

männlich, geb. Stieler

deutscher Gelehrter und Sprachwissenschaftler

(Aus: Wikidata.org)

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