Die erhöhete FRYNE-BOZENE

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Georg Neumark: Die erhöhete FRYNE-BOZENE (1666)

1
Der Fürste höret zu/ und sieht die Schäferinne
2
Mit steiffen Augen an. Sie wurde solchs nicht
3
Er reitet sachte fort das Pferd geht seinen
4
Er aber trägt im Geist’ ihr schön Gesichte mit.
5
Kaum/ kaum war er so weit mit seinem Volke
6
Als etwan jemand kan mit einen Schuß’ ablangẽ/
7
So kehrt er wiederüm/ und wendet sich dort-
8
Wo er mit großer Lust die zarte Schäferinn/
9
Zum ersten hatt’ ersehn; Doch wust’ er seine Sa-
10
Sein angeflammtes Hertz so unvermerkt zu ma-
11
Daß keiner seines Volks auf eine Liebe dacht’
12
Er sprach/ daß ihm der Ohrt/ der schöne Fel-
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Das zierliche Gepüsch/ das rauschende Gewässer
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So treflich wol gefiel. Er wust’ es aber besser.
15
Nicht dieser schöne Platz erfreuet ihn so sehr;
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Die schöne Schäferinn ergetzet ihn vielmehr.
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Zum ersten hatte sie den Fürsten nicht gesehen/
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Da sie nun solch ein Volk sieht üm und bey ihr ste-
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Erröhtet sie vor Scham/ steht auf und macht
20
Treibt ihre Heerde Vieh an einen andern
21
Hier auf trägt unser Fürst zur Jägerey Verlan-
22
Seht welch ein Wunderding! er wil die Hirsche
23
Und ist doch selbst verstrikkt. Er hält im reiten
24
Besinnt sich hin und her/ er weiß nicht was er
25
Wie hefftig er zuvor geneiget war zum jagen/
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So sehr fällt nun die Lust/ die Sinnen sind zer-
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Er schiebt das Hetzen auf/ welchs er bestimmet
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Und kehret wiederüm zurükke nach der Stadt.
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Er geht in sein Gemach und setzet sich da nie-
30
Ist innerlich betrübt/ der Tag ist ihm zuwieder/
31
Die Diener merken zwar daß er melancholirt/
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Doch weis es keiner nicht woher doch solches
33
Indessen ist der Tag allmählich abgewichen/
34
Die dunkelschwartze Nacht die kömmt herein ge-
35
Ein jeder geht zu Bett’ und schläft in stiller
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Nur unser junge Fürst der thut kein Auge zu.
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Die Liebe quählet ihn/ er kehrt sich hin und wie-
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Steht bald ein wenig auf/ legt sich bald wieder
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Und redet mit sich selbst: Was ists das mich
40
Das mein betrübtes Hertz in solchen Weh-
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Was ängstiget mich so? Was sind das für Ge-
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Die bey mir hin und her mit solchem Sturme
43
Waß ist das für ein Thun das mich die gantze
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Nicht einmal schlafen lest/ und mir solch’ Un-
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Was? soll die schlechte Magd mein Fürstenhertz
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Und meinen Heldenmuht in ihren Strikken füh-
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Soll mir ein Schäferkind in meinen Sinnen
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Da sey der Himmel für/ und geh’ es nimmer
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Kein’ himmlische Gestalt/ kein’ adeliche Sitten/
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Kein auserlesner Glantz hat So mein Hertz be-
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Als diese Schäferinn; kein’ hofsche Freundlich-
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Hat mir solch Hertzenweh/ und solches Sin-
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Als Diese/ zugefügt. Ich habe zwar geliebet/
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Und manche keusche Lust bißweilen ausgeübet/
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Wie alle Jugend pflegt. Nicht aber solche
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Und schwere Hertzensangst gefühlt/ wie dieses
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Bißweilen fühlt’ ich wol erhitzte Liebesflammen
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Jm Hertzen/ aber nein! Sie schlugen nicht zu-
59
Mit solcher großen Hitz’/ im fall ich ihre Gluht
60
Mit Lusten abgekühlt/ so war es wieder gut.
61
Wolan! Warüm laß ich die schöne Schäferin-
62
Die mich so hart entzündt/ die mir in meinem
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So unaufhörlich ligt nicht holen her zu mir?
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Uñ lesche meinen Brand mit satter Lust bey ihr?
