Der Sterbende Socrates

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Der Sterbende Socrates (1679)

1
Solt an dem lichten Wunderreiche/
2
So stets befreit ist von der Nacht/
3
Der Zirck von weitem seyn betracht/
4
Er schien uns einem Balle gleiche/
5
Der gantz mit Farben ist umlegt/
6
So grün und gelbes um sich trägt/
7
Und was sonst mehr des Phoebus Wagen
8
Vor angenehme Farben führt;
9
Was den berühmten Bogen ziert/
10
Und was die Blumen um sich tragen.

11
Diß/ was die weisen Mahler zeigen/
12
Und derer kluger Pinsel macht/
13
Wie alles/ was sie fürgebracht/
14
Bemüht sich ihnen nach zusteigen.
15
Doch unsre Farben sind zu schlecht/
16
Und gleichen ihnen sich nicht recht/
17
Es muß der Schnee und Scharlach weichen/
18
Des schweren Ertzes hoher Schein
19
Kan ihnen nicht verglichen seyn/
20
Und ihren hohen Glantz erreichen.

21
Viel Farben die wir kaum erkennen/
22
Die unsre Augen nie gespührt/
23
Sind hier gar reichlich aufgeführt/
24
Und müssen durch die Wolcken brennen/
25
Die Tieffe so der Ort beschleust/
26
Da Lufft durchstreicht und Wasser fleust/
27
So von Natur hier reinlich quillet/
28
Hat ein besonder Glantz und Licht/
29
So in die grösten Hölen bricht/
30
Und sie mit neuen Farben füllet.

31
Alldar ist Baum und Frucht gemahlet/
32
Die Blume trotzt den Diamant/
33
Womit das reiche Morenland/
34
Und dessen schwartzer Bürger pralet.
35
Viel tausend Edlersteine Pracht/
36
Womit der Käyser prächtig macht
37
Den Purpur/ so den Leib bedecket/
38
Wird hier in Pusch und Wäldern seyn/
39
Als wie der harte Kieselstein
40
Bey uns in allen Lachen stecket.

41
Kein Silber kan allhier bewegen/
42
Das Gold ist selbst fast wenig wehrt/
43
Die Perlen sind nicht mehr begehrt/
44
Es denckt hier keiner Geld zu pregen/
45
Die Thiere haben gute Zeit/
46
Und sind hier aller Noth befreyt/
47
So unsre Erde hat umgeben;
48
Man weiß hier nichts was Grab und Grufft/
49
Es kan in dieser reinen Lufft
50
Das Vieh bey Menschen frölich leben.

51
Man schaut allhier viel schöne Strände/
52
So nicht der Unfall ängsten kan/
53
Alldar des Todes Morde-Zahn
54
Muß finden seiner Herrschafft Ende.
55
Viel Inseln sind hier fürgestelt/
56
Denn nichts bey uns die Wage hält;
57
Man schaut das Meer nicht um sie gehen/
58
Hier wird kein ander Well erkiest/
59
Als eine Lufft die sauber ist/
60
Da Phöbus nicht kan schlaffen gehen.

61
Die nun im Lande der Gnaden
62
Erlanget haben Bürgerschchafft/
63
Die haben grösser Stärck und Krafft
64
Als wir mit Sterbligkeit beladen;
65
Jhr Grundzeug ist vortreflich gut/
66
Jhn ist die Lufft/ was uns die Fluth/
67
Und in dem Schlosse voller Wonne/
68
Streicht nicht ein Dunst der Schaden bringt/
69
Was hier durch ihre Lunge dringt
70
Ist noch viel remer als die Sonne.

71
Jhr Ansehn/ Augen und Gesichte/
72
Ist weit vor unsern ausgeziert/
73
Was man bey uns vor Künste spührt/
74
Die sieht man dort mit mehrem Lichte.
75
Die Sinnen stehn in ihrer Krafft/
76
Die Leiber werden nicht behafft
77
Mit Kranckheit/ wie auf unser Erden/
78
Da mancher Tag uns traurig macht/
79
Es wird hier nichts herfür gebracht/
80
Dardurch die Seele blind kan werden.

81
Steht nun die Lufft für See und Flüssen/
82
Ehrt man den Himmel für der Lufft/
83
So wird/ was hier zum Leben rufft/
84
Uns mit mehr Gaben ziehren müssen/
85
Und die/ den in der neuen Welt
86
Ist Leib und Geist so wohl bestelt/
87
Und der Vollkommenheit geniessen/
88
Die schweben voller Wissenschafft/
89
Und können des Vermögens Krafft
90
In der Natur rechtschaffen wissen.

91
Da sind die grossen Wunderwercke/
92
Damit der Himmel ist geziehrt/
93
Und was man hier vor Stimmen spührt/
94
Sind Zeugnisse der Götter Stärcke/
95
Hier ist das ware Haupt-Altar/
96
Es mag der Menschen reiche Schaar/
97
Allhier kein Opffer frey entzünden.
98
Wer nun betritt die grosse Bahn/
99
Der sieht so offt die Götter an/
100
Als wir allhier der Menschen finden.

101
Hier weiß die Wolcke nicht zu decken/
102
Man kennt hier weder Schlaff noch Nacht/
103
Des Monden Licht/ der Sonnen Pracht/
104
Begehrt sich hier nicht zu verstecken/
105
Das Unheil hat hier keine Stadt/
106
Man sagt hier nichts von Missethat;
107
Die Götter sind da voll Genaden.
108
Hier ist kein Eisen und kein Band/
109
Hier ist kein Gifft/ hier ist kein Brand/
110
Die Pest weiß hier nichts mehr zu schaden.

111
Gar viel Geleite/ wie man schreibet/
112
Sind hier mit Wasser angefüllt/
113
Dadurch manch Strom mit Rauschen quillt/
114
Und durch die krummen Röhren treibet/
115
Die Gräber sind gar mannigfalt/
116
Bald enge zu/ bald weit gestalt/
117
Jhr Einfall ist gantz rund zu spühren;
118
Mit unsern treffen sie nicht ein/
119
In dem sie allzu enge seyn/
120
Und allzu tieff ihr Wasser führen.

121
Die Röhren so beschlossen liegen/
122
Die kriegen durch Gewichtes Krafft/
123
Tieff in der Erden einen Hafft/
124
Und müssen sich zusammen fügen;
125
Da endet vieler Flüsse Art
126
Die alte Bahn/ die alte Fahrt/
127
Und flössen nicht wie sie geflossen.
128
Es lenckt ein unbekanter Schlund
129
Hier ieden Fluß auch auf den Grund
130
Des Quelles/ da er ist entsprossen.

131
Hier ist gar bald ein Fluß zu finden/
132
Der Feuer/ Flamm und Schwefel führt/
133
Bald einer der sich kaume rührt/
134
Und sich läst Eis und Winter binden;
135
Und dieses Naß der Ewigkeit
136
Ist gantz erfüllt mit Ungleichheit/
137
Der fleust gantz faul/ ein ander schnelle/
138
Der ein ist trüb/ ein ander klar/
139
Und der vergleicht sich gantz und gar
140
Mit der Sicilianer Quelle.

141
Da laufft der Flüsse Strom zu Hauffen/
142
Und wird gar wunderlich gemengt/
143
In dem er im Gewichte hengt/
144
Und muß in ein Gefässe lauffen/
145
So stets in gleicher Wage steht/
146
Und nimmer auf die Seite geht.
147
Diß Faß ist der Homerus Graben/
148
So mit der Fluth bedecket bleibt/
149
Und diesen Kloß von sammen treibt/
150
Den sie zur Mutter scheint zu haben.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.