Zuchtheimine an Tugenand

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Zuchtheimine an Tugenand (1679)

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Ein Brieflein deiner Magd fällt hier zu dei-
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nen Füssen/
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Und wünschet: Tugenand sey alles Seegens
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voll/
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Weil du mir es geschafft/ so hab ich schreiben müssen/
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Sonst weiß ich/ das ich nicht mit Fürsten reden soll.
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Ich bin wie dir bewust von gar geringen Stande/
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Und weiß nicht was ein Brief so grosser Hand begehrt/
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Man ehrt als einen Gott dich in den Deutschen Lande/
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Ich aber bin gewiß nicht deiner Knechte werth.
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Ich schreibe wie gesagt/ doch mit verwörrten Sinnen/
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Ich bin nicht Adlers Art/ mich blend’ der Sonnen Licht/
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Ich weiß nicht wie mir ist/ und waß ich soll beginnen/
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Vor Strahlen deiner Gunst kenn’ ich mich selber nicht.
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Ein grosser Hertzog soll ein arme Magd erkiesen/
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Die keinen andern Schmuck/ als Tugend in sich führt/
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Von Stande schlecht berühmt/ von Schönheit unge-
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priesen/
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Von Weißheit unbekandt/ von Reichthum ungeziehrt.
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Scham/ Furcht und auch verdacht läst mich nicht
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Worte finden/
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Daß ich wie sichs gebührt recht Antwort schreiben kan;
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Wem Angst und Blödigkeit die schwachen Finger bin-
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den/
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Der greift die Feder nur mit grossen Zittern an.
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Es träget mir itzund dein wohlgeziehrtes Schreiben/
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Die Bluhmen hoher Gunst in Ruhmes Schalen für/
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Laß dich zu deiner Magd doch nicht die Liebe treiben/
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Denn was du hast gerühmt/ das findst du nicht allhier.
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Es soll der Purpur sich mit Purpur nur vermählen/
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Den besten Ring beschämt ein falscher Diamant/
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Ich weiß dein Bitten ist ein höffliches Befehlen/
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Doch glaub/ ich bin zuschlecht vor eines Fürsten Handt.
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Das Hauß von Sonnenreich so schwer von Cronen
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worden/
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Und dem der Purpur Rock fast angebohren ist/
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Vergist sich endlich selbst/ und seinen hohen Orden/
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In dem mich Tugenand vor andern ausserkiest.
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Ich weiß nicht was ich wohl soll für Gedancken führen/
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Und ob dein Feuer nicht zu meinem Schimpffe brennt;
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Oft pflegt der Ehrenkrantz die Bluhmen zuverliehren/
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Wenn eine schlehte Magd die grossen Herren kennt.
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Ein Tritt in unser Hauß von solchen hohen Füssen/
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Ist ein Genaden Werck/ begleitet mit Verdacht/
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Der Mund so heute sich läst einen Fürsten küssen/
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Wird morgen Kinder Spott und hönisch ausgelacht.
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Jhr Gold macht oftermahls uns arm an Lob und Ehre/
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Ein Strahl von ihrer Gunst verzehrt oft unsern Ruhm/
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Was hilfft es/ das ich mich verdächtig loben höre/
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Es ist entlehntes Werck/ und nicht mein Eigenthum.
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Wie manch erlauchter Kuß hat Bluhmen weggerissen/
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Wo Nesseln mit der Zeit dafür gewachsen seyn.
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Und manche muß itzund mit heissen Thränen büssen/
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Daß sie sich hat erwärmt an grosser Sonnen Schein.
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Darf meine Kühnheit noch was mehrers hier vermel-
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den/
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Die Lieb’ ist voll Gefahr/ die Macht und Waffen trägt/
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Die Keuschheit wird zu nichts für einen edlen Helden/
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Der auf Verweigerung bald einen Krieg erregt.
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Da Ja muß Schuldigkeit/ und Nein Verbrechen heis-
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sen/
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Und dessen Traum alsbald in Wercke wird verkehrt/
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Der wegen seiner Lust nur will den Krantz zerreissen/
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Und durch der Liebe Gluth oft sich und uns verzehrt.
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Da schaut man/ daß alsdenn von grosser Herren Feuer
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Nichts/ als der Ruß verbleibt/ der unsern Nahmen
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schwärtzt/
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Gedencke Tugenand/ ein Kuß ist allzutheuer/
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Der unsre Ehre nim̃t/ wenn er hat ausgeschertzt.
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Dann kan man unsern Spott an allen Wänden lesen/
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Und unser Nahme muß der Lust zu Dienste stehn/
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Ja wo ein solcher Held vor diesem ist gewesen/
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Da will alsdenn ein Knecht nicht wohl zu Bette gehn.
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Vergieb mir/ was ich itzt aus freyer Einfalt schreibe/
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Die Früchte/ so du schaust/ die hastu aufgebracht/
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Und dencke/ dieser Brief der komt von einem Weibe/
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Die dein Erniedrigung hat allzukek gemacht.
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Ich gründe mich nun gantz/ mein Fürst/ auf deine Tu-
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gendt/
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Du heist bey iederman ein Spiegel dieser Welt/
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Ich muß dir stille stehn/ sofern in meiner Jugendt/
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Wo nichts zu etwas wird/ dir etwas wohl gefällt.
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Ich hoffe deine Gunst/ die wird mich nicht beflecken/
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Denn wie die Sonne schwärtzt/ und doch auch bleichen
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kan/
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So wirstu einen Strahl der Keuschheit auf mich stre-
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cken/
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Mich deucht er streicht mich schon mit edlern Farbẽ an
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Ich lasse Gott nunmehr und deine Tugend walten/
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Ist dieses nechst bey mir/ so leb ich Kummers frey;
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Ich weiß du erachtest mehr dein Ehre zu erhalten/
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Als wie dein Liebes Wunsch recht zuerreichen sey.
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Was Eh’ und Ehrlich heist/ hast du mir zugesaget/
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Ein wort von deiner Hand ist mir ein theurer Eydt/
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Ich muß gehorsam seyn/ weil dir es so behaget/
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Und du Belieben hast an meiner Dürfftigkeit.
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Man wird mir zwar alsdenn ein scheles Auge zeigen/
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Und dencken Sonnenreich sey viel zu hoch vor mich.
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Ja deinem Vater will diß Werck zu Hertzen steigen/
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Er saget: Tugenand will itzund unter sich;
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Ich werde neben dir manch schnödes Urtheil hören/
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Doch unverdienter Haß ist wohl gegründter Ruhm;
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Und ein vergälltes Wort/ das wird mich nicht verseh-
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ren/
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Bleibt deine hohe Gunst nur stets mein Eigenthum.
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Jtzt hoff ich mehr Befehl von deinen werthen Händen
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Und schlüsse mich nun gantz in deinen Willen ein/
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Ein Geist/ der züchtig ist/ den kan ich übersenden/
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Sonst weiß ich keinen Schatz/ der um mich konte seyn.
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Jtzt höre noch ein Wort von deiner Zuchtheimine/
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Weil ich nicht zweiffeln kan an dem/ was du gesagt/
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So schwer’ ich daß ich dir mit gantzem Hertzen diene/
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Und will mein Tugenand/ so sterb ich seine Magdt.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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