Balduin an Judith

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Balduin an Judith (1679)

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Kan Judith durch den Dunst des Traurens et-
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was lesen/
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Beschwemmt die heisse Fluth nicht gantz ihr
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schönes Licht/
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So fall auf dessen Brief/ der stets ihr Knecht gewesen/
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Ein angenehmer Blick/ der Sinn und Siegel bricht.
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Mein weinen solte zwar zu deinen Thränen flüssen/
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Und durch ein gleiches Ach begleiten deine Noth/
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Es solte dieser Brief von nichts/ als Seuffzen wissen/
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Und bloß in dem bestehn/ ist denn dein Adolph todt?
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Ich weiß/ ich solte nicht die treuen Seuffzer stöhren/
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Die ihrem Könige bezahlen wahre Schuldt/
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Doch heisse Liebe will nichts von Verzuge hören/
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Du kennst ihr Feuer wohl/ es ist voll Ungedult.
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Und Judith dencke doch wer diesen Brief geschrieben/
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Du weist es gar genung/ es ist desselben Handt/
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Der durch der Jahre Lauf dir rein und treu verblieben/
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Ja stets gefochten hat vor deines Vatern Landt.
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Gedencke Königin an unsrer Jugend Flammen/
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Wie mich das zarte Garn der schönen Augen fieng/
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Wie uns offt unverhofft der Vater fand beysammen/
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Da nichts als Lieb und Lust mit uns zu Rathe gieng.
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Erwege/ wie ich dich oft in den Morgenstunden
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Als der gekröhnte Lentz mit Bluhmen sich geziert/
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Dich Bluhme dieser Zeit bey Rosen habe funden/
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Und deine Hand geküst/ die hundert Lilgen führt.
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Wie oft hab ich gesagt; von tausent Nachtigalen
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Ist deiner Stimmen Klang/ O Schöne/ zugericht/
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Wie schön auch die Natur kan die Granaten mahlen/
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So gleichen sie gewis doch deinen Lippen nicht.
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Wie ofte hab ich dir die flüchtigen Narzissen
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Mit Rosen untermengt auf deine Brust gelegt?
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Und hab aus Schertz gesagt: Jhr Bluhmen solt’ es
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wissen/
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Daß auch der Winter hier Euch gleichen Zierath hegt.
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Daß hier ein warmer Schnee mit Bluhmen ist um-
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geben/
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Dem Luft und Jahres Zeit kein Blat versehren kan;
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Und daß den Rosen/ so auf gleichen Bergen schweben/
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Kein Nordwind noch zur Zeit hat einig Leid gethan.
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Wie wünscht ich dazumahl ein Lusthauß hier zubauen/
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Doch das Verhängnüß riß den ersten Grundstein ein/
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Ich muste dich betrübt in fremden Händen schauen/
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Du soltest Königin und ich ein Sclave seyn.
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Doch dieser Sclave führt auch Feuer in dem Hertzen/
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Er liebt und dient zugleich/ beklagt und suchet dich/
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Erkennst du seine Treu/ so glaub auch seinen Schmer-
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tzen/
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Ist meine Pein von dir/ so kom und heile mich.
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Es steht dir übel an üm Todte stets zuweinen/
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Wer fodert solches doch von deiner Augen Pracht?
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Die schöne Sonne soll mit mehrern Strahlen scheinẽ/
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Die meines Geistes Trieb zu einer Göttin macht.
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Dem Todten hat dein Mund in Wahrheit nicht ge-
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schworen/
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Kein Eyd verbindet uns auch in den Sarg zugehn/
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Die Schätze deiner Brust sind vor kein Grab gebohren/
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Der Himmel heisset Sie stets in dem Lichte stehn.
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Die Todten und zugleich sich selbst darzu begraben/
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Ist zwar ein Wunderwerck/ doch keines Ruhmes
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werth/
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Wer tod ist kan durch Leid nicht Hülf uñ Rettung habẽ/
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Und keine Freundschafft hat dergleichen Dienst begehrt.
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Wer ewig weinen will/ beweint des Himmels Willen/
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Und trägt das grosse Joch mit nasser Ungedult/
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Die höchste Traurigkeit muß endlich sich bestillen/
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Und sagen/ dieses hat des Himmels Spruch gewolt.
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Verlaß die Leiche nun mit Thränen wohl genetzet/
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Auch dieser Balsam fault/ und modert mit der Zeit:
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Du hast mit treuer Hand sie traurig beygesetzet/
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Was wilstu ferner thun in dieser Sterbligkeit?
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Vergiß dich selber nicht und deines Leibes Gaben/
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Die Blüthe wird beklagt/ die ohne Frucht erstirbt/
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Und dencke das ein Stein/ der ewig liegt vergraben/
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Zwar seinen Werth behält/ doch keinen Ruhm er-
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wirbt.
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Darf ich/ O Königin/ mich endlich noch erwegen/
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Fünff Wörter beyzuthun: Nim mich zu Diensten an!
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Mein Willen soll sich dir zu deinen Füssen legen/
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Weil Balduin so gut als Adolph lieben kan.
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Hat dieser dazumahl mich schmertzlich weggetrieben/
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Als deinem Vater Er gekrönt zuwohl gefiehl/
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So kanst als Wittbe du mich kühnlich wieder lieben/
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Es ist kein neues Werck/ es ist das alte Ziel.
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Ich bin kein König zwar/ doch reine Lieb und Tugende
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Ist älter in der Welt/ als diß/ was Krone heißt/
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Du kennest ungerühmt das Absehn meiner Jugendt/
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So auf den Grund gericht sich nicht nach Firnüß
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reist.
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Erlaube mir daß ich dich darf Gemahlin nennen/
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Dein Wort vergnüget mich/ den Vater frag ich nicht/
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Sein Eyfer ist zuschwach den Knoten aufzutrennen/
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Der durch die heisse Hand der Lieb ist zugericht.
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Verlaß/ so bald du kanst/ den weissen Strand der Brit-
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ten/
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Und nim den nechsten Weg zu deines Vatern Land/
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Und darff ich ferner dich üm etwas grosses bitten/
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So schäme dich doch nicht vor deines Dieners Hand;
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Ich werde dich alsdann aus deinem Wege leiten/
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Der Liebe Nordstern muß/ getreue Kühnheit seyn;
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Wer in der glatten Welt stets nach der Schnur will
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schreiten/
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Der stelle nur forthin das gehen gäntzlich ein.
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Laß einen engen Brief mich lehren deinen Willen/
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Dein Wincken ist mein Schluß/ ich lebe nur durch dich/
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Ein halbes Wort wird mich bewegen und bestillen/
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Nach deinen Silben regt des Geistes Nadel sich.
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Wilst du zwey Leichen nicht zu Grabe sehen tragen/
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So nim als Wittib dich verlaßner Seelen an/
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Und zeige/ daß dein Mund die Todten zwar beklagen/
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Doch auch was Leben hat empfindlich lieben kan.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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