1
Ein Lispeln, welches sanfft durch alle Reihen
3
Ließ, als ob man sich schon um einen Schluß
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Doch weil Gleichgiltigkeit aus vielen Augen blickte,
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So sah man, daß der Preiß des Rangs noch keiner glückte;
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Noch weniger da schon ein angenehmer Mund
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Voll Herrlichkeit und Pracht, zu sprechen fertig stund.
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Mehr als ein Meisterstück erhabner, grosser Sinnen
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Wies diese durch die Weiß ihr Reden zu beginnen.
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„ich suche weder Rang, noch Friese„, fieng sie an,
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10”Das ist nicht, was mein Hertz in Regung bringen kann:
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„ich will auch eurem Amt die Ehre nicht versagen;
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„ich nehme mir nicht vor, dem Rath was vorzutragen,
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„damit ich dieses Steins Besitz vor euch gewinn;
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„nein: ich eröffne nicht deswegen meinen Sinn.
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Sie griff nach ihrem Schild, und wies ihn gantz erhoben:
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„seht„, fuhr sie fort, den Kopf, den Löwen-Kopf hieroben!
19
„ist etwas in der Welt, vor dem der Löw erschrickt?
20
(es war sein Ebenbild in diesem Schild gestickt)
21
„sein Hertz ist mein Gemüth, es scheuet kein Bedrohen;
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20”Ich blieb in Waffen stehn, wo man den Feind geflohen.
23
„das ist des Löwens Geist: nichts hemmet seinen Muth;
24
„er ist sich allzeit gleich; er schläft nicht, wann er ruht;
25
„dringt gleich die Finsterniß in dessen Augenlieder,
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„so wirfft er doch den Blitz des Blickes hin und wieder:
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25”Er ligt mit Wachtsamkeit; sein Auge schließt sich nicht,
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„es gibt ihm stets von dem, auf was es sieht, Bericht.
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„so findt er auch im Schlaf die Mittel sich zu retten,
30
„mithin trägt er niemahls die Last der Schwermuths-Ketten.
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„er ist sich selbst zum Schutz, zur Brustwehr; auch allein
32
30”Wann ihn ein Feind umringt, kan er noch sicher seyn.
33
„will aber er den Streit, die Schlacht, das Kämpfen meiden;
34
„so pflegt er nicht mit Furcht vom Waffen-Platz zu scheiden:
35
„er reißt sich der Gefahr nicht niederträchtig loß;
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„sein Hertz ist viel zu starck; die Starckmuth viel zu groß;
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35”Die Großmuth viel zu klug: er geht nur diese Weege;
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„nur diese machen ihn zum unternehmen rege.
39
„der Eigenschaften Werth ist der, so mich erhebt;
40
„durch eines Löwens Hertz wird meine Brust belebt.
41
„es heißt nicht Eigenlieb, aus was mein Ruhm entspringet;
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40”Die Grösse meines Geists ist, die mir Ehre bringet.
43
„mich quälet kein Verdruß, kein Eigensinn, kein Wahn;
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„nichts ist, was meinem Muth die Gleichheit nehmen kann.
45
„spricht jemand von dem Lob Verwundrungs-werther Seelen,
46
„so pflegt man ihnen mich, die
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45”Wer in dem Glücke Muth, in Widrigkeiten Gram;
48
„wer nach der Sachen Lauf, Zorn, Traurigkeit und Scham
50
„dem ist kein grosser Geist, nur schwache Menschheit eigen:
51
„der aber hier und dort der Sinnen Gleichheit weist;
52
50”Desselben Brust belebt ein grosser Helden-Geist.
53
„dergleichen Trefflichkeit ist, welche mich begeistert:
54
„ich habe Freund’ und Feind’, und mich dadurch bemeistert.
55
„was man vortrefflich, groß und edel nennt, ist mein;
56
„wer kann von euch so viel, als ich, sein eigen seyn?
57
„wie viele sehen sich in Pracht und Hoheit schimmern,
58
„die Ruhm und Ehr, und Glück, und Wohl, und Heil verschlim̃ern?
59
„ich kenne des Gemüths Begier und Selbst-Betrug,
60
„auch der Verwirrungen fast nie vermerckten Zug.
61
„pracht, Schicksal, Wissenschaft, Freud, Ansehn, Ehr und Güter
62
60”Verführen durch den Werth und Unwerth die Gemüther:
63
„dieß herrscht nicht über mich; nichts ist, was mir besiehlt,
64
„ob es, wanns möglich wär, mich schon gefesselt hielt.
