Ode an die Frau Schloßhauptmannin von Spiegel . Ueber das Absterben Jhres Gemahls

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Justus Friedrich Wilhelm Zachariae: Ode an die Frau Schloßhauptmannin von Spiegel . Ueber das Absterben Jhres Gemahls (1764)

1
Noch seh ich Dich gen Himmel schauen,
2
Mit thränendem von Angst gebrochnem Blick!
3
O Du gebeugteste der Frauen,
4
Wo ist nunmehr Dein ganzes irdsches Glück?

5
Es ist dahin! — Als wenn im Wetter
6
Ein schneller Stral vom schwarzen Himmel fährt,
7
Den Baum entflammt, und Stamm und Blätter
8
Mit wilder Glut im Augenblick verzehrt.

9
So liegt Dein Spiegel! Laß den Klagen
10
Den freyen Larf; zu sehr verdient er sie!
11
Du siehest ihn zur Gruft getragen
12
Zu hart geraubt, zu unverhoft, zu früh!

13
Nicht deiner Zähren Strom zu wehren,
14
Naht sich zu dir die Muse, selbst gebeugt;
15
Ich würde weniger Dich ehren,
16
Wenn weniger Dein Herz sich uns gezeigt.

17
Ich selbst, der ich nicht das verlohren,
18
Was Du verlierst, ich steh noch stumm und kalt;
19
Mir klingt in den erschrocknen Ohren
20
Sein Röcheln noch; noch seh ich die Gestalt

21
Des Sterbenden. Mußt ich es sehen,
22
O Theurester, wie dir das Auge brach!
23
Ich sahs; mir blieb der Athem stehen,
24
Ich sprach Gebet, kaum wissend, daß ichs sprach.

25
So war die edle Seel entwichen!
26
Er lag vor uns, den wir so sehr geliebt,
27
Ein kalter Leichnam, starr, verblichen,
28
Wir all um ihn lautweinend und betrübt.

29
Tritt her zu seiner frühen Bahre
30
Leichtsinniger! tritt her, sieh schreckensvoll,
31
Daß Jugend, so wie graue Haare,
32
Des Todes Schwerdt, gleich grausam, treffen soll.

33
Du fliehst? — Mit furchtbar weiten Schritten
34
Hohlt er dich ein; wie eitel ist dein Fliehn!
35
Nicht Klagen, Thränen, oder Bitten,
36
Nicht Stand, nicht Pracht, nicht Gold, entfernen ihn.

37
Wenn jemals Thränen ihn gerühret,
38
So hätten ihn die Deinigen gerührt,
39
Gebeugte Frau! Doch er vollführet
40
Den schweren Schlag, und ach! er ist vollführt!

41
Du, der du seine Pfeile lenkest,
42
O Ewiger! der du auch solchem Schmerz,
43
Auch solchem Jammer, Kräfte schenkest,
44
O schau herab auf Jhr zerrißnes Herz!

45
Zerrissen blutet es — zerrissen
46
Von deiner Hand; denn ists nicht deine Hand,
47
Die Jhr das größte Glück entrissen,
48
Das reinste Glück, das Sterbliche gekannt?

49
Wie liebten sie! Ach! gieb der Seele,
50
Die so geliebt, nun einsam übrig ist,
51
Gieb an des Gatten Todtenhöle
52
Jhr deinen Trost, den noch ihr Herz vermißt.

53
Laß, wenn sie weint, sie Lindrung weinen!
54
Zwar hört sie noch die heilge Stimme nicht,
55
Die unter Gräbern und Gebeinen
56
Des Christen Trost in unsre Seelen spricht.

57
Doch einst wird sie die Stimme hören,
58
Wird fühlen, HErr, was sie erst nicht empfand;
59
Und deinen hohen Willen ehren,
60
Der Wohlthat auch im Jammer Jhr gesandt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Justus Friedrich Wilhelm Zachariae
(17261777)

* 01.05.1726 in Bad Frankenhausen/Kyffhäuser, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Komponist

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.