Cupido an Berinne

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Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Cupido an Berinne (1695)

1
Aus meiner mutter mund ist dieser brieff geflossen/
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So dich/ Berinne/ mehr als ihre tauben liebt/
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Durch ihren segen ist dein warmer schnee entsprossen/
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Dem iede schwanen-brust sich gantz gefangen giebt.
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Es ist der mutter wort/ was ich dir übersende/
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Ich hab es nur aus lust in diese reimen bracht.
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Was nimmt nicht eine frau mit freuden in die hände/
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Was nach der Venus wunsch Cupido fertig macht.
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Dir ist nicht unbekandt/ was man die liebe nennet/
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Es ist vor deinen geist nicht eine fremde glut;
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Du hast viel angesteckt/ und bist auch selbst entbrennet/
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Und kennest/ was mein pfeil vor grosse wunder thut;
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Du weist/ daß menschen sich nicht recht entmenschen können/
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Und die begierde sie als alte kinder wiegt;
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Ich weiß/ so gut als du/ den zunder deiner sinnen/
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Und daß nicht eiß und stahl dir um das hertze liegt.
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Ich habe dir zunächst zwey schreiben weggerücket/
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So an den Criton du hast zierlich auffgesetzt;
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Ich habe sie aus pflicht der mutter zugeschicket/
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So sie von grössern werth als ihre perlen schätzt.
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Sie hat sie alle zwey in einen schrein verschlossen/
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Dahin der diamant nur will verwahret seyn.
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Sie sprach: Berinn’ ist selbst in diesen brieff geflossen/
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Und druckt ihr ebenbild den schönen worten ein/
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Ich weiß die edle glut nicht hoch genug zu preisen/
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Es steht das lieben dir ja gar zu zierlich an:
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Und du/ Berinne/ kanst in einem spiegel weisen/
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Wie gold und lieb allein im feuer dauren kan.
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Dein unbefleckter mund verschencket keine küsse/
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Daran nicht trinckbar gold und lebens-nectar klebt/
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Es ist die süßigkeit vor ihnen selbst nicht süsse/
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Weil mehr als honigseim auff deinen lippen schwebt.
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Die schnelle zauberey/ so du im munde führest/
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Macht/ daß dich Criton mehr als seine seele liebt/
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Daß er/ so bald du nur die lippen ihm berührest
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Sich selber ihm entzieht/ und dir sich eigen giebt.
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Der menschen liebe wird von vieler art gefunden/
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Doch deucht mich/ diese sey viel mehr als andre werth/
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Dieweil die tugend selbst den brandzeug hat gebunden/
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Und diese reine glut durch ihren schweffel nehrt.
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Du weist/ als Criton dir den ersten kuß gegeben/
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Daß dieses keusche wort aus seinen lippen brach:
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Ich will allhier veracht/ und dort verdammet leben/
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Rennt meines geistes trieb verbotnen lüsten nach!
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Ich fühl in meiner brust die allerreinsten flammen/
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Ich mercke mir genau den gräntz-stein meiner lust/
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Es setzt der tugend hand diß endlich noch zusammen:
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Ein küßgen auff den mund/ fünff finger auff die brust.
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Diß ist die beste lust so nicht zu reichlich qvillet/
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Und wo der abend nicht den tag zuschanden macht.
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Wer seinen hunger nicht mit voller kost bestillet/
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Der wird der süßigkeit alleine werth geacht.
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Ich will hinkünfftig dich als meine schwester lieben/
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Mit der ein bruder stets vernünfftig schertzen muß;
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Ich will durch keinen trieb dein keusches wasser trüben.
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Und diß versiegelt er durch einen heissen kuß.
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Berinne bleib nunmehr auff deinen festen sinnen/
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Und dencke: Dieser freund ist treuer flammen werth.
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Die schwester wird ja nicht den bruder hassen können/
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So in verdeckter brunst sich in sich selbst verzehrt.
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Laß diesen tadel doch/ den man den frauen giebet/
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Daß list und unbestand bey sie zu hofe gehn/
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Und keine nicht zu lang und allzu eiffrig liebet/
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Laß böse nachbarschafft weit von den gräntzen stehn.
65
Brenn’ und verzehr dich nicht in diesen edlen flammen/
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Laß keinen neben-zug verleiten deinen geist:
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Kein süsses saiten-werck stimmt so geschickt zusammen/
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Als wann beständigkeit die liebe schwester heist.
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Streu die vertraulichkeit/ den zucker reiner hertzen/
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Vor deinen Criton nicht mit allzu karger hand;
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Laß seinen kühnen blick um deine liljen schertzen/
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Es wird ein öle seyn für seinen liebes-brand.
73
Ein blick entführt dir nichts/ und kan dich nicht versengen/
74
Er steiget ohne list in deinen garten ein/
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Und wird sich ohne raub in deine blumen mengen/
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Denn Criton will dir hold/ nicht aber schädlich seyn.
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Berinn’ ich will dir itzt nicht mehr gesetze geben.
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Dein witz wird führer seyn/ du kennst die rechte bahn/
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Du wirst ja diesen nicht auff dornen lassen leben/
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Der dich so ehrlich liebt/ und nicht verlassen kan.
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So bald dich Criton wird das nächste mahl begrüssen/
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So flöß in seinen mund ihm einen solchen kuß/
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Vor dem der amber selbst wird auff die seite müssen/
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Und alle süßigkeit zu wermuth werden muß.
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Doch laß nicht deine gunst wie die Cometen gläntzen/
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So scheinen und vergehn in einer jahres zeit;
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Die rechte liebe lebt entfernt von allen gräntzen/
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Sie folgt den göttern nach/ und sieht die ewigkeit.
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Die mutter will alsdenn dich auff den wegen führen/
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Wo alle freudigkeit mit vollem munde lacht;
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Sie wird dir deinen hals mit einem schmucke zieren/
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So auch den diamant schlecht und verächtlich macht.
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Ich aber werde dich nun meine schwester nennen/
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Ein weib/ so treulich liebt/ ist dieses tituls werth/
95
Durch mich wird Criton dir das hertze gantz verbrennen/
96
Er soll dein weyrauch seyn/ sey du sein opffer-heerd.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau
(16161679)

* 01.01.1616 in Breslau, † 18.04.1679 in Breslau

männlich

deutsch-schlesischer Lyriker und Epigrammatiker, Politiker und Diplomat

(Aus: Wikidata.org)

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