65
„mich schwächet keine Macht; Gewalt hat kein Geseze,
66
„so meines Sinns Bestand, und freyen Muth verleze.
67
65”Wann meiner Faust die Krafft, indem sie kämpft, gebricht,
68
„so fehlt doch meinem Geist der Schild der Großmuth nicht.
69
„je weniger ich mich von meinem Stand entferne,
70
„je mehr ich den Gebrauch der falschen Ehre lerne.
71
„mit solchen Würckungen hatt’ ich den hohen Sinn
72
70”Die Herzens-Regungen der Grossen Königinn
73
„begeistert und belebt; so wußt’ ich ihr zum streiten
74
„den Arm, das Herz, den Muth, die Waffen zu bereiten.
75
„so folgte Sieg auf Sieg; so thönte Schlag auf Schlag,
76
„von welchem mehr der Feind, als ich erzehlen mag.
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75”So wußte sie das Schwert zur Gegenwehr zu schärffen,
78
„so lehrt’ ich sie zum Thron den Grund-Riß zu entwerffen.
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„ich bin die Führerin„, so fuhr sie weiter fort,
88
„man findet ohne mich sie fast an keinem Ort.
89
„ich lasse niemahls zu, daß schwache Leidenschafften
90
„an ihren Regungen, an ihrer Neigung hafften.
91
„geschicke, Rach und Haß, Glück, Freundschafft, Liebe, Neid,
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90”Lust, Unglück, Zorn, Gefahr, Freud, Unfall, Ehre, Leid,
93
„ja was ein Menschen-Herz mag rühren und beklemmen,
94
„kan ihre Gleichheit nicht, nicht ihre Großmuth hemmen.
95
„jhr Geist ist viel zu fest, daß er sich biegen ließ;
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„zu starck, daß die Gewalt ihn aus der Tugend riß.
97
95”Eröffnet eine Flutt den Schwall, sie zu verschlingen,
98
„so weiß sie sich beherzt aus der Gefahr zu schwingen.
99
„was immer ich erwähn’, ist aller Welt bewußt;
100
„ein Großmuths-volles Herz bewohnet ihre Brust.
101
„wer prangt mit solchem Ruhm? wer ist in diesen Reihen?
102
100”Wer kan mit gleichem Sinn erzürnen und verzeihen?
103
„die Rache ligt besiegt, wann sie den Feind erlegt;
104
„jhr Herz wird durch den Sieg zu keinem Stolz erregt.
105
„die Rechte führen sie zum streiten bey den Händen;
106
„wo Wuth und Rache sicht, pflegt sie den Fahn zu wenden.
107
105”Es schreckt sie keine Macht, kein Bliz, kein Donner-Knall;
108
„der ihr geweihte Plaz bleibt ihr in jedem Fall.
109
„jhr Thun und Lassen ist so lebhafft und begeistert,
110
„daß sie den Trieb des Geists, so viel sie will, bemeistert.
111
„jhr wißt, wie viel sie will? so viel nur, als sie kann;
112
110”Sie fängt, wann sie nicht kann, niemahl zu wollen an:
113
„doch kann sie, was sie will: sie folget ihrem Willen,
114
„weil er nichts anders will, als was gebührt, erfüllen.
115
„erkennt ihr nun die Macht, die Tugend und die Krafft,
117
115”Das ist, warum sie groß und mächtig ward befunden,
118
„als Zepter, Kron und Thron in den Gefahren stunden.
119
„das ist, warum sie dort am allergrösten war,
120
„als ihrer Feinde Stolz das gröste Leid gebahr.
121
„sagt! übertraff sie nicht sich selbst an ihrer Grösse,
122
120”Da sie sich unbewehrt, in Hilff- und Waffen-Blösse
123
„des Anfalls nicht entsezt; mit heiterm Auge sah,
124
„was vor Gewalt dem Heil des Vaterlands geschah?
125
„die Länder lagen zwar gefesselt und gebunden,
126
„nur ihr verlaßnes Hertz verblieb unüberwunden.
127
125”So wächst und grünt, und steigt, und blüht die Aloe;
128
„so thürmet sie den Schmuck der Blumen in die Höh;
129
„je mehr die Bitterkeit und Wärme sie durchdringet,
130
„je prächtiger sie sich aus ihren Stauden schwinget.
