An Selinen

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae: An Selinen (1764)

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Was ist der Muse Pflicht an diesem festlichen Tage,
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Der deinen holden Namen führt;
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Als daß sie ihn für sich in stiller Einsamkeit feyret,
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Und ihm die Winterblumen weiht.

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Du, Knabe, nimm zur Hand die lockenschaffenden Ei-
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Und kräusle mir mein braunes Haar!
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Verschwende deine Kunst in sanfterduftenden Locken
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Von Puder und von Rosenöl!

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Ich will geputzter seyn, als ein besiegender Jüngling,
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Auf den sein weißes Mädchen hoft;
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Den Pracht und Jugend schmückt, und dem Verlangen
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Die aufgeblühten Wangen färbt.

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Der schönste Weihranch soll mein heitres Zimmer durch-
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Daß Gram und schwere Dünste fliehn.
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Und der geschmückte Tisch, mit indischem Thone bede-
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Soll unter meinem Spiegel stehn.

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Auf dem will ich dies Lied zu einem Opfer dir bringen,
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Nebst einem bunten Blumenstrauß;
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Und für ein besseres Glück schick ich die treuesten Wün-
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Zu dem versöhneten Olymp.

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Auch soll mein Saitenspiel in seinen sanftesten Tönen
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Zum allzuharten Schicksal flehn.
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Sang eine Leyer doch ein Mädchen aus dem Gebiete
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Des fabelhaften Höllengotts.

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Erhöre meinen Wunsch, o unerbittliches Schicksal,
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Da dieser Wunsch nicht eitel ist!
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Laß mich Selinens Haar mit Wintergrüne bekränzen,
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Wenn dieser Tag mir wieder lacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae
(17261777)

* 01.05.1726 in Bad Frankenhausen/Kyffhäuser, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Komponist

(Aus: Wikidata.org)

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