Tugenand an Zuchthei- minen

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Tugenand an Zuchthei- minen (1679)

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Laß Zuchtheimine dich mein Siegel nicht er-
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schrecken/
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Und nenne meine Hand nicht einen frembden
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Gast/
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Der Adler/ den du schaust/ der kan dich nicht beflecken/
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Er wird dir unterthan/ weil du sein Hertze hast.
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Er will dich wo er kan/ der Sonne gleiche führen/
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Mein Flügel soll ein Schild für deinen Feinden seyn/
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Er will dein schönes Haubt mit einer Crone ziehren/
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Für der sich scheuen soll der goldnen Sternen Schein.
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Ich kenne deine Zucht/ und mache mir Gedancken/
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Daß Zuchtheimine nicht wird ohne Schrecken stehn/
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Sie ist so sehr vertieft in ihrer Keuschheit Schrancken/
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Und will auf dieser Bahn mehr als behutsam gehn.
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Sie nennet Buhlerey den Fall Strick zarter Jugendt/
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Sie schaut ein geiles Aug’ als einen Jrrwisch an/
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Sie hält ein freches Wort vor Räuber wahrer Tu-
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gendt/
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Und meinet daß ein Traum sie auch beflecken kan.
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Die Bluhme so von Lieb und brennen wird genennet/
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Ist ihr den Dornen gleich und nicht vor ihren Krantz/
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Sie meint das Liebestück als eine Nessel brennet/
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Und heißt den Venus Stern die Fackel ohne Glantz.
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Doch Zuchtheimine laß Verdacht und Kummer fah-
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ren/
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Die Flamme die mich treibt/ ist reine gleich wie du/
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Nicht prüfe so genau/ hier seyn nicht falsche Wahren/
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Es leget der Betrug hier kein Gewichte zu.
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Es soll mir mehr an dir als Fleisch und Blut behagen/
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Ich weiß die Schönheit ist ein Gauckelspiel der Zeit/
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Wir schauen sie vor uns fast stets zu Grabe tragen/
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Und machen uns zur Gruft derselben Eitelkeit.
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Ein ungeschmückter Schmuck/ die Gleichheit der Ge-
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berden/
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Ein Firnisloses Werck/ mit Amber unvermengt/
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Ein Blick/ der niemahls will durch Kunst verbessert
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werden/
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An dem die Einfalt noch mit beyden Armen hängt.
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Ein Purpur/ welchen Scham/ nicht Kunst hat ange-
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strichen/
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Ein Schnee der feurig ist und keine Hülffe kennt/
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Ein Gang von welchem nicht die Sitsamkeit gewichen/
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Ein Auge so von Scham und nicht vor Liebe brennt.
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Ein himmelreiner Geist/ wiewohl mit Zucht vermäh-
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let/
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Ein keusches Freundlich sein/ darauß die Tugend lacht/
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Ein Sinn so vor den Witz nur seine Fehler zehlet/
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Und sich durch dieses auch zu einem Engel macht.
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Dieß ist der feste Grund von meinem reinen Feuer/
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Kein geiler Schwefel hat denselben mir erweckt/
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Du hast (sag ich zuviel?) O schönes Ungeheuer/
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Durch keusche Funcken mir die Geister angesteckt.
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Die Gluth nun/ so von dir/ mir in das Bluth geflogen/
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Lauft als ein neuer Gast verwörret hin und her/
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Sie nötigt mich zu dir/ ich werd itzund gezogen/
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Mit mir bey dir zuseyn ist eintzig ihr Begehr.
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Ein Trieb von Ungedult/ ein unbekanter Schmertzen/
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Den ich nicht nennen kan/ entführt mich selber mir/
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Mein Geist beweinet mich/ und wünscht mit dir zuscher-
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tzen/
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Wann ich entschlaffen bin so sprachet er von dir.
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Er baut alsdann vor dich ein Lusthauß von Jeßminen/
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Wo keine Liebligkeit und hohe Macht gebricht/
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Er wünscht bey deiner Lust zu Tische dir zudienen/
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Und alle seine Krafft ist nur auf dich gericht.
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Er heist mich manchesmahl dich in den Schlafe küs-
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sen/
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Was küß ich? schlechten Wind; was faß ich? dünne Luft;
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Wann ich erwachet bin/ so muß ich solches büssen/
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Und werde wie ein Wild/ so nach dem Wasser ruft.
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Erwege meine Noth geliebte Zuchtheimine/
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Verbirg dein Auge nicht/ entzieh nicht deine Handt/
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Und glaube daß ich dir mit vollem Hertzen diene/
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Wilstu versichert seyn/ erforderst du ein Pfandt.
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Mein Hertze wolt’ ich dir zwar itzt zum Geissel geben/
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Doch wie zuvor gesagt/ du hast es mir entführt/
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Und dencke/ wo ein Mensch kan ohne Hertze leben/
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Das keinem mehr als dir/ was übrig ist gebührt.
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Drum schreib ein süsses Wort/ und laß dir diß belieben/
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Was meine treue Hand dir hier zuwissen macht/
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Mich heist die Lieb’/ und dich die Ehre nicht verschie-
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ben/
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Tritt Zuchtheimine doch aus der gewölckten Nacht.
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Tritt an das Sonnen Licht O Sonne meiner Sinnen/
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Mein Bluth streicht dein Geschlecht mit neuen Farben
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an/
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Soll denn alleine dich der Ruhm nicht beugen können/
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Der sonst das Frauen Volck so leicht bezaubern kan?
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Ich zeige keine Gunst die nur will heute wehren/
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Und wie manch Fligen-Wurm sich nur zwölf Stunden
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speist/
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Der Faden meiner Treu/ der läst sich nicht verzehren/
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Und wilst du mehr als diß/ dir soll was ehlich heist;
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Du solst in meiner Schoß nicht mit Verachtung sitzen/
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Mein Stammbaum wird dich sehn auf seinen Aesten
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stehn/
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Dich will nicht Tugenand durch leichte Brunst erhi-
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tzen/
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Du wirst mit ihm zu Bett’ und auch zu Grabe gehn.
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Ein gleiches Ja und Nein soll unsern Geist ergetzen/
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Ein Joch von Einigkeit des Himmels zugericht/
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Wird in das Paradiß der Freuden uns versetzen/
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Da tausend Engel seyn/ und keine Schlange sticht.
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Erwege was ich will/ und laß die reinen Flammen/
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Durch einen heissen Zug nunmehr verflochten seyn/
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Der Himmel führet uns durch seine Krafft zusammen
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Wer stellt/ wenn dieser schaft/ nicht alles Weigern ein?
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Ein kräfftenreicher Stern der heist mich dich umfan-
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gen/
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Der irret/ wer zufrech dem Himmel wiederspricht/
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Denn er muß seinen Schluß/ ich seine Gunst erlangen/
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Und denck’ auf dieses Wort: die Liebe feyret nicht.
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Ließ wohl und liebe wohl/ weil dein Gelücke blühet/
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Was dich erheben soll/ das steht in deiner Handt/
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Ich bin von wegen dein mehr als du denckst bemühet;
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Schreib nur vier Wörter hin: Ich will wie Tugenand.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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