131
„nun ist der Feinde Schwert und Wuth, und Stolz gezähmt,
132
130”Da sie mit Sieg und Recht derselben Ruhm beschämt.
133
„wann jemand es der Welt, der Nachwelt soll beschreiben,
134
„wurd es zur Folge nicht, zum Wunder nur verbleiben.
135
„jhr selber nennet sie der Helden Seltenheit;
136
„ein wahres Meisterstück der Unerschrockenheit:
137
135”Ich hab es selbst gesehn, als man sie wollt berauben,
138
„wie starck sie sich erwies, sonst wurd’ ich es nicht glauben.
139
„ich lernte selbst von ihr der eignen Tugend Werth,
140
„und sahe, daß der Feind an ihr denselben ehrt.
141
„ich stunde selbst in Angst, und wußte nichts zu hoffen,
142
140”Mithin war ich von ihr an Großmuth übertroffen.
143
„so hat sie mir, ich ihr, beständig nachgeschwebt,
144
„so ward ihr Geist von mir, mein Herz von ihr belebt.
145
„was vor Abwechslungen und unverhoffte Fälle
146
„seynd nicht des Wanckelmuths Grund, Ursach, Trieb und Quelle?
147
145”Bald schrecket die Gefahr; bald droht der Feinde Schwert:
148
„dort soll man tapfer seyn; hier Muth-voll und bewehrt.
149
„nicht alle Tugenden seynd jederzeit vonnöthen;
150
„bald diese jenes Amt, bald jene das vertreten.
151
„mir aber ist Gefahr und Drohung einerley:
152
150”Eins: ob ich in der Schlacht; in Staats-Geschäfften sey.
153
„und sagt! was ist im Lauf der Zeiten vorgekommen,
154
„wo nicht die Großmuth sich des Wercks hat angenommen?
159
Indem die Großmuth so von ihren Thaten sprach,
160
Gieng meine Wißbegier fast allen Blicken nach;
161
Ich wurde nimmer satt dieselben zu betrachten,
162
160Weil sie mein Auge stets in mehr Ergözung brachten.
163
Die schwieg. Nun merckten wir, daß seitwärts eine Frau
164
Von reizender Gestalt auf ihre Nächste schau;
165
Wie, wann sie Rath verlang, ob sie sich melden solte,
166
Sonst aber ihren Sinn noch nicht eröffnen wolte.
167
165Ein freundliches Gesicht, in dessen Augen-Paar
168
Fried, Unschuld, Sittsamkeit und Ruhe kenntlich war;
169
Man las in ihrer Ernst- und Demuths-vollen Miene,
170
Daß ihr in diesem Streit noch nichts erwiesen schiene.
171
Sie trat zwar würcklich auf, doch redte sie noch nicht,
172
170Ein angenehmes Roth durchbrach ihr Angesicht.
173
Es sprach ihr jemand zu; daß sie sich endlich wagte,
174
Und mit Bedachtsamkeit die frommen Worte sagte:
179
Hier ward sie still, wie wann sie noch Bedencken trug;
180
Weil sie ganz zweifelhaft die Augen nieder schlug.
181
Doch fuhr sie wieder fort: „Und wie kan ich mich rühmen,
182
180”Daß mir vielleicht der Platz des Frieses soll geziemen?
183
„nein: dieß ist nicht mein Ziel; dann ich verlange nicht,
184
„daß man zu meinem Ruhm ein Ehren-Werck erricht.
185
„entschließt ihr einen Bau, so bauet GOtt zu Ehren,
186
„er ists, dem Glück und Sieg, und Kron und Thron gehören.
187
185”Erzähl' ich meinen Dienst, so such' ich keinen Ruhm;
188
„ich schmückte nur mein Haupt mit fremdem Eigenthum.
189
„so will ich zwar, was ich gewircket habe, zeigen;
190
„jedoch nur, nicht den Schutz des Himmels zu verschweigen.
191
„in den Bedrängnissen, in dem verlaßnen Stand,
192
190”In dem Theresia von Anfang sich befand;
193
„wer wollt’ es dazumahl, uns Rath zu geben, wagen?
194
„war nicht der Feind schon da, den Abzug anzusagen?
