An das sich gleich-gültigstellende Frauen- Zimmer

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Johann Georg Gressel: An das sich gleich-gültigstellende Frauen- Zimmer (1716)

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Jhr Schönen zündet ihr kein Liebes-Feur mehr an/
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Und muß die holde Gluht in euch vergebens brennen?
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Wo sind die Flammen/ die euch
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Und wolt ihr keinen Blick den Manns-Persohnen gönnen?
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Mein! sagt ist das kein Feur/ das in der Aschen glimmt/
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Und ist das keine Gluht/ was in den Augen stecket/
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Wie! daß es denn so bald den freyhen Geist einnimmt/
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Und in der harten Brust ein Liebes-Feur erwecket?
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Wer glaubte/ daß noch Feur in
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Wenn nicht der Rauch und Dampff den innern Brand
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bewiesen/
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Eur rohtes Angesicht verbirget nicht so sehr/
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Als ihr/ die schöne Gluht/ doch wirds von euch gepriesen.
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Wenn ein beliebter Blick aus euren Augen geht/
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Das ist als wenn ein Blitz durch dicke Wolcken fähret/
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Jemehr der Wind und Lufft dem Wetter widersteht/
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Jemehr man dessen Krafft und Donner-Schläge höret.
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Was euer Hertz gedenckt/ das zeigt das Auge an/
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Sie sind/ wißt ihrs doch wol/ Verrähter eurer Seelen/
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Ein Spiegel holder Gunst/ der Liebe Renne-Bahn/
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Wo selbst durch Blick und Strahl die Hertzen sich vermählen.
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Jhr werffet Donner zwar und Blitz auf den herzu/
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Der eure Wangen will/ und auch die Lippen küssen/
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Schalckhaffte ists nicht wahr empfindet ihr eh Ruh
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Bis daß man eurem Mund die Küsse lassen wissen?
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Der muß verworffen seyn bis in das dunckle Grab/
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Wer nach den Lippen will und nach den Brüsten lächtzen/
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Und der wird gar verdammt/ der da bricht Früchte ab/
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Doch sieht man insgeheim euch nach den Männern ächtzen.
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Euch scheint ein süsser Kuß ein Uberdrus zu seyn/
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Doch wolt ihr/ daß man ihn euch auf die Lippen leget/
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Wenn man euch küßt/ so tränckt man euch mit
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Und euer Hertze wird zu süsser Lust beweget.
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Jhr gebt zum Schau-Gericht die milchern Brüste hin/
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Die Seuffzer müssen sie hoch in die Höhe schwellen/
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Jhr liebt/ und wollet doch der
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Es ist euch gar kein Ernst eur Weigern und Verstellen.
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Wenn ihr die Brust beschaut/ wie da Corallen glühn/
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So muß der Wollust-Wind sie in die Höhe prallen/
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Jhr wolt man soll daraus den Liebes-Zunder ziehn/
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Und küssend behten an die schönen Liebes-Ballen.
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Wenn gleich ein zartes Tuch die weisse Brust bedeckt/
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So scheinen doch herdurch derselben Anmuhts-Rosen/
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Jhr habt sie nur zum Schein/ und nicht im Ernst versteckt/
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Sie gibt sich bald hervor/ wenn man sie lieb will kosen.
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Jhr stellt euch ernsthafft an/ und seyd so nicht gesinnt/
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Jhr wolt man soll den Griff nur ungebehten wagen/
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Ists nicht so/ daß man euch denn am geneigsten find/
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Wenn ihr die dreiste Hand gedenckt hinweg zu schlagen?
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Jhr lacht/ wenn ihr erschröckt ein ehrerbietigs Hertz/
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Und freut euch wenn es seuffzt/ daß ihr den Kuß verwehret/
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Der aber ist beliebt/ der weiß/ daß es nur Schertz/
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Und der im minsten sich an eur Verstellen kehret.
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Ja darum laßt ihr offt euch halb entblösset sehn/