65
Ich habe ja die Macht/ ich kan es ja volbringen
66
Nach meines Hertzenswunsch/ wer wil in solchen
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Mir doch zu wider seyn? Ein jeder schweiget
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Zu allẽ was ich thu’ ich thu’ auch was ich wil/
69
Denn mein Volk hat mich lieb. Was ist das groß
70
Sie ist ein’ arme Magd in meinem eignen Lande.
71
Wer wird wol groß geschimpft? Ein stükke
72
Verehr’ ich ihr darfür/ ein Beutel voller Geld
73
Dekkt dieses alles zu. Sie wird sich seelig schä-
74
Wenn sie vor andern sich mit Fürsten kan erge-
75
Wolan Fürst Huldenreich so schikk denn mor-
76
Und büsse deine Lust mit deiner Schäferinn.
77
Darauf so schwieg er still/ und wolt’ ein wenig rü-
78
In Meinung daß schon Raht vor seine böse Lü-
79
Kaum aber hatt’ er sich zu ruhen ausgestrekkt/
80
Als sein unruhig Hertz ihn wieder aufgewekkt.
81
Wie? (sprach er) soll ein Fürst ein geiler Jung-
82
Und Ehrenrauber seyn? Ein Schandflekk seiner
83
Soll ich das arme Kind berauben seiner Ehr?
84
Ach solch ein Lasterstükk geschehe nimmer-
85
Soll ich ein keusches Hertz zur geilen Lieb’ erwek-
86
Soll ich ein reines Lamm mit fauler Lust beflek-
87
Soll ich die Schäferinn/ die Stadt und Wol-
88
Die Geld und Gut nicht acht/ mit solcher
89
Belästigen? Ach nein. Gott woll’ es nie verhen-
90
Das ich die Ehr’ und Zucht mit Schandeu solte
91
Sie ist (wie man mir sagt) des Vatters einig
92
An die er seinen Sinn und gantzes Hertze bindt.
93
Soll ich den armen Mann der Freude nun berau-
94
Solstu mein Hertz das thun? ich kan es nimmer
95
Solch eine böse That steht keinem Fürsten an.
96
Nicht Ehren wer’ ich wehrt Jm fal ich dieß ge-
97
Die Jungfern unsers Hofs die aufgeblasne Pfau-
98
Die sonsten in gemein nach schnöder Wollust
99
Und reitzen unsern Sinn/ die die sind dessen
100
Weil sie auß geiler Brunst ihr Unglük selbst be-
101
Wer aber wolte doch solch armes Kind entkrän-
102
Aus dessen Angesicht/ Zucht/ Ehr’ und Tugend
103
Wer wolte solches thun? Sonst niemand an-
104
Als nur ein geiler Bokk/ vnd loser Böse-
105
Sie ist hier aus der Stadt in freyes Feld ge-
106
Sie weis von keinem Pracht’ und ausgeübten
107
Sie ist ja/ wie sie scheint/ ein Täubchen sonder
108
Und unbeflekktes Lamm/ und ich soll ihren Fall
109
begehren? Nicht also! solt’ ich mit losen Sinnen/
110
Und ungezäumter Lust die Schandenthat begin-
111
So fürcht’ ich daß mich GOTT dergleichen
112
Wie jenen David dort/ ließ’ unterworffen
113
Viel tausend Schafe sind die meine Länder zieh-
114
Und ich soll diß allein mit fauler Lust beschmie-
115
Nein Schafchen fürcht dich nicht/ dein weis-
116
Soll unbeflekket seyn. Du solst ein’ Ehrenstell’
117
Erlangen neben mir. Ich würde schrekklich ster-
118
Und keinen Segen mehr von moinem Gott erer-
119
Wenn ich diß Lasterstükk und solche böse Ding’
120
An dir/ du keusches Hertz/ mit Uppigkeit be-
121
Hinweg verfluchte Lust/ und all ihr Lasterseu-
122
Die ihr mein mattes Hertz gedänket zu erschlei-
123
Ein edler Landesfürst der seine Leute richt/
124
Der zwingt und zäumt sich selst/ und thut kein
125
Darauflegt sich der Fürst auf seine rechte Seiten/
126
Und suchet seine Ruh/ die schön’ Annehmligkei-
127
Der jungen Schäferinn die er bey ihm be-
128
Vergönnens aber nicht; Er lieg die gantze
129
Und streitet mit sich selbst/ die heisse Liebesflammen
130
Die flattern lichterloh/ und schlagen starck zusam-
131
Die wunderbare Lteb’ erhitzet ihm das Blut/
132
Die Tugend ist bemüht zu leschen diese Gluht.
