Der gelehrte Adel

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Der gelehrte Adel (1695)

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Ihr/ die ihr schlacken-werck vor reines silber wehlet/
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Und schlechtes spiegel-glaß gleich diamanten schätzt/
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Euch meyn’ ich/ die ihr nur der ahnen menge zehlet/
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Und selbst als nulle scheint den nullen beygesetzt/
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Die ihr das götzen-bild des kahlen Adels ehrt/
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Ihr seyd/ verzeiht es mir/ recht ungemein bethört.

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Was nützt der bunte kram geerbter ritter-fahnen/
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Was dient der büffels-kopff der euer wapen ziert/
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Was helffen helm und schild von längst verfaulten ahnen/
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Und der polierte stahl/ den euer harnisch führt
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Von tausend jahren her? Ein kluger macht den schluß:
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Daß dieser haus-rath noch den trödel füllen muß.

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Den Adel schelt’ ich nicht/ ich kenne seine güte;
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Diß enge saal-athen zeigt manchen edelmann/
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Der hoch-gebohren ist von ankunfft und geblüte:
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Und sieht ein schönes buch doch mit vergnügen an.
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Nein/ werden Adel bloß in fahn und ahnen sucht/
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Ist ein verhaßtes bild der leeren sodoms-frucht.

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Gesetzt/ daß dein geschlecht von alten helden stammet/
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Der ruhm ist eitelkeit/ und ein geborgtes gut:
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Im fall die tugend dich als mißgeburt verdammet/
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Und keine helden-that beweist das edle blut.
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Viel höher steigt dein werth/ wenn du Achilles bist/
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Ob schon/ der dich gezeugt/ Thersites selber ist.

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Der alten Adel wuchs auff keinen fremden zweigen/
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Ihr auge merckte nicht entlehnten zierrath an/
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Kont’ iemand sich nicht selbst durch tapffre thaten zeigen/
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Durch tugend/ durch verstand/ der war kein edelmann.
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Nun aber hat das blat sich/ leider! umgewand:
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Indem ein esel offt vor edel wird erkannt.

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Der/ den der pfeffer reich/ der reichthum stoltz gemachet/
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Kaufft in den Adel sich vor tausend thaler ein/
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Und giebt den handel an: Indem der weise lachet/
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Daß solch ein pfeffer-sack will strenger juncker seyn.
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So kommt der offne helm auff kind und kindes kind/
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Die ihrem vater gleich an witz und tugend sind.

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Aus solchem holtze nun wird ein Mercur geschnitten/
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Den der gemeine mann fast wie den fürsten ehrt:
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Kommt aber an den hof ein ander freund geschritten/
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Der in das blasse reich der wissenschafft gehört/
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Und hält um einen dienst gantz tieff gebücket an/
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So fragt man ihn: Monsieur/ ist er ein edelmann?

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O spott! Heist diß allein aus edlen stamm entsprossen/
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Wenn man den mutter-heerd/ sonst aber nichts geschaut/
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Und vor das vaterland mehr wein als blut vergossen?
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So steht der Adel wohl auff schlechten grund gebaut.
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Doch hat ein fürst nur nicht von leim ein hertz gemacht/
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So wird er nimmermehr auff diesen wahn gebracht.

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Er kennt/ was tugend sey/ und ein gelehrtes wissen:
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Wer diesen Adel hat/ den zeucht er jenem vor/
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Die mit der ahnen glantz sich nur behelffen müssen/
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Und öffnet ihm zur burg der ehren thür und thor.
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Apollo schreibt sein lob ans hohe sternen-haus/
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Und Fama streut es hier mit tausend zungen aus.

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Die Juno beut ihm dar den schlüssel zu den schätzen/
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Daran es gar zu offt dem strengen juncker fehlt:
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Minerva steht bereit den hut ihm auffzusetzen/
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Der von der niedrigkeit ihn weit entfernet zehlt:
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Die liebes-göttin selbst/ der schönheit richterin/
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Reicht diesem werthen sohn ihr liebstes kleinod hin.

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So rühmt nun/ wie ihr wollt/ den Adel eurer ahnen/
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Dir ihr sonst nichts besitzt das rühmens würdig ist:
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Trotzt immer auff den kram zerlappter krieges-fahnen/
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Und pflantzt die unart fort auff euers vaters mist.
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Gelahrheit legt indeß ein ander rüsthauß an/
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Das auch die richtschnur selbst mit nichten tadeln kan.

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Ihr helm ist die gedult bey emsigem studieren/
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Darauff ein grüner busch von hoffnungs-federn steckt:
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Erfahrung pfleget sie an pantzers statt zu führen/
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Und demut ist der schild/ der ihren leib bedeckt.
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Die kluge wachsamkeit ist ihr berühmtes schwerd/
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Und ein geschicktes buch das beste tummel-pferd.

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Ihr wapen ist ein feld/ halb weiß/ halb blau gemahlet/
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Darinn Medusen haupt und schlangen-haar erscheint;
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Weiß zeigt die unschuld an/ so in dem wandel strahlet/
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Und alle thaten schmückt: Blau daß mans treulich meynt.
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Und der bekandte kopff/ so manchen feind erschreckt/
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Zielt auff die wunder-krafft/ die in den künsten steckt.

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Der wahl-spruch/ den sie ihr aus tausenden erwehlet/
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Gieng kurtze zeit zuvor durch Alexanders mund/
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Eh’ ihn des himmels-schluß den todten zugezehlet/
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Und als die treue schaar noch um sein lager stund;
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Er sprach: Dem würdigsten verlaß ich meinen thron.
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Dem würdigsten/ spricht sie/ gehört mein ehren-lohn.

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Zu dieser hoheit kan kein kahler juncker kommen/
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Der nie geschäfftig ist/ als wenn er hasen hetzt.
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Du aber/ edler held/ bist freundlich auffgenommen/
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Und hast den purpur-hut höchst-würdig auffgesetzt.
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Wer nun auff gleichen schlag sich auffwärts schwingen kan/
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Macht durch den adlers-flug sich selbst zum edelmann.

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Dem dieses nicht vergunt/ bewundert nur dein gläntzen;
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Du bist der sonnen gleich/ die hat ihr eigen licht/
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Der Adel/ den du führst/ hegt nicht so schlechte grentzen/
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Dadurch der scharffe zahn des tollen neides bricht.
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Diß ist der schöne danck/ wohl-edler/ für den fleiß
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Den die gelehrte zunfft nicht gnug zu rühmen weiß.

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Das auge Schlesiens/ der städte zier und krone/
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Budorgis freuet sich; es jauchzet Herren-stadt;
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Saline schmeichelt dir als neuem ehren-sohne;
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Den sie nur gar zu gern in ihren armen hat.
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Ja was die feder itzt nicht füglich melden kan/
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Beut

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Indes da manche faust sich höchst verbunden schätzet/
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Zu steigen in dein lob durch ein geschicktes blat/
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So wird ein kurtzer wunsch von mir hieher gesetzet/
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Der wenig von der kunst geübter dichter hat:
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Wohl-edler musen-freund/ sey himmel-ab beglückt;
108
So lange/ biß der artzt zum patienten schickt.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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