195
„ich sahe nah und fern desselben Krieges-Schaar,
196
„die mehr mit Feur und Schwert, als Recht bewaffnet war:
197
195”Da lief ich unverweilt vor allen andern Dingen,
198
„uns bey dem Himmel Hilff und Beystand aufzubringen:
199
„dann, wo wir hingesehn, sagt an! was fanden wir?
200
„war nicht der Untergang des Hauses vor der Thür?
201
„was halff es, tapfer seyn, nichts fürchten, nirgends weichen,
202
200”Wann weder Heil dadurch noch Rettung zu erreichen?
203
„die Königinn ergriff und lobte meinen Schluß,
204
„der, sprach sie, sonsten nichts, ist was uns helffen muß.
205
„je mehr mich Furcht und Angst, und Schmerz, und Unmuth quälte,
206
„je mehr ich in Vertraun es GOtt um Hilff erzählte.
207
„der Schiffmann, welcher Glück und Heil auf Wellen baut,
208
„sein Leben, Hab und Gut dem falschen Wind vertraut,
209
„was dient ihm zum Geleit, damit er sicher schiffe?
210
„nicht wahr, daß er den Pol, die Nadel immer prüffe?
211
„die zeigen ihm den Weeg, den er mit seinem Kahn
212
210”Zu suchen sich gewagt, zugleich die Mittel an,
213
„gefahren, Strandungen und Klippen zu vermeiden,
214
„so weiß er unbesorgt die Wellen durchzuschneiden.
215
„verachtet er den Pol; verliehrt er den Magnet;
216
„kein Wunder ist es dann, wann er zu Grunde geht.
217
„uns ist bewußt, daß auch
218
„bekannt, was über sie vor Stürme seynd gekommen:
219
„sie schiffte durch den Schaum der fürchterlichsten Flutt;
220
„auf wem, als nur auf mir, hat ihre Fart beruht?
221
„die Winde drangen sich das Schiff herum zu schlagen,
222
220”Sie schärfften die Gewalt, es auf den Strand zu jagen;
223
„die Wellen welzten sich von allen Seiten her,
224
„sie rollten Flutt auf Flutt, erzürnten selbst das Meer;
225
„kein Ungestüm vergaß sich wieder sie zu bäumen;
226
„die Wässer funckelten für Grimmen-vollem Schäumen.
227
225”So gar der Wolcken Grau wies Rach und Zorn daran,
228
„verhüllte Lufft und Meer, und den bestürmten Kahn;
229
„der Schrecken häuffte sich; der Hoffnungs-Ancker krachte,
230
„indem die schwartze Luft den Keilen Weege machte,
231
„wodurch des Donners Macht, Bliz, Feur und Hagel schoß,
232
230”Das Hoffnungs-blosse Schiff in Gräßlichkeit verschloß.
233
„mich greifft ein Schauer an; Mund, Herz und Stim̃e zittern,
234
„wann ich des schwächsten Schlags von diesen Ungewittern
235
„mich noch erinnere: wie das erboßte Feur
236
„des Hochmuths sich empört: mit was vor Abentheur
237
235”Das wallende Gebürg den Rachen aufgeblehet,
238
„und um desselben Schlund das Schiff herum gedrehet.
239
„erzählt mir, Wertheste! wie sich
240
„in der Gefahr erwies! wer war zum Helffen da?
241
„was halff die kühne Faust, Standhafftigkeit der Sinnen,
242
240”Ein unerschrockner Geist, die Winde zu gewinnen?
243
„das Meer trozt jede Macht. Die Nadel und der Pol,
244
„an diesen hieng das Schiff, Glück, Rettung, Heil und Wohl.
245
„das Auge GOttes war der Pol, auf den wir schauten;
246
„nach dessen Blick und Winck wir uns dem Meer vertrauten;
247
245”Das Herz der Königinn war Nadel und Compaß,
248
„den weder Flutt, noch Wind, noch Jrrlicht von der Straß,
249
„vom Pol entferneten: mich traff das Ruder führen:
250
„so konnten wir uns nicht in diesem Sturm verliehren.
251
„ja, was am plözlichsten sonst zu erschrecken pflegt,
252
250”War, was in unserm Sinn oft neuen Muth erregt.
253
„je mehr der Bliz das Grau der blassen Luft zerrizte,
254
„je mehr in unsrer Brust sich Trost und Hoffnung stüzte.
