Der Sterbende Socrates

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Der Sterbende Socrates (1679)

1
Der Klumpen also aufgehäncket/
2
Hat einen grossen Raum in sich/
3
Wie dann ein ieder ohne mich
4
Es glauben wird/ der es bedencket,
5
Wir sitzen hier um Fluß und Meer/
6
Als wie der Frösche kaltes Heer/
7
Es gleicht sich einem Ameiß-Hügel/
8
Was zwischen hier und da sich hält/
9
Wo eine Seule dieser Welt/
10
Ein Halbgott hat gemacht zum Rügel.

11
Man schaut in vielen andern Enden/
12
Wie es für Menschen Wohnung giebt/
13
Und es der Erden so beliebt
14
Bebant zu seyn von unsern Händen/
15
Man schaut daß nach Gestalt und Art/
16
Nachdem daß Wasser nimmt die Fahrt/
17
Und diesen grossen Klupen netzet.
18
Die Seiten werden tieff gemacht/
19
Und schöne Stellen fürgebracht/
20
Darauf des Menschen Kind sich setzet.

21
Ein’ Erde von viel höhern Gaben/
22
Da Freude/ Ruh und Friede lacht/
23
Wo nimmermehr der Donner kracht/
24
Und man nicht redet vom Begraben;
25
Da Glantz und Klarheit wird geschau
26
Die ist im Himmel aufgebaut/
27
Da alle Mängel müssen weichen.
28
Hier sind die Sternen angehenckt/
29
Die Frommen auch dahin gelenckt/
30
Wo Trost und Lust niemals verstreichen.

31
Das reine Lust-Schloß/ wie man höret
32
Aus dieser grossen Leute Mund/
33
Der uns den rechten Wundergrund/
34
Dergleichen hoher Sachen lehret/
35
Ist ausgezieret gantz und gar/
36
Mit der Gestirne reicher Schaar/
37
Die diese Lufft wie Glaß durchstreichen/
38
Die gantze Welt ist ihre Bahn/
39
Sie ist bemühet daß sie kan
40
Der Erden tieffe Schoß erreichen.

41
Die wir hier wie in Keltern schweben/
42
Erkennen nicht wie sichs gebührt/
43
Wann ihre Klarheit uns berührt/
44
Daß wir so tieff und niedrig leben/
45
Und dencken daß hier unsre Stadt
46
Den höchsten Grad zum Circkel hat/
47
So diesen Klumpen hat beschlossen:
48
Daß die wir hier auf Erden gehen/
49
Nun auf der höchsten Fläche stehen/
50
Mit andern Thieren so entsprossen.

51
So meint des Tritons kalter Hauffen/
52
Der in der blauen Wunder-Fluth
53
Betrachtet vieler Sternen Gluth/
54
So durch den weiten Himmel lauffen/
55
Daß dieses tieffe Wasser schloß/
56
Und was sich regt in dessen Schoß/
57
Gantz oben auf der Höhe stunde/
58
Und daß man in der gantzen Welt
59
Zu schann des blauen Himmels-Feld/
60
Allhier die beste Stelle finde.

61
Sie glauben daß in ihren Wellen
62
Die Sternen werden angezündt/
63
Und daß man keine Sonne find/
64
Als bey Neptunus scharffen Quellen.
65
Beschauten sie doch nur einmal/
66
Mit uns den rechten Sonnenstrahl/
67
Und könten zu uns Menschen kommen/
68
So würd ihr Jrrthum offenbahr;
69
Jhr Auge würde gantz und gar
70
Durch diese Klarheit eingenommen.

71
Wir bleiben hier in Band und Eisen/
72
Als wie ein Armer Knecht bestrickt/
73
Weil unser Leib zu ungeschickt
74
In höher Oerter zuverreisen.
75
Wir gläuben daß das hohe Licht/
76
So kräfftig durch die Wolcken bricht/
77
Mit tausend hellen Himmels-Kertzen/
78
Beruhe in der Lufft allein;
79
Und das Gewölck und Sternenschein/
80
Von gleicher Höhe sey zu schätzen.

81
Doch so man durch des Windes Stärcke/
82
Nur könte seyn dahin gestelt/
83
Wo die berühmte Wohnung hält
84
Den Auszug aller Wunderwercke/
85
Wir machten uns auf diesen Plan/
86
Wo man die Sonne schauen kan/
87
Wann sie ihr reiches Feuer zeiget/
88
In einem Himmel/ dessen Schein
89
Der Sterne Licht wil gleiche seyn/
90
Dahin auch kein Gewölcke steiget.

91
Wann wir von dieser Freuden-Spitze/
92
So über alle Donner geht/
93
Da Ehre/ Lust und Freude steht/
94
Uns kehrten zu dem alten Sitze/
95
Wir würden schamroth vor der Zeit/
96
Und in dem Geiste hoch erfreut/
97
Von wegen dieser hohen Sachen;
98
In dem ja Silber/ Gold und Geld
99
Allhier nicht mehr die Wage hält/
100
Und uns bewegen zu de

101
Wann nun die Fisch aus ihren Wellen/
102
Da manch Orcan ein Spiel erweckt/
103
Und auch Neptunen selbst erschreckt/
104
Sich zu den Menschen solten stellen;
105
Wann sie aus dieser nassen Bahn/
106
Da Saltz und Schaum regiren kan/
107
Zu dieser Wohnung solten kommen/
108
Sie liessen auch die Freude aus/
109
Als wenn wir schauten dieses Hauß/
110
Davon das Weltlicht Glantz genommen.

111
Der Marmel so die Wand umkräntzet/
112
Der Stein so unsre Finger ziehrt/
113
Was Indien im Busen führt/
114
Und in der Berge Därmen gläntzet;
115
Mit kurtzem was so treflich gilt/
116
Den Sack und unsere Sinnen fült/
117
Und unsern Geitz hat angezündet/
118
Ist nun für Rauch und Sand geschätzt/
119
Demselben Kleinoth beygesetzt/
120
So in der Götter Burg sich findet.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.