1
Mein Schreiben ist verderbt/ die Feder ist verschnittẽ
2
Die Tinte fleust nicht mehr/ wie sie zuvor gethan/
3
Es wird ein kleiner Brief dich umb Verzeihung
5
Daß ich forthin als Mann/ dich nicht bedienen kan.
6
Dein Abelard ist nicht/ was er zuvor gewesen/
7
Er flöst dir künftig nicht die Zucker-Tropfen ein
8
Du kanst bey mir nicht mehr die Liebes-Apfel lesen.
9
Dich heist man ohne Lust/ mich ohne Kräften seyn.
10
Kein fleischlich Jubel-Jahr ist mehr von mir zu hoffẽ
11
Nach dem ich lebenslang die Faste halten muß/
12
Das Messer/ so mich schnied/ das hat dich auch ge-
14
Man gönnt dir ferner nichts als einen schlaffen Kuß
15
Helisse meynt vielleicht/ daß ich ein Retzel schreibe
16
Und ein verwörrter Schertz den Brieff bekleiden soll/
17
Nein! was die Seele qvält/ das qvilt aus meinem
19
Sie ist der kalten Angst/ er heisser Schmertzen voll.
20
Wo ist der edle Lentz/ wo bleibt die süsse Stunde/
21
Als mich der heisse Strahl der Liebes Sonne stach/
22
Als ich die Negeln dir auf dem Zinober Munde/
23
Und in der engen Schoß die Zucker-Rosen brach.
24
Ich kan im Geiste noch den süssen Honig schmecken/
25
Der mir aus deinem Mund auf meinen Lippen floß.
26
Was eingeschlafen lag/ das kontest du erwecken/
27
Du warst mein Seelen Zug und ich dein Leibgenoß.
28
Die süsse Kützelung die spielt mir noch im Hertzen/
29
Als in dem warmen Schnee ich rothe Beeren laß/
30
Recht satt von Buhlerey/ und voll von Liebes-
32
Auf des Gelückes Schoß/ und auch auf deiner saß.
33
Mein Frühling ist verblüth/ es ist mein Winter kom̃ẽ
34
Die nackte Liebe scheut erkalten Reif und Schnee/
35
Dein falscher Vetter hat mir meinẽ schatz genom̃en/
36
Er stielt mir meine Lust/ uñ schenckt mir Ach uñ Weh.
37
Er kan mich füglich nicht von deiner Seite treiben/
38
So raubt sein Henckers Siñ/ mich endlich selber mir/
39
Was mänlich in mir lag/ daß hieß er mir entleiben.
40
Vor Perlen findest du die leere Muschel hier.
41
Ach wie verfolget mich das flüchtige Gelücke/
42
Ich meynt es richte mir ein Bett’ aus Liljen zu/
43
Ich wär’ ein weisser Zweck von seinem Liebes Blicke.
44
Es führte sein Magnet mich in den Port der Ruh.
45
Ich äß’ aus seiner Hand ambrirte Mandelkochen/
46
Es legte mir das Haupt auf seine weiche Brust/
47
Es hätte vor mein Heil und Leben gut gesprochen/
48
Er tränckte mich mit nichts als Moscateller-Most.
49
Es hätt’ auf ewig sich mir treu zu seyn verschworen/
50
Es salbte mir das Haupt mit frembden Balsam ein/
51
Mein Unstern hätte sich aus der Natur verlohren/
52
Mein Lied das würde nichts als Halleluja seyn.
53
So spielt der selbst Betrug umb unsre blöde Siñen/
54
Cometen scheinen oft in unser Freuden-Hauß/
55
Den Lust Saal schauen wir wie dünnen Schnee zer-
57
Und dieser Bau verfält auch ohne Ziegel Graus.
58
Wo vor die Freudigkeit uns wolte Palmen streuen
59
Und Bisem und Zibeth uns opfert ihre Schoß/
60
Da will das Ungemach mit seinem Donner dreuen
61
Und läst auf uns erzörnt entbrennte Keile loß.
62
Der Hoffnungs-Ancker bricht/ der Freudens-
64
Man hört wie uns die Lust verlohrne Söhne heist/
65
Wie dz Verhängnis uns mit Jam̃er Seilen bindet/
66
Und unser Hertze selbst aus unsern Hertzen reist.
67
Heliß ich weiß forthin kein rechtes Wort zu machen
68
Die Seele blutet mir/ es kräncket Geist und Muth;
69
Wem Schmertzen/ Scham und Furcht tief in dem
71
Der schreibet/ wie du siehst/ gewieß nicht allzu guth.
72
Ich schlafe wachende/ und kan kein Auge schliessen/
73
Du schaust/ wie meine Schrifft nicht Gleiß uñ Ord-
75
Ich ließ dich zwar die Kunst des klugen Schreibens
76
Die mir als Meistern selbst aus dẽ Gedächtnüß fält.
77
So treñt durch Zufall sich/ was Lehr uñ Leben heisset/
78
Ein kleiner Neben-Zug reist Löwen Kräfften ein;
79
Man schaut/ wie uns die Noth aus dẽ Gewichte reis-
80
Und grosse Riesen heißt verachte Zwerge seyn.
81
Ich meint auf heiser Glut wie auf den Thau zu lachẽ/
82
Es solte mir kein Dorn verschrencken meine Bahn;
83
Ich dacht’ auf düñem Eiß ein Buhler-Lied zu machẽ/
84
Jzt lern ich/ daß ein schnitt mein Meister werdẽ kan.
85
So hebt die Hochmuth uns auch über das Gestirne;
86
Vergist was menschlich ist/ und keñt die Erde nicht.
87
Verliebt sich in sich selbst/ und bauet im Gehirne/
88
Wz ein geringer Wind wie Spiegel-Glaß zerbricht.
89
Helisse kennstu noch was ich zuvor gewesen;
90
So kehre mir auch itzt ein treues Auge zu.
91
Laß deine Wehmuth mich aus einem Briefe lesen/
92
Der nach dem Him̃el schmeckt/ uñ lieblich ist/ wie du.
93
Du kanst alleine mir das beste Pflaster senden/
94
So mir die Schmertzen dämpft/ uñ mich der Noth
95
Uñ dis alleine steht in deinen zarten Händẽ.
96
Ich weiß/ daß mich dein Mund noch seine Seele heist.
97
Du hast ja meinen Geist zu erste lernen kennen/
98
Mein Geist hat deinen Geist eh als den Leib geliebt.
99
Und glaub: ich werde noch in meiner Seele brennen/
100
Ob gleich der matte Leib nicht rechte Funcken giebt.
101
Mein Geist sol deinen Leib auf neue Weisse küssen/
102
Und mein Gemüthe wird stets unverschnitten seyn.
103
Ich weiß/ der Him̃el selbst wird meine Noth versüssẽ/
104
Und streut die Liebligkeit mit reichen Händen ein.
105
Nicht scheu dich diesẽ Brief in deine Hand zu schliessẽ/
106
Er ist verwund/ wie ich; ach druck ihn nicht zu sehr!
107
Laß doch zu meinem Blut auch deine Thränẽ fliessen;
108
Die Feder fällt mir hin; Heliß’ ich kan nicht mehr.