255
„die Finsterniß nahm uns der Augen Zuversicht,
256
„der Bliz hingegen gab uns wieder Schein und Licht,
257
255”Daß wir den Lauf des Sturms, das Wetter konnten sehen,
258
„und folglich der Gefahr des Untergangs entgehen.
259
„nun ruff’ ich billich auf: Wer halff bey dieser Fart?
260
„da ihr noch selber nicht zum Beystand einig wart?
261
„wie taugte dazumahl ein menschliches Vermögen?
262
260”Drum suchten wir die Macht des Himmels zu bewegen:
263
„zu solchem End hab ichs, die
264
„und so verschwand der Greul der Schrecken-vollen Nacht.
265
„gOtt gab uns Hilff und Schuz; durch ihn seynd wir gerettet,
266
„jhn haben wir allein um Beystand angebetet.
267
„weil schon der Feinde Gifft der Freunde Blut durchschlich.
268
„nur was uns GOtt verlieh, gieng, trozte die Gefahren,
269
„und wiedersezte sich den Herrsucht-vollen Schaaren.
271
Die Unerschrockenheit gab öffters solche Zeichen,
272
Daß sich die Frömmigkeit mit ihr nicht sollt vergleichen.
273
Hier aber stund sie auf, und sprach: „Wer weiß es nicht,
274
„daß Frömmigkeit von nichts, als von der Andacht spricht?
275
„allein, hast du dadurch so viel, als ich, erwiesen?
276
„dein Vortrag ist mein Werck: hätt euch der Sturm erschreckt;
277
„wo wär die Frömmigkeit mit ihrem Schiff gesteckt?
278
„stumm, blind, unmächtig, taub, erstarrt hättst du geschworen,
279
Die Frömmigkeit vernahm den Einwurff; schwieg dazu,
280
Und wies in dem Gesicht Gelassenheit und Ruh:
281
Doch endlich sprach sie dies: „Was? Freundinn? willst du streiten?
282
„wie? oder selber gar den Sieg mir zubereiten?
283
„als du? wer hat es mehr zum Kriegen aufgehezt?
284
„du triebst es in die Wuth: es hat gepocht, gefochten;
285
„und dannoch sieht man es mit wenig Laub umflochten.
286
Darauf ward eingewendt: „Die Furcht ist dein Geleit;
287
„sie schlägt der Krieger Muth durch ihr Entfliehen nieder;
288
„sie stört der Schaaren Feur, und schwächt die Macht der Glieder.
289
„was„, sprach die Frömmigkeit, was ist dein Helden-Muth?
290
„erzähl, auf was dein Rath, Verdienst und Werck beruht!
291
„sagst du? so bist du nicht mit uns im Sturm gewesen?
292
„und dannoch haben wir die größte Wuth besiegt:
293
„wie der Beweiß dem Kreiß und dir vor Augen ligt:
294
„warst aber du sowohl als ich im Sturm vorhanden;
295
„allein was nuzt die Frag und dieser eitle Streit?
296
„hier ist die Frömmigkeit; dort Unerschrockenheit.
302
Ein herrliches Gesicht, so bald es sich erhöht,
310Erweckte bey dem Kreiß durch seine Majestät
303
Aufmercksamkeit und Acht. Es war der Fürsten Zierde,
305
Zum reden fertig stund, nachdem sie einen Schild,
306
Den sie zu mehrer Pracht und Hoheit vor sich hielt,
307
„ist biß auf diese Zeit allein dahin gegangen,
309
„die meine Majestät mir eigenthumlich macht,
310
„dem Vaterland zum Heil und ihr zum Nachruhm ziere;
311
„es ist bekannt, wie sich des Adlers Aug erquickt,
312
„wann er der Sonne Licht und schärfsten Glanz erblickt.
313
Kaum hörten wir das Wort, so wandte sie das Auge
314
Nach ihrem Schild, und sprach: „Hier sehet, was er tauge!
315
Wie Pfeilen-schnell und stolz er durch die Wolcken fliegt.
316
„jemehr der Sonne Strahl ihm in das Antliz blizet,
317
War ferner ihr Gespräch, „jemehr er sich erhizet;
318
„er schießt und wirfft den Blick um alle Seiten her,
319
„er sieht die Sonne sich durch alle Kreise schwingen,
320
„und auf der hohen Bahn der Sterne Licht verdringen:
321
„er schäzt und achtet sich als seines gleichens Haupt;
322
„vermeint, er wär der Ehr und Majestät beraubt,
323
„und er nicht so, wie sie, den Himmel überflöge.
