Der Sterbende Socrates

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Der Sterbende Socrates (1679)

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Die Seele so den Flug recht nach dem Himmel lencket/
2
Wird destoweniger durch Schwerigkeit gekräncket/
3
Je mehr sie von der Last des Leibes abgelegt/
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Sie treibet flüchtig hin zu ihren alten Quellen/
5
Jhr wolgeführter Lauff wird itzt durch nichts bewegt/
6
Und ihren Fürsatz weiß kein Zufall umzufällen.

7
Sie liebet einen Zweck/ der unser Auge blend/
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Jhr gantzes Tichten ist auf Wissenschafft gewend/
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Jm Blute wohnet sie/ und läst sich Blut nicht leiten/
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Sie bleibet fest und steiff auf ihrer glatten Bahn/
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Sie fleucht das faule Fleisch besteckt auf allen Seiten/
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Und zeiget wie kein Sinn sie recht verleiten kan.

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Und weil man sie also gantz eingezogen spüret/
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Von der Verdrießligkeit des Leibes unberühret/
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So nimmt sie nichts mit ihr/ wann sie von dannen zeucht/
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Begierde/ Liebesbrunst mit Torheit/ Angst und Schrecken/
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Ja alles was sonst mehr nach dem Geblüte reucht/
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Das läst den faulen Leib sich einiglich bedecken.

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Wann sie nun klar und rein den Himmelsport erreicht/
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In dem der bleiche Todt nicht seine Netze streicht/
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So schauet man um sie viel Ehren-Cronen scheinen/
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Die Götterreiche Schaar vertreibet ihr die Zeit/
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Und was kein sterblicher mit Warheit kan verneinen/
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Jhr Wolstand dringet tieff hin in die Ewigkeit.

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Die aber so den Sinn ihr hat zur Lust erlesen/
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Die Seele der die Zucht ein Hencker ist gewesen/
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Und der die Wissenschafft nur Schrecken hat erweckt/
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Die nur mit Fleisch und Blut ein Bündniß hat gemachet/
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Und welcher Nichtigkeit sich auch so weit erstreckt/
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Daß sie in grosser Lust der hohen Freundschafft lachet;

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Die in der Sinnen Schoß nun viehisch worden ist/
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Die hat gar selten hier was löbliches erkiest/
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Sie lieget gantz erstarrt durch schnödes Fleisch erstecket/
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Die Wollust machet sie durch ihr Geträncke voll/
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Und dieses was bey ihr den Thränen-Bach erwecket/
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Ist daß sie nun die Burg des Leibes meiden soll.

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Dieweil ihr Wesen nun im Fleische gantz ersoffen/
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So hat sie auch gewiß viel Freyheit nicht zu hoffen/
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Und wird sie endlich gleich dem Leibe gantz entrückt/
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So weicht ihr aller Glantz/ dieweil ihr Licht verlohren/
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Ja weil die schwere Last sie auch noch immer drückt/
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So trifft sie nicht die Bahn/ so sie ihr hat erkohren.

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Erreicht sie endlich nun des Himmels reine Bahn/
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So schaut man wie die Lufft sie gar nicht leiden kan/
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Als die den groben Dunst nicht leichtlich kan ertragen/
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Daß man dergleichen Geist/ wie es der Wind erkiest/
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Nicht selten in der Welt schaut um die Gräber jagen/
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Und so der Todten Schutz der andern Schrecken ist.

(Hofmann von Hofmannswaldau, Christian: Deutsche Ubersetzungen und Gedichte. Breslau, 1679.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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