Rosemunde an Siegreichen

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Rosemunde an Siegreichen (1679)

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Mein Held sey itzt ümkräntzt von tausend Lor-
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berzweigen/
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Es stellen Ost und West sich zinsbar bey dir
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ein/
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Es müsse sich die Welt vor deinem Throne neigen/
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Und aller Völcker Gold dir Cron und Scepter seyn.
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Wünscht deiner Mägde Magd die nichts hat zugeweh-
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ren/
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Und auch nichts würdig ist: Was aber will ein Brieff/
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Von ungemeiner Hand und eyfrigen Begehren/
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Der heut’ üm sieben Uhr in meine Hände lieff?
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Mich daucht’ ich säße schon umbzirckt von Nacht und
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Schatten/
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Es blickte mich kein Stern mit seinen Zwinckern an/
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So darf ich/ wie es scheint/ fast in ein Licht gerathen/
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Dem auch die Sonne selbst sich nicht vergleichen kan.
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Ich hofft’ ich lege nu in meiner Ruh vergraben/
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Es kennte mich vielleicht der nechste Nachtbar nicht/
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So soll ich nunmehr selbst in mir Verräther haben/
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Und zeucht ein schlechtes Lied mich in das Tage Licht.
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Ich weiß nicht wie mir ist und was ich soll beginnen/
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Ob Aug’ und Ohre mir die Zauberey bestrickt/
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Ob mich ein todter Schlaf hat überreden können/
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Daß Siegerich mich kennt/ und mir ein Schreiben
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schickt.
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Wie woll’ ich aber doch nicht meinen Augen trauen?
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Ich wach’ und schlafe nicht/ ich rede mit Verstandt/
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Ich kann den kleinen Brief erbrechen und beschauen/
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Und höre diesen Freund/ den du hast abgesandt.
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Es ist kein Bild vor mir/ ich fühl’ ein wahres Wesen/
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Ich weiß das dieses Wachs ein hohes Siegel ist/
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Ich küsse was ich itzt von grosser Hand gelesen/
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Wie aber/ daß man mich zuschauen auserkiest?
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Mich/ eine schlechte Magd/ und arm von allen Schä-
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tzen/
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Die sonsten die Natur den Frauen beygelegt/
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Mich/ die sich schämen muß sich in den Orth zusetzen/
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Wo Schönheit und Verstand zusammen seyn gepregt.
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Mein schwaches Auge kan die Strahlen nicht vertragẽ/
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Ein schlechter Zeug/ wie ich/ wünscht keinen hellen
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Tag/
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Es darf sich ja das Wachs nicht in die Sonne wagen/
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Man weiß wohl daß ein Glaß die Gluth nicht leiden
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mag.
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Der Schatten ist mein Freund/ dazu ich bin gebohren/
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Es bleibt die Einsamkeit mein bestes Vaterland/
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Ich habe zu der Fahn der Dürfftigkeit geschworen/
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Und bin/ wie mich bedeucht/ der Welt durch nichts be-
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kant;
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Ich habe mich bemüht in mich mich zuverschlüssen/
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Und meine gröste Lust war nicht bey Lust zuseyn/
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Mein Geist hat nicht gewünscht die Pracht der Welt
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zuwissen/
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Der Einfallt stelt ich mich zu einer Sclavin ein.
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Mein gantzes Trachten war mein Armuth zuverhölen/
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Mein enges Zimmer hieß ich eine weite Welt/
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Der Schatten bleibet doch der Port geringer Seelen/
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Und kein gemeines Fleisch wird Göttern fürgestellt.
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Es will ein Held mich itzt aus meinem Lager treiben/
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Und meine Freyheit soll nunmehr zu Hofe gehn/
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Wie soll ein schwaches Kraut in frembder Lufft beklei-
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ben/
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Wie soll ein Schwefel Licht bey grossen Fackeln stehn?
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Wie soll ich arme Magd doch grosse Herren speisen?
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Ich weiß kein Keyser Brodt/ und kan kein Himmels-
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Lied/
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Man saget allzuviel von meinen schönen Weisen/
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Ich weiß nicht/ wer zu erst auf diesen Wahn gerieth.
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Bißweilen hab’ ich zwar ein kurtzes Lied ertichtet/
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So schlecht von Weis’ und Art mir gleich und ähnlich
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war;
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Es scheint das Sprichwort sey nu gantz auf mich ge-
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richtet/
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Die Stimme bringet oft den Vogel in Gefahr.
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Wiewohl mein schlechter Mund gewißlich nichts ge-
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sungen/
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Was sich erkennen kan der Helden Ohren werth/
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So machet doch itzund der Lobspruch frembder Zun-
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gen/
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Daß meinen schlechten Thon ein grosses Haubt be-
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gehrt.
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Darff ich mich noch ein Wort zumelden unterwinden/
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Ist eine Zeile noch itzt deiner Magd erlaubt/
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So laß mich Arme doch bey dir Genade finden/
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Und wirf den Strahl der Gunst doch auf ein höher
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Haubt.
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Laß mich doch unbekand in meinem Hause sterben/
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Und zeuch mich Arme nicht aus meiner tieffen Nacht/
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Ich mag kein ander Lob auf dieser Welt erwerben/
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Als das kein Herren Hof mich hat bekant gemacht.
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In Wolle will ich mich und nicht in Seide kleiden/
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Und warten biß mich Gott von dieser Erden rückt/
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Die Amberkuchen kan ich ohne Schaden meiden/
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Und meine Lenden seyn zum Purpur nicht geschickt.
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Mein Held sprich mich doch loß/ und laß mir meine
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Hütte/
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An mir ist umb und umb gewißlich nichts vor dich/
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Erwehle dir ein Weib vom Fürstlichen Geblüthe/
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Kan auch was schlechters seyn/ auf dieser Welt als
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Ich?
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Doch alles ist umsonst/ mein Bitten ist verlobren/
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Mein sorgenreicher Wunsch erreicht kein rechtes Ziel/
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Mein Schreiben das verdirbt/ ich singe harten Oh-
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ren/
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Der Helden Wort begehrt den Wiederschall: Ich will.
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Jhr Bitten ist umbzirckt mit tausend Donnerkeilen/
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Das Weigern ist vor Sie ein neuer Apffelbiß/
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Jhr Wollen ist Geboth/ ihr Wincken heist uns eilen/
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Und was unmöglich scheint/ das machet uns gewiß.
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Ich komme weil ich muß/ doch voll von Angst und Za-
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gen/
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Und mein Belieben ist entfernt von meiner That/
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Ich soll mich auf das Eiß des glatten Hofes wagen/
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Da mancher junger Fuß vor mir geglitten hat.
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Der ungemeine Glantz verblendet mein Gesichte/
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Und was geschehen kan/ macht mir das Hertze kalt/
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Denn bey der Hofekost ist fast kein gut Gerichte/
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Und eine Jungfrau wird zu Hofe selten alt.
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Ach Held! bedecke mich mit Flügeln deiner Tugendt/
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Ich laß’ auf dein Geboth/ Gespielen/ Freund und
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Hauß/
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Und dir vertrau ich itzt die Rosen meiner Jugendt/
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Doch läßt du Bluhmen ein/ so laß auch Bluhmen
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aus.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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