Der Sterbende Socrates

Bitte prüfe den Text zunächst selbst auf Auffälligkeiten und nutze erst dann die Funktionen!

Wähle rechts unter „Einstellungen“ aus, welcher Aspekt untersucht werden soll. Unter dem Text findest du eine Erklärung zu dem ausgewählten Aspekt. Nicht jede Anmerkung ist für die Analyse gehaltvoll.

Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Der Sterbende Socrates (1679)

1
Weil ich den Socratem in dieser Welt gekennet/
2
So hat mich seine Art zu reden stets entzückt/
3
Doch hat mich dessen Krafft fast nie so starck berennet/
4
Als solches Sonnenklar itz und herfür geblickt,
5
Der Unmuth so sich starck in meinem Geist erreget/
6
Wie auch die schwere Pein/ so mir sein Todt gebracht/
7
Die haben mir die Lust nicht gantz in Staub geleget/
8
Weil mir für Augen schwebt/ wie er den Todt verlacht/
9
Die Gründe/ so er uns hat an das Licht gestellet/
10
Und nicht gewohnet seyn zu führen falschen Schein/
11
Die haben alles diß/ was irrig war/ gefället:
12
Und machen uns beschämt/ daß wir so tölpisch seyn.
13
Man konte keinen Zorn in seinen Augen mercken/
14
Wiewol der Jrrthum uns tieff im Gehirne stund/
15
Und wie er freudig ist in Worten und in Wercken/
16
So war der Zweiffel uns zu sagen frey vergunt;
17
Er brachte Pflaster her für alle diese Wunden/
18
Und rühret uns den Geist mit so gelehrter Macht/
19
Daß er in kurtzer Zeit des Zweiffels war entbunden/
20
Und endlich wiederum zu seiner Freyheit bracht/
21
Wie ein geschlagen Volck/ so Noth und Schrecken rühret/
22
Wann der ergrimte Feind durch Glied und Ordnung bricht/
23
Gar offt ein kluges Haupt in seine Reyen führet/
24
Und daß zertrennte Heer mit Kunst zusammenflicht;
25
So brach auch Socrates mit freudigem Erkühnen/
26
Durch diß/ was der Vernunfft viel Ubels angethan/
27
Er zwang den schwachen Geist uns wiederum zu dienen/
28
Und trieb ihn meisterlich auf seine rechte Bahn.
29
Wiewol der schöne Grieff/ damit er uns gelehret/
30
Noch heute bey der Welt für lauter Wunder gilt/
31
So ward ihm doch die Krafft und dessen Glantz vermehret/
32
Als er voll Freud und Lust mit uns Gespräche hielt.
33
Ich saß gleich ohngefehr zu seines Bettes Füssen/
34
In welchem ihm beschwang des langen Schlaffes Nacht/
35
Er hatte sich mit Fleiß was hoch zu seyn beflissen/
36
Mir aber hatte man ein niedrig Bäncklein bracht.
37
Er schaute mir mit Ernst recht unter das Gesichte/
38
Und fuhr mit seiner Hand um meine Kolbe her;
39
Man schaute/ wie nunmehr das himmlische Gerichte/
40
Jhm einen Spruch gethan nach Willen und Begehr.
41
Als ieder fertg war die Ohren zu erheben/
42
So fuhr er noch einmal mir in das Haar hinein/
43
Er ließ die träue Faust um meine Schlafe schweben/
44
Und sprach: es wird das Haar wol morgen runder seyn.
45
Ich sagte drauf/ wolan/ und konte nicht ersinnen/
46
Warum er diese Art zu reden angestimt/
47
Ach Phädon/ fuhr er fort/ was wollen wir beginnen/
48
Wann die Verzweiffelung uns in die Armen nimt.
49
Man muß beschoren seyn/ weil Phoebus Fackel siehet/
50
Und dieses Auge noch das letzte Feuer führt;
51
Wir wollen beyde dran/ so uns der Witz entgehet/
52
Zum Zeugniß/ daß der Todt nun alles hat gerührt.
53
Wie der Argiver Volck/ wann Speer und Schwerter strichen/
54
Geschwohren ohne Haar/ und stetig kahl zu seyn/
55
Biß daß der Feinde Heer hin in die Flucht gewichen/
56
Und der verblaste Todt bricht durch die Hauffen ein.
57
Wer ich an Phädon statt/ ich wolt es tapffer wagen/
58
Wann mir der Simias und Cebes Kampff anträgt/
59
Ich wolte sie gewiß aus ihrem Vortheil schlagen/
60
Ich würde dann von ihn selbst in den Sand gelegt.
61
Mein Fürsatz/ sagte ich/ verdiente Spott und Lachen/
62
Zu reitzen dieses Heer/ so Riesen werloß macht;
