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Es bringt der kleine Brief dir mehr getreuer
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Als Freude sich itzund in meinem Hertzen regt/
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Ich schwere/ daß ich dich recht in Gedancken
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Und meine Seite sich an deine Seite legt.
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Verzeihe/ Liebster Schatz/ doch meinen schlechten
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Daß Wort und Zeilen nicht in rechter Ordnung stehn;
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Wem Freud und Zuversicht die schwachen Finger
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Dem wil die Feder nicht in gleicher Wage gehn.
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Bald lesch’ ich etwas aus/ bald mach’ ich neue Zeilen/
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Bald werd’ ich halb entzuckt/ bald schlaf ich drüber ein/
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Bald wird die Feder faul/ bald wil sie fertig eilen/
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Und heist offt einen Kleck an statt der Wörter seyn.
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Ich weiß nicht wie mir ist/ und kan mir selbst nicht
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Ob mein Gesichte hier den wahren Zweck erkiest?
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Ob meine Hoffnung auch recht feste weiß zubauen?
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Ob nicht ein schlechter Dunst itzund mein Grundstein
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Bald reiß’ ich wiederum aus diesen falschen Schran-
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Und schaue deinen Brieff mit scharffen Augen an/
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Umbschlüsse mit Vernunfft die flüchtigen Gedancken/
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Weil solche Klarheit ja mich nicht verblenden kan.
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Ich schaue klar genug und küsse mein Gelücke/
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So itzt mit seiner Hand die öden Nächte stöhrt/
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Ich spühre wiederum des Himmels warme Blicke/
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Der dich mir auf das neu aus seiner Schoß verehrt.
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Was hab ich nicht bißher in Einsamkeit erlitten?
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Was hat mir nicht vor Angst gesesselt Geist und Sinn?
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Was hat mich nicht vor Furcht zu mancher Zeit be-
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Daß ich/ wie mich bedeucht/ mir fast nicht ehnlich bin.
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Wie hab ich manchesmahl nach deinem Abereisen/
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Wenn ich erwachet bin/ die Hand nach dir gestreckt?
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Wie offtmahls hat ein Traum dich mir in Band und
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Erschrecklich fürgestellt/ und denn mich aufgeweckt?
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Bald hab’ ich schlaffende gemeinet dich zuküssen/
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Und meinen Jrrthum denn aus leerer Lufft vermerckt/
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Man schaut die Menschen ja am allermeisten büssen/
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In dem der Mangel uns die alte Lust versterckt.
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Bald hat dein Hochzeit Kleid/ bald haben deine Ringe
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Die Pfänder erster Gunst/ mir Zähren ausgeprest/
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Kein Mensch berichte mich/ wie dir es noch ergienge/
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Ich schrieb ohn alle Frucht nach Nord/ Süd/ Ost und
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Wenn nur ein Thor aufgieng/ so meint’ ich dich zu
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Was eine Tasche trug/ das must ein Bothe seyn/
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Ich ließ mich iedes Kind/ ja ieden Ruf bethören/
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Und blieb doch iederzeit verwittibt und allein.
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Wenn ich zu Tische gieng und schaute deine Stelle/
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Da wir uns offt erfüllt mit Speisen Wein und Lust/
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So ward das Zimmer mir zu einer rechten Hölle/
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Zu Galle ward mein Wein/ zu Wermuth meine Kost.
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Der freudenreichen Lust verliebtes Angedencken
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War diß/ so meinen Geist recht auff die Folter nahm/
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Nichts konte mich so sehr in meinem Hertzen kräncken/
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Als wenn dein Bildnüß mir in das Gesichte kam.
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Der Kinder stetes Wort: Wo muß der Vater bleiben?
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War mir ein herber Stoß/ den meine Seel empfing/
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Des Jammers ist zuviel/ ich kan dir nicht beschreiben/
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Was vor ein harter Wind durch meine Geister ging.
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Jtzt ziehn die Wolcken weg/ mein Stern begint zu
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Der Himmel streicht mein Hauß mit lichten Farben
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Und er verbeut mir fast dich ferner zubeweinen/
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Ach daß ich dich mein Schatz nicht bald umfassen kan!
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Was aber schreibest du/ und trachtest itzt zuwissen/
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Ob die Erlösungs Arth mir auch verdrießlich fällt?
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Wie solt ich nicht die Hand zu tausendmahlen küssen/
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So mir mein Bette füllt/ und dich in Freyheit stellt?
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Ich will sie warlich nicht nur vor ein Weib erkennen/
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Die bloß in Fleisch und Bluth/ wie ich und du besteht/
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Ich will sie ungescheut stets einen Eugel nennen/
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Der nur zu unserm Schutz mit uns zu Bette geht.
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Ich will mich ihr als Magd/ zu ihren Füssen legen/
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Jhr wollen soll forthin mir ein Gesetze seyn/
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Ich halte sie in Ernst vor unsers Hauses Seegen/
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Und geb’ Jhr selbst mein Hertz zu einem Zimmer ein.
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Wie solt’ ich thörichte die Schale nicht verehren/
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Darauf der Himmel dich mir überreichen will?
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Mein Ohre soll ihr Wort wie die Gebothe hören/
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Für dem der Alten Volck auf das Gesichte fiel.
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Ich will nach ihrer Arth das Lager zubereiten/
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Ich laß Jhr billich halb/ was sie mir gantz geschenckt/
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Mein Fuß wird nur allein nach derer Wincken schrei-
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Die mir noch unbekant/ doch auf mein bestes denckt.
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Nun kom Geliebter Schatz! des Glückes weiche
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Wo nichts verderben kan/ umschlüsse deinen
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Es wolle dich erfreut in diese Stelle bringen/
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Da dich empfangen kan Land/ Freunde/ Kind und
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Es müsse Sicherheit entsprüssen auf den Wegen/
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Dahin du setzen must den abgematten Fuß/
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Und wo du wirst dein Haubt zuruhen niederlegen/
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Da rege sich zugleich der Seegensüberfluß.
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Es müsse dich die Kraft gesunder Luft begleiten/
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Die Dornen müssen nicht verfälschen deine Bahn/
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Er lasse dich gesund in meine Stube schreiten/
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Daß auf den Lippen ich die Rosen brechen kan!
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Vor Freuden tritt mir itzt das Wasser ins Gesichte/
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Und rollet unvermerckt wie Perlen ums Papier/
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Ich weiß du hält’st das Wort nicht etwan vor Getichte/
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Die Silben seyn verlescht/ du schaust die Zeugen hier.
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Dein Leitstern sey gegrüst! doch wil ich Jhrentwegen
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Auf kein zu grosses Bett’ immittelst seyn bedacht;
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Denn wird die Liebe sich mit uns zu Bette legen/
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So wird der kleine Raum bald werden weit gemacht.