Ode

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae: Ode (1764)

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Freund, — ich nenne Dich so auch vor den Augen der Welt,
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Als Dich mein hingerissenes Herz
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Jm sympathetischen Zug der ersten Wallungen nannte,
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Die meine durchdrungene Seele gefühlt.
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Denn sie kante Dich schon, da ich zuerst Dich erblickte,
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Als hätten wir uns seit Aeonen gesehn.

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Welch ein seliger Tag war nicht am Leinenstrand der,
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Da unsre Herzen zuerst sich vereint!
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Als wir in himmlischer Luft, in einem ländlichen Gar-
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Die göttliche Freundschaft auf hellem Gewölk
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Lächelnd über uns sahn, wie sie mit blumichten Van-
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Die sich gefundnen Seelen umzog.

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Liebt euch zärtlich und treu! (so sprach harmonisch ihr
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Jhr wart längst für einander bestimmt.
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Ich floh vom stralenden Tand, und von dem Pöbel in
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Der meine holdseligen Freuden nicht schmeckt.
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Bey dem mächtigen Thron gieng ich unsichtbar vor-
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Und schenk euch im Tempel der Musen mein

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Nicht vergebens winkt euch durch jenen heiligen Hain
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Die hohe Dichtkunst in spätere Welt.
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Sie giebt euch auch nicht umsonst die hohe melodische
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Für jeden in glücklichem Gleichlaut gestimmt.
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Singt die Freundschaft darauf, das größte Geschenke
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Das von dem Menschen zum Engel erhebt.

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Wir umarmten uns, Freund, und sahn mit fühlendem
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Der holden Göttin im Stralenweg nach.
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Der Musen und Grazien Chor schloß uns in lächelnde
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Die Dichtkunst gab uns gefällig die Hand.
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Und sie reichte Dir, Freund, die mächtigtönende Leyer,
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Die noch dem Kenner in Nachwelten schallt.

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Ich war lauter Gefühl, als deine zaubernde Hand
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Die reinen silbernen Saiten durchflog.
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Erstaunend sah ich, wie schnell Du Harmonien geler-
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Nur einem Haller und Klopstock bekant.
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Kaum gedachte mein Stolz des Lehrlings Töne zu hö-
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Und ihn bestürzte des Meisters Gesang.

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Furchtsam sing ich Dir ietzt — Denn eines Pultes
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Und einer eroberten Locke Homer,
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Hat mich vielleicht nur umsonst mit hohen Tönen ent-
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Die unnachahmlich dem Deutschen noch sind.
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Doch der Beyfall von Dir soll meine Kühnheit bede-
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Mit der ich zu schwindelnden Pfaden geklimmt.

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Blicke gütig auf mich von jenen umleuchteten Höhn,
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Auf die Dich die günstige Muse geführt.
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Dies ist mein größester Ruhm, daß mich ein Gem-
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Und meinen gewagten Accorden zuhört.
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Meine Leyer soll nie in sanften Tönen erzittern,
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Daß sie von unserer Freundschaft nicht singt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Justus Friedrich Wilhelm Zachariae
(17261777)

* 01.05.1726 in Bad Frankenhausen/Kyffhäuser, † 30.01.1777 in Braunschweig

männlich, geb. Zachariae

deutscher Schriftsteller, Übersetzer, Herausgeber und Komponist

(Aus: Wikidata.org)

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