133
Wie! (sprach er abermal) sind das nicht Wun-
134
Kan so ein schlechtes Werk mein Hertze ruhloß
135
Hat denn ein bloß Gesicht solch’ unerhörte
136
Es ist des Menschen Hertz ein rechtes Wun-
137
Wir Fürsten sind ja zwar wie Götter auf der Er-
138
Wie bald kan aber doch die Lust verbittert wer-
139
Wir schweb- und leben zwar in voller Herrlich-
140
Bald aber nahet sich die herbe Traurigkeit/
141
Der wir uns nicht versehn. Es kan ein klein Er-
142
Der Menschen schwaches Hertz in grosse Drang-
143
Doch dem sey wie ihm woll’ heut muß es noch
144
Ich muß die Schäferinn vor meinen Augen
145
Die unruh volle Nacht/ war endlich abgewichen/
146
Matuta kam mit Lust von Osten her geschlichen.
147
Jhm ließ Apollo selbst/ mit einem Freuden-
148
Zu seinem Liebeswerk’ ein glükklichs Vorspiel
149
Der Fürste stehet auf rufft seine Leibtrabanten/
150
Von denen schikkt er zwen’ als heimliche Gesand-
151
Die er vor treu erkandt’ in jenes schöne Thal
152
In jenes nechste Dorf/ wo er so manches mal
153
Mit Lust vorbey spatzirt/ daß
154
Zu ihme kommen soll/ mit Fryne seinem Kinde/
155
Daß er sein’ Heerde Vieh soll lassen gehn und
156
Und ohne groß Verzug nach Hofe zu soll gehn.
157
Die Botschafft ist gethan/ der Schäfer ist gekom-
158
Und hat sein liebstes Pfand Bozene mit nenom-
159
Der Alte geht getrost/ versieht sich keiner
160
Auch fürchtet er gar nicht ein angesponnen
161
Seht welch ein edel Ding ist doch ein gut Ge-
162
Wol dem der allezeit sich dessen hat beflissen!
163
Der jenge der gesund/ der frey an seinem
164
Und am Gewissen rein besitzt das höchste Gut.
165
Als Fares und sein Kind zum Fürsten kam gegan-
166
Schämt sich Bozene sehr/ es wurden ihre Wan-
167
Gleich wie das rohtste Blut/ sie schlug die Au-
168
Welchs unserm Huldenreich ein groß Gefal-
169
Er sieht mit höchster Lust ihr’ ungefälschte Tu-
170
Die sich verschwistert hat mit ihrer zarten Ju-
171
Der Vatter neiget sich so gut er immer kan
172
Auf sein gut Schäferisch/ nicht als ein Edel-
173
Der Fürste fühlt aufs neu in seinem ädlen Her-
174
Die keusche Liebesgluht/ mit noch viel grösren
175
Als er zuvor gemerkt. Er bildet ihm fest ein
176
Es könn’ in weiter Welt kein besser Mensche
177
Seht welch ein Wunderding! Der Fürst ist gantz
178
Und kan den guten Mann vor Liebe kaum befra-
179
Hier steht der schlechte Baur sein armer Unter-
180
Der Fürste sitzt bestürtzt und sieht die Tochter
181
Als aber Er sein Volk hies gehen vor die Pforten/
182
Hat Er sein Hertz entdekkt mit diesen kurtzen
183
Mein Schäfer guter Freund/ wilstu mir wol
184
Die Fryne die sich itzt hier gegenwertig findt
185
Vertrauen/ daß ich mich mit ihr mag recht erge-
186
Ich wil dich vor die Gunst in großes Reichthum
187
Und auch dein gantz Geschlecht. Hiermit so
188
Und wartet was der Baur vor Antwort geben
189
Der alte Mann der steht/ des Fürsten Liebesrede
190
Kömmt ihm sehr fremde vor/ doch wird er auch
191
Steht unerschrokken da vor seiner Obrikeit/
192
Fasst ihm ein Manneshertz/ und redet unge-
193
Mit Urlaub/ mein Herr Fürst/ daß ich mich was
194
Die arme Bauermagd die schlechte Schäferinne/
195
Die itzo bey mir steht die ist mein einig Kind/
196
An die mein altes Hertz sein höchste Freude
197
Sie kan ja (wie ihr seht) sich höflich nicht erzei-
198
Sie ist ein schlechtes Mensch sie weis sich nicht zu
199
Wie ihr zu Hofe pflegt; Auf unsrer Schäfe-
200
