Gebet um den Frieden

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae: Gebet um den Frieden (1764)

1
Herr! GOtt und Vater deiner Kinder!
2
Vergißt du, Schöpfer, deiner Welt?
3
Ist niemand, welcher für uns Sünder
4
Dir, Richter, in das Rachschwerdt fällt?

5
Noch sendest du zum Blutvergiessen
6
Den Todesengel vor dir her;
7
Und unter des Erwürgers Füssen
8
Liegt alles wüst, entstellt, und leer.

9
Schau doch mit Einem Blick der Gnaden
10
Auf die zerstörte Welt herab!
11
Und sieh, wie ganze Myriaden,
12
Das Schwerdt frißt, und das weite Grab.

13
Sieh, wie die Fluren öde liegen;
14
Wie ohne Trost der Landmann steht,
15
Der unter seiner Herrscher Siegen
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Jm Mangel schmachtet und vergeht.

17
Leer, und mit Thränenvollen Blicken,
18
Verläßt er sein geplündert Haus;
19
Es lodert hinter seinem Rücken,
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Sinkt, und zerfällt in Schutt und Graus.

21
Und seine schwachen Kinder weinen
22
An seiner Hand umsonst um Brod;
23
Und jeder Seufzer von den Seinen
24
Ist für sein Herz langsamer Tod.

25
Von seinem Reichthum, aller Haabe,
26
Bleibt ihm zur Hülle kein Gewand.
27
So schleppt er sich am Pilgerstabe
28
Fern in ein unbekanntes Land.

29
Rund um umgeben von Gefahren,
30
Entrinnt er so aus Mord und Brand;
31
Und ferner Völker Kriegesschaaren
32
Bedecken seiner Flüsse Strand.

33
Die Elbe wälzt zum Oceane
34
Die Fluth, durch Leichen aufgeschwellt.
35
Und an der Oder winkt die Fahne
36
Zu wilden Schlachten in das Feld.

37
Die Spree sieht ihrer Kinder Zagen,
38
Sieht ihrer Freuden sich beraubt;
39
Und bey der Unterdrückten Klagen
40
Verbirgt der Weserstrom sein Haupt.

41
Wohin man blickt, sieht man Verheeren;
42
Die Städte wüst, das Land in Blut;
43
Und über beyde Hemisphären
44
Verbreitet sich des Krieges Wuth.

45
O sieh darein! Erbarmer, Retter!
46
Du wirst dich uns nicht ganz entziehn;
47
Wirst nicht, verhüllt in Nacht und Wetter,
48
Stets wider uns zur Rache ziehn.

49
Ruf ab das Schwerdt vom Feld der Todten,
50
Das uns zum Fluch geschärfet ward!
51
Und sende deinen Friedensboten
52
Dem Erdkreis, welcher auf ihn harrt!

53
Vernimm das Flehen frommer Bether!
54
Du lenkst der Fürsten Herz allein;
55
Lenk es zum Frieden! Laß sie Väter,
56
Und Menschen wieder Menschen seyn!

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae
(17261777)

* 01.05.1726 in Bad Frankenhausen/Kyffhäuser, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Komponist

(Aus: Wikidata.org)

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