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Daß man betrachten soll die angenehmen Schätze;
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Greifft man euch tapffer an/ so ist es leicht geschehn/
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Daß ihr euch selber fangt in eure eigne Netze.
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Es wird gar bald erweicht/ was euch so spröde macht;
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Acht man nicht/ wenn ihr sprecht: man soll sich etwas schämen/
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So hat mans ohne Müh bey euch dahin gebracht/
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Daß ihr euch gerne mögt zu aller Lust bequehmen.
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Jhr stelt euch nur so hart als wie ein Kieselstein/
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Da doch ein sanfftes Wort eur hartes Hertz bald zwinget;
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Wer diese Kunst nicht weiß/ der leidet Höllen-Pein/
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Weil denn durch euer Hertz/ kein starcker Seuffzer dringet;
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Wenn er/ wie
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Und sich wie
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In einen Hund verkehrt; ihr ihn doch nicht befreyt/
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Er muß wie
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Doch o schalckhaffte Art! eur Hertze ist ein Feur/
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Das eurem gantzen Leib mit heisser Glut entzündet;
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Eur Stellen machet euch auf kurtze Zeiten theur/
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Bis man den rechten Ort zu der Erlangung findet.
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In euren Brüsten liegt des
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Und aus den Augen bricht der Uberfluß der Flammen/
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Es brennet überall eur starck verhitztes Blut/
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Jhr lobt die süsse Brunst/ die ihr doch wolt verdammen.
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Der würde gottloß seyn/ der eure glatte Schooß/
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Die ihr vor heilig schätzt/ mit freyer Hand berührte;
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Und wehrt/ daß
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Und ihn damit zur Grufft der schwartzen Höllen führte.
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Jhr stellt euch wilder an als wie die Furien
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Wenn man beküssen will der Wollust Ruhe Plätze/
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Denn muß man euch ergrimmt wie Löw und Tyger sehn/
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Wenn man zu nahe kömmt an eure Wunder Schätze.
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Die Wolcken schlagen so mit Blitz und Feur nicht her/
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Als wenn ihr Zorn und Grimm aus eurem Munde speyet/
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Wer euch einst küssen will/ dem hilfft kein Bitten mehr/
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Wer in der Schooß will ruhn dem wird der Tod gedreuet.
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Es scheint/ man könte eh/ das blaue Sternen-Dach/
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Als euren schlancken Leib/ Argstlistige/ umfangen.
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Je mehr man sich bemüht/ je wenger gebt ihr nach/
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Jhr wolt mit Sprödigkeit als einem Schmucke prangen.
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Doch Männer fürcht euch nicht vor dieser strengen That/
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Wenn schon ihr Paradies der Liebe sich verschlossen/
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Wenn man euch gar verdammt/ und gantz verworffen hat/
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So seyd ihr drum doch nicht aus ihrer Gunst verstossen.
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Sie schliessen willig auf/ so Lippen Mund und Brust/
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Der Wollust Schlaff-Gemach/ wo man in Rosen-Gründen
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Der Liebe Honig-Seim und Zucker süsser Lust
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Kan ohne Weigerung in der Umarmung finden.
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Drum quählen sie euch gleich durch
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Ists/ daß ihr keine Gunst von ihrem Stoltz geniesset/
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Erweckt ihr harter Zorn Beschwerung/ Angst und Pein/
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Daß euch der Lebens-Geist wie weiches Wachs zerfliesset.
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So dencket/ daß ihr Hertz euch in Gedancken küßt/
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Sie werden eh ihrs meynt/ verändert und verkehret/
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Jhr Hertz so Demant scheint im Augenblick zerfließt/
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Nur nehmet dis zur Lehr; Sie wollen seyn geehret.

(Celander [i. e. Gressel, Johann Georg]: Verliebte-Galante/ Sinn-Vermischte und Grab-Gedichte. Hamburg u. a., 1716.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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