Wird solche Zierligkeit und solche Fantasey/
201
(es ist wol anders nichts) mit nichten nicht ge-
202
Dergleichen Klompelment wird sehr von uns ge-
203
Wir machens schlecht und recht/ wie ihr denn
204
Drüm dient mein Kind euch nicht/ die jetzo vor
205
Jhr habt ja in der Stadt viel hundert schöne
206
Denselben könnt ihr ja eur Fürstenhertz ver-
207
Wehlt da nach eurem Wunsch/ und wie es
208
Und lasset mir doch nur mein’ arme Bauer-
209
Jmfall ihr mir sie nehmt/ so bringt jr meine Haare
210
Die alt und greyse sind/ auf eine Todtenbahre/
211
Mein abgeschwächtes Hertz setzt ihr in große
212
Nehmt ihr mein armes Kind/ so ist mein
213
Sie ist mein’ einge Lust/ mein Trost und meine
214
Mein süsses Zeitvertreib/ mein Labsal in dem
215
Sie ist es die mir Speis’ und Trank bereiten
216
Ich bin (wo jhr sie nehmt) ein hochbetrübter
217
Anch über dieses noch: Sol sie zu Hofe leben/
218
Da alle Lasterstükk in großer Mänge schweben/
219
(herr Fürst verzeiht es mir) so lernt sie dieses
220
Natur verändert sich durch täglichen Ge-
221
Geht man mit Leuten üm die mit viel bösen Seu-
222
Und Lastern sind behafft/ bald wird man jhnen
223
Was Sitten anbelangt/ Zucht/ Ehr’ und
224
Verwandelt sich in Schand’ und Falschheit
225
Hat denn ein Bösewicht ihr bestes Pfand genom-
226
So wird sie wiederüm zu ihrem Vater kommen/
227
Entehret/ ungesund/ hat einen faulen Leib/
228
Und wird ihr lebelang kein tüchtig Bauer-
229
Drüm bitt’ ich was ich kan/ lasst doch die Sachen
230
Lasst doch dieß Hürtenkind des Vaters Schafe
231
Dieß sprach der alte Mann/ und klagt’ ich weis
232
Er fiel vor seinem Herrn auff seine matte
233
Und flehte was er kunt’ auch seine Tochter Fryne
234
Die kniehte neben ihn/ die als gemahlet schiene/
235
So wol stund’ ihr das Leid. Ein milder Thrä-
236
Giebt gnugsam zu verstehn/ daß sie es schmer-
237
Dem Fürsten/ weil er hört den frommen Schä-
238
Und seine Tochter steht/ wil Sinn und Hertze
239
Es jammert ihn des Manns/ er heist sie stille
240
Er rühmet bey sich selbst der Fryne schönen
241
Der auch in Traurigkeit sich angenehm kan ma-
242
Lieb’ ist dem Efeu gleich: Der fasset alle Sachen
243
Und schlingt sich fest darüm/ was er nur üm sich
244
Das greiffet er gewiß und sich an solchen stärkt.
245
Der Fürst ist eben so: sein festgepflantztes Lieben/
246
Findt Ursach hie und da dasselbig‘ aus zu üben/
247
Was er an ihr nur sieht ist alles wolgethan.
248
Er hebt sie selber auf/ und fänget also an:
249
Nein Fares/ lieber Freund/ du wolst dein Trau-
250
Kein andrer dieser Welt soll deine Tochter schändẽ.
251
Der jtzo mit dir redt ist in dein Kind verliebt/
252
Ich/ ich bin selbst der Mann der sich üm Sie
253
Darüm bedenk dich wol/ ich wil sie so verwaren/
254
Daß ihr kein Schimpf noch Spott noch Leid sol
255
Bedenk/ bedenk was dir das Glükk für Ehr’
256
Was wünschest du wol mehr/ wenn ich dir bin
257
Gönn mir dein liebes Kind/ üm neben mir zu
258
Du solst ein Schäfer seyn von etlich tausend
259
Ich mache dich dafür zu einem solchen Mann/
260
Der seine Diener hält und herrlich leben kan.
261
Ja vor dein Bauerhaus in dem du hast gesessen/
262
Solstu/ mein Freund/ forthin auf grossen Saa-
263
Geh sieh dich heut noch üm/ nim eine Land-
264
Sie soll in kurtzer Zeit dein eigen Erbtheil sein.
265
Jmfall du selbst nicht wilst dein großes Glükk ver-
266
Das ich nicht hoffen kan/ so nim es wol zu Hertzen.
