Abschieds-brieff Herrn O. L. G. K. an Fr. C. V. S

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Abschieds-brieff Herrn O. L. G. K. an Fr. C. V. S (1695)

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Mein letzter abschieds-brieff wirfft sich zu deinen füssen/
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Vergönne seiner noth ein gnädig angesicht;
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Mehr thränen siehest du als schwartze dinte fliessen/
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Das siegel ist das blut/ so aus den wunden bricht.
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Ich weiß nicht/ ob er dir erbarmniß wird erwecken/
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Diß weiß ich/ daß ich es mehr als zu viel verdient/
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Nicht zwar/ daß mich die furcht des todes solt erschrecken/
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Nein! diß betrübt mich nur/ daß lieb im hertzen grünt.
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Ach möcht ich diesen trost vor meinem ende hören/
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Die englische Charlott’ erbarmt sich meiner noth/
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So wolt ich alles blut aus meines armes röhren/
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Mit freuden geben hin/ und küssen meinen tod.
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Ich wolte mich vergnügt in meinem jammer schätzen/
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Erlaubte man mir nur zu küssen deine hand/
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Es würde sich mein geist noch in der grufft ergetzen/
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Erblickt ich nur von dir ein holdes gnaden-pfand.
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So aber qväl ich mich mit diesen traur-gedancken:
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Du bist in todes-noth/ sie aber weiß es nicht/
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Sie lacht und spielt vielleicht/ du ärmster must erkrancken/
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Sie singt/ du aber bist zum sterben zugericht;
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Zudem so wird der neid vielleicht mich selber qvälen/
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Wer weiß/ was man ihr noch nach meinem tode sagt/
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Man wird ihr diß und das von meinem thun erzehlen/
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Weil ein vergälltes maul nicht nach den todten fragt.
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Diß eisen/ gnädige/ verdoppelt meine schmertzen/
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Und macht/ daß man bey mir das blut nicht stillen kan/
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Weil dieses fieber wallt in dem geqvälten hertzen/
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Nimmt der zerschoßne leib auch keine pflaster an;
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Doch muß ich auch gestehn/ wenn meine noth am grösten/
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Wenn die verzweifflung will aus allen Orten gehn/
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So fängt beständigkeit mich wieder an zu trösten/
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Weil deine tugend mich niemahlen falsch gesehn.
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Der allerhöchste weiß/ der die gedancken kennet/
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Vor dem mein kranckes hertz bald rechnung geben muß/
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Daß ich vor dich allein in keuscher glut gebrennet/
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Und keinen augenblick bereuet diesen schluß.
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Ich bitt’/ erwege nur den anfang meiner liebe/
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Mit was vor regung ich sie dir zum ersten wieß/
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Bedencke/ wie sie mich aus ungemeinem triebe
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Zu rettung deiner noth ins kalte wasser riß.
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Was hatt’ ich dazumahl vor höllen-pein erlitten/
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Als man mir eyde schwur von deinem kloster-stand/
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Als kranckheit/ lieb’ und furcht in mir so hefftig stritten/
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Daß ich vor schmertzen mich warhafftig nicht gekannt.
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Was seuffzer hab ich nicht zum himmel abgeschicket/
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Der andern ihren wunsch offt ohne bitten giebt/
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Doch/ daß er mein gebet nicht gnädig angeblicket/
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Macht/ daß ich dich vielleicht mehr als ihn selbst geliebt.
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Ich sterbe/ doch vergnügt/ weil er mir diß gewähret/
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Daß ich dich lebend nicht in fremder hand gesehn/
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Nunmehro/ da der tod mir marck und bein verzehret/
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Mag alles/ wie es GOtt und dir gefällt/ geschehn.
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Du darffst um meinen tod dich nicht zu tode grämen/
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Mir schaffst du keinen rath/ dir stöhrst du deine ruh/
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Man muß des Höchsten macht in allen sich beqvemen/
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Diß bitt ich/ schick mir nur ein dosin thränen zu.
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Der himmel gebe dir die jahre/ so mir fehlen/
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Er sey auff deinen trost und wahre ruh bedacht/
59
Er lasse dich das glück mit millionen zehlen/
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Genung! das blut entgeht. Charlotte gute nacht.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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