Sittenore an Friedenheim

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Sittenore an Friedenheim (1679)

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Mein Freund/ ach gute Nacht! was sag ich gut?
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was meine?
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Weil du mich hassen solst/ und ich dich lassen
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muß?
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Der Himmel wolle doch daß meine Feder weine/
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Und dir verkündige des Jammers Uberfluß.
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Ein Wetter voller Angst zeucht über mir zusammen/
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Es stürmt das Ungemach aus Nord/ Sud/ Ost u. West/
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Ich schaue sonsten nichts/ als Donner/ Blitz uñ Flam-
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men/
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Ach daß der Himmel mich dergleichen melden läst!
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Der angenehme Brief/ den du mir hast geschrieben/
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Ligt itzt zu unsern Spott in Bruder Carles Handt/
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Dein Brief und meine Brust verrathen unser lieben/
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Und was verborgen lag/ wird aller Welt bekannt.
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Dein Schreiben schwärtzt der Hof mit giftigen Ge-
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dancken/
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Der Neid geust überall gefährlich Oele bey/
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Es glaubt nicht iederman/ daß unsrer Liebe Schran-
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cken/
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Zugleich ein Paradieß der Lust gewesen sey.
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Man kräncket Silb’ und Wort mit doppelten Ver-
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stande/
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Man leget ab und zu/ und prest die Falschheit aus/
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Dein Lieben heist man List/ und meines heist man
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Schande;
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Ja vieler Hoffarth nach/ befleckst du unser Hauß;
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Es schlägt der gantze Hof für mir die Augen nieder/
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Mein Frauen Zimmer selbst spricht mich mit Furchten
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an/
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Es scheinet Sonn und Luft die werden mir zuwider/
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Doch bleibet diß mein Trost/ ich habe nichts gethan.
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O hartes Donner Wort/ ich soll dich gäntzlich hassen/
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Du solst forthin nicht mehr ins Königs Zimmer gehn!
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Ach wolte mich der Arm des Todes doch umbfassen/
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Und könt ich in der Gruft der lieben Aeltern stehn!
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Hand und auch Feder sinckt aus Schwachheit zu der
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Erden/
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Ich mercke wie die Kraft zum Schreiben mir gebricht/
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Und so die Tinte mir zu fahl beginnt zuwerden/
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So dencke nur sie wird auß Thränen zugericht.
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Es scheidet uns die Noth: du solt in Deutschland rei-
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sen/
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Und ich soll ohne dich in meines Brudern Landt/
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Kanst du nicht Leit Stern seyn und mir die Strasse
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weisen/
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So lauft mein schwaches Schiff auf Klippen und
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auf Sand.
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Mir träumet albereit von Brausen/ Sturm und Wel-
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len/
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Es zeiget mir der Schlaf was Wind und Wetter kan/
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Verachtung/ Angst und Furcht seyn meine Schifs-
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Gesellen/
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Die Thränen melden mir schon einen Schifs Bruch
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an.
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Doch glaube/ muß ich gleich dein schönes Auge mei-
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den/
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Und reist ein grosser Spruch den treuen Fürsatz ein/
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So solst du dennoch nicht aus meinem Hertzen schei-
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den/
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Denn dieses soll ein Schif vor dich alleine seyn.
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Hier solst du neben mir durch Fluth und Wellen drin-
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gen/
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Was sag’ ich neben mir? ja in mir selber stehn/
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Man kan mir zwar den Leib doch nicht die Geister/
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zwingen/
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Des Königs harter Schluß weiß nicht so tieff zugehn.
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Wir können ungestöhrt uns im Gemüth ergetzen/
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Und hier verknüpffet seyn/ wiewohl man uns getrennt/
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Wir können unsre Lust auf eine Tafel setzen/
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Die sich den hohen Trutz des bleichen Todes nennt.
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Hier weiß man nichts was sonst muß Zwang und
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Trennung heissen/
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Hier ist der Wittwer Stand ein unbekantes Ding/
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Es kann kein Helden Arm des Geistes Band zerreissen/
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So von dem Himmel selbst entlehnte Krafft empfing.
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Kein Herrscher dieser Welt ist Herrscher der Gedan-
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cken/
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Die Freyheit hat allhier ihr rechtes Vaterland/
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In diesem zeiget sich der Liebe grüner Schrancken/
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Und was man hier verübt wird keiner Welt bekannt.
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Der wunderreiche Platz verachtet die Gesetze/
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Stand/ Reichthum/ Majestät/ ist ihm ein Gauckel-
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Spiel/
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Die Freyheit so ihn ziehrt ist mehr als tausend Schätze/
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Wann alles dienen muß so thut er was er will.
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Was aber speiß ich mich mit Schatten/ Dunst und
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Winde?
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Und baue mir ein Schloß hoch in die weite Lufft?
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Was mach ich mich itzund mit Fleiß zu einem Kinde?
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Und lache wenn die Noth mich in ihr Netze ruft.
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Dieß ist ein Gauckel Spiel der innerlichen Sinnen/
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Des Geistes Kützelung und klahrer Selbstbetrug/
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Weil ich dich/ treuer Freund/ nicht mehr soll schauen
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können/
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So hat mein Aug’ und Geist zutrauren rechten Fug.
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Ich soll in dieser Welt nicht mehr zu dir gelangen/
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Ein Abscheid dieser Arth ist ja ein rechter Todt/
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Dich ferner nicht zusehn/ zuhören/ zuempfangen/
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Schmeckt nach der Höllen Pein und nach der letzten
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Noth.
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Was hilft des Geistes Bild und alles Angedencken?
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Bild bleibet nur ein Bild/ Gedancken speisen nicht/
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Kan sich mein Auge nicht forthin auf deines lencken/
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So werd ich durch das Schwerdt des Sehnens hinge-
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richt.
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Das Schwerd/ so ich gedacht/ dringt schon auf meine
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Seele/
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Mich drücket albereit die lange Todes Nacht;
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Wo kann mir besser seyn als in der kalten Höle/
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Dahin sich nicht der Tag mit seinen Strahlen macht?
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Genug! geliebter Freund; die leichten Seegel pausen/
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Man ruft: der Wind ist gut; Ach! alzu gut vor mich/
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Ich macht itzt einen Schertz aus aller Winde sausen/
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Und reiste wolgemuth und frölich/ schaut’ ich dich!
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Man rufft mir; solt ich dich doch auch zu Schiffe ruf-
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fen/
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Vergebens! anders nichts/ als Liebster lebe wohl!
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Ich sey auch wo ich sey/ so kanstu sicher hoffen/
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Daß deiner nimmermehr vergessen werden soll.
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Dein Tugendhaffter Schertz und tausend andre Ga-
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ben/
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Die nicht zuzehlen seyn/ besitzen meinen Geist/
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Du kanst um deinen Ruhm noch das Gelücke haben/
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Das mehr als Hybla dir zu dienen sich befleist.
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Ich weiß kein Wort nicht mehr/ man löset itzt die Stü-
127
cke/
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Ich stelle mein Pappier getreuen Händen ein/
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Der Himmel kröhne dich forthin mit mehr Gelücke/
130
Als Thränen in den Brief allhier gefallen seyn.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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