267
Gibst du mir nur dein Kind zu eigen in den
268
So bleibest du ein Herr/ und all die Deinen
269
Indessen sieht der Fürst daß Fares sehr erbleichet/
270
Und auch Bozeue mit/ die Purpurröhte weichet
271
Und wird zur Liljenfarb’/ er sieht daß ihr Ge-
272
In vollen Aengsten wallt/ er merkt daß ihr Ge-
273
Jhm allerdings nicht glaubt. Darauf wird er be-
274
Und von der Fleischeslust mit Kräften abgezo-
275
Er tritt zum Alten an verheist ihm Fried’ und
276
Er fasst ihn bey der Hand/ und spricht ihm wei-
277
Mein Fares trau mir nur/ es schlagen Unglükks-
278
Hier über meinen Hals mit voller Macht zusam-
279
Ich sterb’ in Ewigkeit wo dem nicht also ist
280
Was ich dir nun gesagt/ ich weis von keiner
281
Ich bin nicht so gesinnt wie mancher heute pfleget/
282
Der Zukker in dem Mund’ und Gall’ im Hertzen
283
Ich schwere daß dein Kind bey ihrer reinen
284
Und Tugend bleiben soll/ drüm sorge nur nicht
285
Du handelst Väterlich/ dein From-seyn soll dir
286
Es soll kein’ andre Hand die edle Blume pflükken/
287
Als ich Fürst Huldenreich/ nnd zwar durch
288
Ich wil daß sie forthin mein rechtes Eheweib
289
Dort liegt ein schönes Schloß nicht ferne von der
290
Wo stets ein vieles Vieh auch deine Schafe wei-
291
Da wohnt ein’ edle Fran von tugendhafftem
292
Und treflichem Verstand’/ ehmals ein’ Her-
293
Da wird manch edles Kind in Tugend unterwie-
294
Die von dem Ohrte kömmt die wird sehr hoch ge-
295
Von wegen Höfligkeit/ die Jungfern sind al-
296
Kein lediger Gesell/ kein Mann kömmt da
297
Da/ da soll Fryne hin/ da wil ich schon bestellen
298
Durch meinen Kammerherrn/ daß sie in allen
299
Wol unterrichtet wird/ du solst mit Freuden
300
Was in nicht langer Zeit mit Frynen wird ge-
301
So geh denn deinen Weg/ GOtt wolle dich be-
302
Der Himmel segne dich/ mein Freund/ zu langen
303
Fahr wol und sey gegrüsst. Dieß bringt dem
304
Ein’ unerhörte Freud er danket was er kan.
305
Er nimmt die Tochter mit und geht mit freyem
306
Mit ihr zur Stadt hinaus/ es wehrete nicht lange
307
Da kam
308
Und fügte sich zu ihm/ sie giengen ihren Pfad
309
Nach jenem Schlosse zu. Als sie dahin gekommen/
310
Giebt sich Achates an/ sie werden eingenommen/
311
Die alte Hertzoginn fragt was die Schäfer-
312
Mit ihrem Vater wil/ es wird ihr bald gesagt
313
Achates leget ab was ihm der Fürst befohlen/
314
Daß nemlich dieses Mensch soll eine Zeit ver-
315
Und unterrichtet seyn. Er bringt auch den Ge-
316
Daß man bey diser Magd den allerbesten
317
Mit nichten spahren soll. Damit die zarte Ju-
318
Wol ausgeübet werd’ in adelicher Tugend
319
Und schöner Höflichkeit. Achates saget auch/
320
Daß man sie kleiden soll nach Fürstlichem Ge-
321
Daß man sie mit Geschmeid’ und Perl und Gold
322
Daß man ihr dienen laß’ als sich es wil gebühren
323
Bey einer Hertzoginn/ als einer solchen Braut
324
Die ihm der Fürste selbst wil haben beygetraut.
325
Und daß man keinen Mann soll lassen zu ihr kom-
326
Der fürstliche Befehl wird fleissig angenommen.
