Verliebte Arien

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Verliebte Arien (1695)

1
Mein hertze schmeltzt in einer stummen glut/
2
Kein funcke soll aus meinen adern steigen/
3
Dem rauche selbst verbeut man sich zu zeigen/
4
Und schweigen meistert mein erhitztes blut.
5
Es heist mich die natur ein schönes auge suchen/
6
Und das gesetze will auff meine regung fluchen.

7
Soll denn ein kuß/ ein unbefleckter schertz/
8
Ein süsser blick sünd und verbrechung heissen?
9
Soll ich denn selber mich mir nun entreissen?
10
Der himmel kennt der menschen sinn und hertz.
11
Lieb ist des himmels kind/ es wird ja unsre flammen/
12
Als dieberey und mord der himmel nicht verdammen.

13
Wer ist doch/ der sich selbst entmenschen kan?
14
Wir wissen uns hier nirgends zu verklären/
15
Des fleisches kan das fleisch sich nicht erwehren/
16
Die menschlichkeit kleht menschen stündlich an.
17
Die engel liessen sich im himmel abwärts treiben/
18
Wie sollen menschen doch auff erden engel bleiben?

19
Soll Sylvia von mir verschlossen seyn?
20
Verbotne frucht ist mehr als doppelt süsse;
21
Der neben-weg reitzt mehrmahls unsre füsse/
22
Die wollust wächst auch aus gefahr und pein.
23
Diß ist die süsse nuß/ so schwer ist auffzubrechen/
24
Die rose wird geliebt/ ob gleich die dörner stechen.

25
Ach/ Sylvia! Ich weiß nicht/ wo ich bin!
26
Es soll kein mensch mein heisses übel kennen/
27
Ich armer darff nicht meine kranckheit nennen/
28
Die richt-sucht nimmt uns blüt und früchte hin.
29
Getreue Sylvia/ hab ich genade funden/
30
So schau/ ach schaue doch! in meine tieffe wunden.

31
Du kennest ja die galle dieser welt/
32
Wie iedermann des andern fehler zehlet/
33
Und fremden fall zum zeitvertreib erwehlet/
34
Und dessen fleck vor seine schmincke hält.
35
Du must nur dichtes garn zu meiner decken spinnen/
36
Dadurch die falsche welt nicht leicht wird sehen können.

37
Es soll alsdenn ein amber-reicher kuß/
38
Der sich genetzt in moschus und rubinen/
39
Vor julepp uns in dieser hitze dienen.
40
Wo bleibst du doch! O süsser überfluß?
41
Ich weiß die liebe wird zu lachen hier beginnen/
42
Indem zwey zungen nicht vor liebe reden können.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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