Wohlmeynende gedancken über den geburts-tag der Bleßine

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Wohlmeynende gedancken über den geburts-tag der Bleßine (1695)

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Bleßine laß mich doch in diesem brieffe schertzen/
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Es scheint/ daß heute mir der himmel selber lacht;
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Es qvillt/ ich weiß nicht was/ aus meinem engen hertzen/
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Das alle schmertzen mir zu süssen zucker macht.
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Die Venus will mir selbst die dicke dinte rühren/
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Cupido träget mir die weissen blätter zu;
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Jedoch was dieses mahl soll meine feder führen/
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Das kan nichts anders seyn/ als nur Bleßine du.
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Du weist am besten mir die geister zu erwecken/
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Und legst in sand und eiß beblümte gärten an/
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Du läst mich nicht im schlamm der bleichen sorgen stecken/
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Und machest/ daß ich noch/ was lust ist/ schmecken kan.
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Du kanst aus nächten tag/ aus winter frühling machen/
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Aus deinen augen qvillt der zeug zum hurtig seyn.
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Du lehrst die traurigkeit und schwermuth selber lachen/
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Und lockst aus trüber nacht den hellen sonnenschein.
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Die jahre deiner gunst sind ohne marter-wochen/
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Der schwartze sonntag wird durch dich zum oster-fest.
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Es läst dein paradeiß mich liebes-äpffel suchen/
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Darbey die schlange sich nicht leichtlich spüren läst.
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Bleßine/ weist du auch/ warum ich dieses schreibe/
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Warum dir meine faust itzt hundert reime schickt?
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Du kennst den schönen mertz/ als aus der mutter leibe
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Vor siebzehn jahren du die welt hast angeblickt.
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Da hat die Venus dich bald auff den arm geleget/
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Und dich mit ihrer milch als mutter auch getränckt;
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Sie hat die lieblichkeit dir reichlich eingepräget/
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Und selbst ihr ebenbild auff deine brust gehenckt.
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Sie hat mit rosen-blut die lippen dir besprützet/
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Und ihre zunge hat die deinige genetzt;
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Sie hat dir alsobald das junge blut erhitzet/
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Und warmen wunder-schnee in deine hand gesetzt.
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Nach diesem hat sie dich den Gratien befohlen/
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Die eine küßte dich/ du weist es wohl auff was;
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Cupido muste dir zeug zu den windeln holen/
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Der niemahls allzuweit von deiner wiege saß/
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Er sang dir: kindgen schlaff; dein mund ist wie rubinen/
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Dein bäuchlein schwanen-weiß/ dein hals wie helffenbein/
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Es wird die freyheit dir vor eine sclavin dienen/
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Wann um dein brünnlein wird ein schönes püschgen seyn.
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Schlaff sanfft! Es müsse dich kein harter schall erwecken/
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Die mutter decket dich mit ihrem flore zu.
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In deine lippen will sie zucker-stengel stecken/
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Die mehr als zucker sind/ und lieblich seyn/ wie du.
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Er lehrte bald darauff die glatten füsse schreiten/
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Er macht’ aus seinem pfeil dir offt ein tummel-pferd/
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Die Venus lacht’/ und sprach: Wie kan diß dirnlein reiten?
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Der himmel mache sie des besten reuters werth!
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Sie ließ die tauben offt in deiner kammer bleiben/
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Die weil ihr schnäblen dir fürtrefflich wohl gefiel/
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Du fragtest: Was ist diß? was sie vor kurtzweil treiben?
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O fürwitz/ sagte sie/ es ist ihr liebes-spiel.
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Was soll ich endlich viel von deiner jugend sagen?
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Dich hat der himmel selbst als tochter angelacht.
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Und dich ohn unterlaß auff arm und schooß getragen/
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Ja sammt und seide dir zu bett und stuhl gemacht.
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Und hat er etwan dich was sauer angeblicket/
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So hat er doppelt dich auch wieder bald geliebt/
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Und aus dem nebel dir den schönsten strahl geschicket/
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So wie ein pinsel thut/ der neuen fürniß giebt.
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Bleßine/ darff ich dir mein hertze recht entschliessen?
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Du weist/ ich bin kein freund der schnöden heucheley;
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So sag ich dir/ du sitzt auff des gelückes küssen/
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Und lebest noch zur zeit von scharffen dornen frey.
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Die lebens-göttin spinnt vor dich gar feste seide/
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Die sonne deiner lust weiß nichts von untergehn.
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Es kaufft die freudigkeit dir zeug zu einem kleide/
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Und will als dienerin dir zu gebote stehn/
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Sie reichet lachende dir ihre beste schaale/
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Sie schencket nectar dir biß an dem deckel ein/
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Sie speist verschwenderisch dich auff den bunten saale/
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Und heisset hertzen dir gemeine bissen seyn.
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Bleßin’ ich schrey itzund/ ich fühle deine bisse/
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Doch wo Bleßine beißt/ da richt sie lachen an.
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Beiß/ beiß Bleßine/ beiß/ dein beissen ist so süsse/
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Daß ich vor lieblichkeit fast nicht mehr leben kan.
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Ich habe schon vorlängst mein hertze dir geschencket/
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Dein mund zerreist es zwar/ zermalmt es aber nicht.
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Ach! freundin/ glaub es mir/ worauff dein geist gedencket/
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Das hab ich allbereit als diener ausgericht.
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Küßt aber/ schönste/ dich vergnügung und gelücke/
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Drückt dieses werthe paar dich freundlich an die brust/
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So thu mir auch also/ du weist es/ deine blicke/
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So mir dein auge schenckt/ sind strahlen meiner lust.
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Laß deiner lippen thau um meine lippen fliessen/
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Den thau/ der erstlich mich/ wie leim den vogel/ fing.
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Laß die vertraulichkeit die seele mir durchsüssen/
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Vertraulichkeit bleibt doch der liebe siegel-ring.
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Mein auge kennst du ja/ es ist zwar nicht die sonne/
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Es sey dir/ was du wilt/ nur sey ihm nicht zu scharff.
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Wilst du mein himmel seyn/ so gönn ihm doch die wonne/
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Daß es/ was himmlisch ist/ auch recht bestrahlen darff.
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Itzt schließ ich diesen brieff. Bleßine das gelücke
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Das müsse nimmermehr verändern deinen fuß/
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Die sterne senden dir dergleichen freuden-blicke/
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Vor den die traurigkeit zu asche werden muß.
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Es reihe mich und dich durch einen drat zusammen/
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Es streu uns überall vergnügungs-körner ein/
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Und lasse ungestört/ bey diesen süssen flammen/
100
Dein hauß mein paradieß/ dich meinen engel seyn.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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