327
Achates segnet sie wünscht ihnen Glükk und
328
Und macht sich wiederüm zurükk’ in schneller
329
Der alte Fares sah’ und hörte diese Sachen/
330
Die ihn vor Fröligkeit fast gantz entgeistet ma-
331
Die Thränen flossen ihm aus seinen Augen
332
Er segnete sein/ Kind und füget sich nach
333
Bozene fänget an sich treflich zu erzeigen/
334
Sie lernet wie man soll nach ädler Ahrt sich nei-
335
Sie lernet Höflichkeit/ sie lernet sittsam siehn/
336
Sie lernet wie ein Mensch soll ziehr- und ahrt-
337
Die alte Hertzoginn die pfleget ihr mit Sorgen/
338
Sie wäscht und badet sie/ sie putzt sie alle Morgen/
339
Bozene wird gesalbt mit edl- und theurem
340
Von welchem sie bekömmt weit eine schönre
341
Ein ahrtliches Gewächs wenn es in wilden
342
Auf unbetüngtem Land’/ auf ungepflügten Fel-
343
Hervor gesprossen ist/ mang Strauch mang
344
Hat kein schön Ansehn nicht/ noch seinen rech-
345
Wenn aber jemand kömmt/ und solches Kraut
346
In gutes fettes Land/ da niemand es verletzet/
347
Da es begossen wird/ da Frost und Sonnen
348
Es nicht berühren kan/ da man es mit der
349
Nach seinem Willen beugt/ so wächst sein schöner
350
Viel höher als vorhin/ es steht ohn alle Mängel/
351
Sein kraut ist frisch und schön/ die Blume
352
Viel höher an der Farb’ und grösser als zuvor;
353
So geht es hier auch zu: Das Baurenkind Bo-
354
Nach dem sie wol gepflegt/ geht an beliebter
355
Fast allen Jungfern vor/ die wilde Bauerheit/
356
Ist gantz und gar verkehrt in schöne Höflichkeit.
357
Und weil sie dergestalt im Hause wird verschlos-
358
Von Hitze nicht verbrandt/ vom Regen nicht be-
359
Die Haut auch nicht verletzt durch rauhe Luft
360
So scheinet sie zu sein ein Königliches Kind.
361
Achates unter deß reist oft zur Hertzoginnen
362
Alleine nach dem Schloß’/ und fragt mit klugen
363
Wie ihr das Hürtenkind die Fryne doch ge-
364
Wie sich Bozene doch im Frauenzimmer hält?
365
Und ob er schon vernim̃t wie weit sie sey gekom̃en/
366
Wie weit sie in der Zucht und Tugend zugenom-
367
So wil er dennoch nicht sie bringen an den
368
Biß ein und ander Herr ihr Wesen sehen mag.
369
Er kennt des Fürsten Hertz und sein erhitztes Lie-
370
Er merket daß sein Sinn wird hin und her getrie-
371
Und weil er über diß Bozenen Schönheit weiß/
372
Und ihre Trefligkeit/ so denket er mit Fleiß/
373
Wie endlich doch einmal die Sachen anzufan-
374
Damit des Fürsten Hertz und sehnliches Ver-
375
Vergnüget werden mag? Er wil erst gerne
376
Ob seine schöne Fryn’ auch Fürstlich kan be-
377
Der Fürste geht einmal im Zimmer auf und nie-
378
Bald setzt er sich zum Tisch/ bald strekkt er seine
379
Vor Hertzens Mattigkeit dort auf ein Faul-
380
Und denket allezeit an seine Schäferinn:
381
Ob diß auch wolgethan das er ihm vorgenom̃en/
382
Daß solch ein Hürtenkind soll in sein Bette kom-
383
Als rechtes Ehgemahl/ und Landesfürstinn
384
Die Liebe saget Ja/ der hohe Stand sagt
385
Die Lieb’ ist Obermann. Er ziehet ihm zu Sinne/
386
Was dort
387
Gedachte bey sich selbst: Steht solchs dem
388
So wil ich als ein Mann daß Fryne Fürstinn
389
Die Liebe reitzet ihn daß er sich niedersetzet/
390
Uud vor die langeweil sein treues Hertz ergetzet
391
Mit süssem Seitenspiel’/ als welchs er sehr be-
392
Wie er denn offtermals sich selbst darinnen
393
Er ließ zu seiner Lust/ und sonderlichen Ehren
394
Der ädlen Schäferinn ein neues Stükchen hören/
395
Nahm die Violdigamm/ und stimmete sie rein/
396
Sang dieß verliebte Lied mit sanfter Stimme

(Neumark, Georg: Poetisch-Historischer Lustgarten. Frankfurt (Main), 1666.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Georg Neumark
(16211681)

* 16.03.1621 in Bad Langensalza, † 08.07.1681 in Weimar

männlich, geb. Neumark

deutscher Dichter und Komponist

(Aus: Wikidata.org)

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