An Flavien

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: An Flavien (1695)

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Geliebte Flavia/ du kennest ja mein hertze/
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Du kennst es allzuwohl/ es steht in deiner hand.
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Es wächst das andre mahl Dianens weisse kertze/
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Als du das hertz und mich dir selber hast entwand.
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Wird ein gefällig wort auff diese blätter fliessen/
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So rühme deinen trieb/ nicht meinen geist und mich.
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Ich werde sonder zwang dir doch bekennen müssen/
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Die liebste Flavia die schreibt hier mehr als ich.
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Doch bist du meisterin von meinen treuen sinnen/
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So schaue diesen brieff mit holden augen an/
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Du wirst die feder ja mit recht nicht tadeln können/
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Die ohne deinen zug kein wort mehr schreiben kan.
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Ich hoff es werde mich die richtsucht nicht verdammen/
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Vor der die tugend selbst nicht unberührt kan stehn/
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Es kennt der himmel ja die reinen freundschaffts flammen/
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Die auch an sauberkeit den sternen gleiche gehn.
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Ach! liebste Flavia/ die schrifft und die gedancken
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Sind ja ein wunderwerck und kleinod dieser welt;
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Was spielen wir doch nicht in des gemüthes schrancken?
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Was haben wir da nicht verwegen fürgestellt?
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Was uns verboten wird/ das kan man hier erfüllen/
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Man lachet/ schertzt und küßt/ thut was uns wolgefällt.
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Kein scharff gesetze stöhrt allhier den freyen willen/
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Und nichts ist starck genug/ das uns zurücke hält.
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Man mag die schönste brust hier ohne scheu berühren/
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Und schauen/ was man sonst nicht wohl befühlen darff.
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Man kan die heisse lust biß auff den gipffel führen:
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Dann den gedancken ist der richter allzuscharff.
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Kein riegel hält sie auff/ es kan sie nichts verdecken/
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Wann ihre räder nur in scharffen triebe gehn;
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Es kan kein zarter ort vor ihnen sich verstecken/
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Kein zahn und nagel weiß hier recht zu widerstehn.
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Zeit und gelegenheit weiß keinem nicht zu fehlen/
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Hier bricht man rosen ab/ und fühlt die dornen nicht.
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Man kan was/ wo und wie nach seiner lust erwehlen/
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Man findt kein thor allhier so unsern fürsatz bricht.
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Die schrifften/ die man sonst verdolmetscht durchs gemüthe/
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Die stumme redens-art/ so aus der feder qvillt/
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Hat eine solche krafft/ und ist von solcher güte/
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Daß offt ein schreiben mehr als ein gespräche gillt.
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Fällt gleich ein süsser schall uns in die dünnen ohren/
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So prägt die feder uns doch dessen meynung ein.
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Es hat des menschen witz die littern ihm erkohren/
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Daß sie der sterbligkeit geschwärtzte bothen seyn.
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Sie lauffen über berg und schwimmen über flüsse/
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Sie stifften buhlerey/ und richten freundschafft an:
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Sie führen gut und geld/ sie bringen gruß und küsse/
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Und schwingen offtermahls der liebe sieges-fahn.
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Sie pressen thränen aus/ sie regen unsre hertzen/
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Sie blasen feuer auff/ sie stärcken die gedult.
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Sie sagen reichlich zu/ sie wissen wohl zu schertzen/
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Und ein geschmeider brieff zahlt offt die gröste schuld.
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Schrifft und gedancken sind der trost entfernter seelen/
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Damit bestillen sie die regung heisser pein/
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Und was man vor der welt aus wohlstand muß verhölen/
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Das kan im sinn gespielt/ im brieff geschrieben seyn.
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Geliebte Flavia/ in meinen angedencken
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Schwebt itzt dein freundlich seyn/ dein anmuths überstuß;
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Mich deucht du wilst mich itzt mit rosen-thau beschencken/
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Vor dem die rose bleicht/ und thau vertrocknen muß.
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Mich däucht es rühren mich der hellen augen flammen/
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Und das geschwinde gifft/ so aus rubinen fährt.
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Es schlägt itzt über mir die wollust-flut zusammen/
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So mir die höllen-angst ins paradiß verkehrt.
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Ich schau auff warmen schnee die rothen beeren stehen/
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Die ohne zucker auch dem zucker ähnlich seyn;
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Es scheint du heissest mich auff tuber-rosen gehen/
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Und machst die schwartze nacht zum hellen sonnenschein.
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Ich schliesse diesen brieff/ der hin zu dir begehret/
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Und der die hände küst/ die ich nicht küssen kan.
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Was mir versaget ist/ das wird ihm itzt gewähret/
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Es scheint/ als stösse mich ein kleiner eifer an.
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Gesegnetes papier! du schwebest voll gelücke/
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Lauff itzt an meine statt in süssen hafen ein:
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Geneuß von wegen mein der süssen liebes-blicke/
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Vor der die sonne selbst scheint ohne krafft zu seyn.
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Bezeuge Flavia/ daß schrifft und angedencken
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Des treuen freundes dir nicht gantz zu wider sey/
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Und wilst du seinen geist nicht unverschuldet kräncken/
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So denck itzund an ihn/ und schreib ihm auch darbey.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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