Agnes an Ungenand

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Agnes an Ungenand (1679)

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Dein Agnes schreibet hier mit Banden an den
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Händen/
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Mit Riegeln wohl verwahrt die mehr als stäh-
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lern seyn/
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Mit Finsternüs umbstrickt/ verwacht an allen Enden/
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Wer aber liefert dir diß kleine Schreiben ein?
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Ich muß itzund aus Noth dergleichen Leuthen trauen/
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Da keine Höfligkeit ie eingewurtzelt hat/
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Wird ein verdächtig Aug’ auf meine Zeilen schauen/
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So find die gantze Welt hier neue Missethat.
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Es zeiget mir itzund das schlüpffrige Gelücke/
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Wie seine Schmeicheley die Welt berücken kan/
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Zuvor erqvickten mich die Strahlen deiner Blicke/
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Jtzt schaut ein Scherge mich mit schelen Augen an.
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Ein Hertzog küste mir vor diesem Haud und Armen/
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Jtzt schleust man meinen Leib in Ketten und in Band/
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Vor schaut ich nichts als Neid/ itzt schau ich kein Er-
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barmen/
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Und bin ein Gauckel Spiel vor dieses gantze Land.
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Diß macht der Purpur Rock/ damit du mich umgeben/
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Diß macht/ dieweil dein Geist dem meinen wolgewolt/
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Der Kuß/ den ich empfing/ der bringt mich umb das Le-
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ben/
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Denn das du mich geliebt ist meine gröste Schuldt.
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Wie leichtlich irren doch die Circkel unsrer Sinnen/
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Wie macht das Hofnungs Glaß uns alles viel zugroß.
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Ich meint’/ ich würde nun forthin nicht fallen können/
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Ich wolte Göttin seyn und nicht ein Erdenkloß.
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Ich meint’/ ich were nur vor Fürsten Bluth erkohren/
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Es were nur mein Mund gekrönter Küsse werth/
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Ich glaubte nicht/ daß mich ein Bürgers Weib geboh-
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ren/
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Wie aber hat die Zeit mir diesen Wahn verkehrt?
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Dein Vater hat mich recht auch meinen lassen wissen/
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Und gründlich kund gethan/ wo ich entsprossen bin/
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Den Purpur hat er mir vom Leibe weggerissen/
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Und jagt mich itzt entblöst in ein Gefängnüs hin;
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Hier muß ich mich gebückt in Ketten lassen legen/
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Wie drückt das Eisen doch itzt meine zarte Handt!
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Wie mir zu Muthe sey das kanstu leicht erwegen/
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Dann dir ist mein Gemüth und auch mein Leib bekant.
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Mein Albrecht scheu dich nicht mein Schreiben zu
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durch lesen/
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Es komt von dieser her die du hast hoch geschätzt/
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Schau was ich itzund bin/ du weist was ich gewesen/
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Und wie manch feüchter Kuß hat deinen Mund ergetzt.
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Send’ einen Seuffzer nur auf meine schwere Bande/
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Dann keine Rettung ist vor mich auf dieser Welt/
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Ach were nicht mein Blut von allzuschlechtem Stan-
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de/
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So würd’ ich dir/ und nicht dem Tode zugesellt!
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Ich dürffte nicht wie itzt bey Henckers Buben leben/
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Man salbte meinen Leib mit frembden Balsam ein/
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Es müste Seid und Gold umb meine Lenden schweben/
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Und Agnes müste Braut des jungen Hertzogs seyn.
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Es würde dieses Land Gelück und Segen ruffen/
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Man würffe mir erfreut des Frühlings Kinder zu/
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Ich hätte nichts als Lust/ und nichts als Ruhm zuhoffen/
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Und meiner Schätze Schatz/ O Hertzog! wärest du.
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So muß sich die Natur das Glücke meistern lassen/
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Und Menschendreuungen sich machen unterthan/
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Muß schauen wie man sie mit Satzung will verfassen/
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Die auch der Richter selbst nicht leichtlich halten kan.
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Da muß ein hoher Geist nicht hoch und edel heissen/
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Der nicht in Cronen sitzt und aus dem Purpur schaut/
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Muß den in Dinstbarkeit zu ehren sich befleissen/
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Der oft aus schlechtem Zeug ist worden aufgebaut.
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So muß das Silber offt gemeinem Ertzte dienen/
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So muß ein kluger Knecht vor einem Herren stehn/
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Der wie der Monde nur durch frembdes Licht geschie-
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nen/
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Und sonder Ahnen nicht darf vor die Thüre gehn.
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Doch will ich meinen Hals dem Joche nicht entziehen/
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So die Gewohnheit hat dem Menschen aufgelegt/
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Man muß die Last mit Lust zutragen sich bemühen/
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Wenn dieser es befihlt der Kron und Scepter trägt.
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Ich leide was ich kan/ es wird nicht ewig wehren/
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Die Kete nützt sich ab/ die Stricke gehn entzwey/
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Es muß der Menschen Zorn sich in sich selbst verzehren/
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Und wer gebunden lebt wird nach dem Tode frey.
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Was mich itzt trösten kan/ ist daß ich nichts verübet/
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Worauf das strenge Recht das Feuer ausgesetzt/
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Ein Fürst hat mich begehrt/ ich hab ihn auch geliebet/
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Und meine Seele war der seinen werth geschätzt.
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Ach Fürst/ läst deine Brunst noch etwas Thränen flies-
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sen/
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Geht ein getreues Ach durch deinen schönen Mundt/
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So wisse/ das mir diß wird meine Noth versüssen/
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Wer aber machet mir die treue Zeichen kund?
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Doch kan ich dein Gemüth und deinen Geist erkennen/
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So weiß ich das dich wird bewegen meine Noth/
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Du wirst in kurtzen diß die ärgste Zeitung nennen/
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So zeitlich kommen wird: Jtzt ist dein Agnes todt!
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Ich weiß das letzte Wort vergleicht sich Donnerschlä-
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gen/
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Besonders wenn du denckst an diesen schönen Tag/
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Als du mich hast geführt auf deinen geilen Stegen/
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Und dein erhitzter Mund auf meinen Lippen lag;
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Genug! mein Fürst und Herr/ was soll ich ferner schrei-
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ben?
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Geneuß der Jugend Lust/ gebrauche dich der Welt
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Du kanst auf deinem Stuhl und in dem Purpur blei-
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ben/
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Ob deine Liebe gleich durch einen Hencker fällt.
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Die Ehre hat mir noch dein Vater nicht entführ et/
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Daß ich gezeichnet bin durch deinen ersten Kuß;
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Ob meinen schwachen Leib gleich Gluth und Bluth
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berühret/
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So weiß ich/ daß man mir diß Kleinot lassen muß.
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Nunmehr gedenck ich bald aus böser Hand zukommen/
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Der Agnes bestes Theil/ O Fürst! beruht bey dir/
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Hast du die Rosen mir vor diesem abgenommen/
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So findet unser Feind die Dornen nur allhier.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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