324
„er stürzt sich in die Luft, verläßt der Erde Rund;
325
„und macht der Sonne selbst sein hohes Wesen kund.
326
„sie strahlt ihm ins Gesicht, er trozt mit seinen Augen,
327
„er schärfft den kühnen Blick, und achtet keinen Keil,
328
„schwingt selber sich so schnell als ein geschoßner Pfeil:
329
„durch sein großmüthiges und unerschrocknes Flügen
330
„muß, was ihm wiedersteht, den Klauen unterligen.
331
„er bricht sie, wafnet sich damit: das ist der Bliz,
332
„mit dem er auf den Feind, der ihn erzürnet, wettert,
333
„desselben Hochmuth trozt; Wuth, Rach und Macht zerschmettert.
344
„steigt nun die Majestät mit solcher Pracht empor;
345
„so kommt der Marmel-Stein mir allzu wenig vor,
346
„daß ich um dessen Rang, Besiz und Ehre streite:
347
„weil ich mir nichts dadurch zu grösserm Ansehn weihte.
348
„und nichts den Ruhm, womit
349
„so fällt mir auch nicht ein dem Friese nachzustreben,
350
„es kann der Majestät kein höhers Wesen geben:
352
„hingegen pfleg’ ich auch ihr Haupt empor zu schwingen,
353
„wie ich davon gar leicht könnt tausend Proben bringen;
354
„allein ich trage nichts als einen Umstand vor:
355
„von diesem stammt ihr Heil, Glück, Ansehn, Ruhm und Flor.
356
„sonst hätt es ihr vielleicht noch mehr an Hilff gefehlet.
357
„ich wies ihr den Entwurff des aufgedrungnen Kriegs,
358
„den Weeg zur Gegenwehr, die Möglichkeit des Siegs.
359
„erinnert euch der Zeit, des Orts und jener Thaten,
360
„betrachtet nur den Pomp der ersten Königs-Pracht,
361
„mit der sie sich so werth und Welt-beliebt gemacht;
362
„als auf dem Königs-Berg sie gleich dem grösten Helden
363
„gewafnet angezeigt, was einst von ihr zu melden;
364
„der von derselben Stund und von demselben Wall
365
„fast durch die gantze Welt sich plözlich ausgebreitet;
366
„das hat die Majestät, ich, meine Macht bereitet.
367
„die Folg’ ist euch bekannt; hieß es nicht: Leib und Blut
368
„sey dieser Frau geschenckt? man wolle sie beschützen,
369
„und eh der Feinde Faust mit eignem Blut bespritzen
370
„als leiden, daß man ihr nur einen Stein der Kron
371
„verrücket sehen soll; war dieses nicht der Thon?
372
„worauf der Helden Fürst, ja dessen gantzer Orden
373
„mit ihr sich schlagen soll? Sie saß in Majestät,
374
„das Reichs-Schwert in der Hand, auf einem Pferd erhöht;
375
„wie wann von jedem Theil der Welt Gefahr erschiene,
376
„ich rühme kein Gerücht; man hatte wohl gespührt,
377
„daß wahrer Helden-Muth allda den Degen führt.
378
„sie ritte so behertzt und hieb so schwere Streiche,
379
„daß ihr Gethön und Klang durch viele Konigreiche
380
„auf der man Heil und Ehr, und Sieg erfechten kann.
381
„jhr Majestätisches, niemahls gepflognes Reiten
382
„fieng dorten an, dem Volck ihr Siegen vorzudeuten.
383
„wer sahe dort nicht vor, wie sie das Vaterland
384
„jm Heil befestigen, im Glück beherrschen werde?
385
„daß es geschehen sey, bekennt der Kreiß der Erde.
386
„wir wissen was der Feind vor Mienen springen ließ,
387
„wie sie das Vaterland der Wuth des Glücks entriß.
388
„wo man zum ersten Mahl derselben Hoheit priese!
389
„schrie nicht das frohe Volck: Beglücktes Königreich!
390
„der Fürstinn Ankunfft ist der Morgenröthe gleich!
392
„auf Brüder zum Gewehr! wann ihr nach Wohlfart strebt!
393
„wir wollen durch den Stahl, der unsern Muth belebt,
394
„der Feinde Troz zu Troz als König sie behaupten;
395
„wann wir uns auch dadurch von Gut und Blut beraubten.