63
Ich wäre viel zu schwach/ was wolt ich Armer machen?
64
Wird doch ein Hercules von zweyen umgebracht/
65
Mein Phädon bist du schwach/ begunt er mir zu sagen/
66
Nim mich zum Beystand an/ wie Hercules gethan;
67
Verlaß dich nur auf mich/ ich wil es tapffer wagen/
68
Ich wil Jolas seyn/ der auch wol Thaten kan.
69
Er/ sagt ich/ Hercules/ doch mangelt mir die Stärcke/
70
Vor den Jolas recht mit Ehren zu bestehn/
71
Doch daß mein schwacher Arm nicht schändet eure Wercke/
72
So laß ich euch allein auf diese Feinde gehn.
73
Nach diesem fieng er an mit Ernst den Zweck zu rühren/
74
Und führte dieses Werck/ wie es zu führen war/
75
Man konte gar genug aus seinen Wercken spühren/
76
Daß er mit Helden-Muth verachte die Gefahr/
77
Und daß er unsern Geist noch besser möchte stärcken/
78
Und zeigen wie Betrug die Warheit offt verdeckt/
79
So sprach er/ seyd bereit vor allen diß zu mercken/
80
Daß ja kein falscher Trieb euch einen Dunst erweckt.
81
Ein ieder findet sich von dieser Noth bestrichen/
82
Wenn ihn die Unvernunfft hat in die Jrre bracht/
83
und ungegrünnter Haß ist in den Kopff geschlichen/
84
Daß er vor helles Licht erkieset dicke Nacht/
85
Da gleiten wir alsdenn auch auf den besten Gründen/
86
Denn der verwirrte Geist ist alles Schreckens voll/
87
Wir unterstehn uns nicht den rechten Grund zu finden/
88
Wann der verdächtig wird/ so solchen zeigen soll.
89
So/ wann wir einen Freund nach unsern Sinn gefunden/
90
Desselben Thun und Art uns sonderlich gefält/
91
So bleibet unser Geist an Sinnen stets gebunden/
92
Daß man desselben Wort offt für Gesetze hält.
93
Wann aber der Betrug denn in dem Boden blicket/
94
So trägt ein frommer Geist darüber grosse Reu/
95
Die Seele steht gemuth/ wie sie dem Joch entrücket/
96
Und hat in Ewigkeit an solchen Banden Scheu;
97
Besonders/ wann man sich fast offte find betrogen/
98
Und uns die glatte Bahn hat offt und viel gefält/
99
Ja dieser/ dem der Geist am meisten war bewogen/
100
Uns mit Betriegerey den Fallstrick hingestelt.
101
So steckt der blöde Geist voll Kummer/ Angst und Schrecken/
102
Er glaubet nimmermehr/ was der und jener spricht/
103
Des Eydes fester Grund ist ihm ein fauler Stecken/
104
Er fußt auf sich allein/ und traut den Freunden nicht.
105
Man lasse sich doch nun so leichtlich nicht verleiten/
106
Und ihm der Welt Betrug zu sehr zu Hertzen gehn/
107
Dann deren Seelen nicht aus dem Gewichte schreiten/
108
Die wissen wie allhier dergleichen Sachen stehn.
109
Es ist ein schöner Grieff die Rosen recht zu lesen/
110
Es ist ein kluges Werck zu führen Leut und Land/
111
Der Weise kennt allein der Sachen reines Wesen/
112
So alles in gemein der Welt ist unbekant.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

Einstellungen

    Text teilen & herunterladen

    PDF-Export

    Arbeitsblatt zur Interpretation herunterladen

  • Äußere Form

  • Sprachlich-inhaltliche Analyse

  • Voller Zugriff auf Textopus

    • Interaktive Analyse von über 65.000 Gedichten und über 700 Dramen

    • Zugriff auf mehr als 400 Rezitationen und hilfreiche Epochenübersichten

    • Mit Aufdeckfunktion zum Selbstlernen von Stilmitteln, Kadenzen, Metrum u. v. m.

    Textopus App

    Textopus-App

    € 4,99/Jahr
    In-App-Kauf
    Apple App StoreGoogle Play Store
    Klett Digitale Unterrichtsassistenten

    Für Lehrkräfte

    Kostenlos in ausgewählten Digitalen Unterrichtsassistenten der Deutsch-Lehrwerke des Ernst Klett Verlags
    Deutsch kompetent

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

Textopus kann Fehler machen. Überprüfe die Informationen. Teils KI-gestützt. Siehe Hinweise zur möglichen Fehleranfälligkeit.