1
Ein rechter Tugendgeist und trefliches
Gemühte/
2
Sicht nicht nach grossem Stand’ und
3
Dieweil es in gemein auf Pracht und Hoch-
4
Und seinen blinden Sinn auf schnöde Wollust
5
Wenn ungeschminkte Ziehr sich bey die Tugend
6
So ist ein edler Sinn von Hertzen wol vergnüget/
7
Er fragt nicht viel darnach woher ihr Ursprung
8
Jm fall Sie nur mit Ehr und Redligkeit ge-
9
Die Tugend nim̃et oft aus armen Schäferhürden/
10
Ein schlecht-geschetztes Mensch und bringt sie
11
Nehmt hter ein Beyspiel ab: Ein’ arme Schä-
12
Wird durch der Tugendkraft zu einer Hertzo-
13
Der Hertzog Huldenreich/ der Fürste der
Bohemen/
14
Der Herr von jenem Land’ in dem man andern
15
Der Elbenfluß entspringt/ war aller Hoffart
16
Und gleichsam von Natur ein ädler Tugend-
17
Er trug von jugend auf zur Jägerey Belieben/
18
Mit welcher er sehr oft die lange Zeit vertrieben/
19
Das städtische Gepräng war ihm ein lautrer
20
Ein schönbewachsner Wald war seine höchste
21
Er ritt’ auf eine Zeit/ als Fœbus freundlich straal-
22
Und das verjüngte Feld mit göldnen Straalen
23
Mit Dienern auf die Jagt/ Er kam bey ein Ge-
24
An einen schönen Ohrt der fast dem
26
Ein abgehaltes Feld voll schöner Lieblichkeiten/
27
Die Wiese war mit Klee und Blumen unter-
28
Auf der das Wollenvieh in satter Wollust tischt’.
29
Auf einer Seiten stund’ ein felsenreicher Hügel/
30
Der voll Gepüsche war; das singende Geflügel
31
War da in grosser Meng; die schlaue Nach-
32
Die schlug mal übermal;
33
War auch zu hören da; Der Fels war überzogen
34
Mit grünendem Gesträuch’/ und schien/ als wie
35
Von Meistern ausgewelbt/ darein man kunte
36
Jmfall man einen Sturm und Wetter sah ent-
37
Von diesem Klippen schoß ein Wasser wiel Kri-
38
Welchs ein Geräusche gab in seinem steilen fallen/
39
Es war sehr klar und hell/ erquikkend/ süß und
40
Und rieselte mit Lust durch seine Myrtenpüsch’/
41
Es samlete sich da bald in ein Thal zusammen/
42
In dem der matte Mensch/ wenn er durch heisse
43
Der Sonnen abgeschwächt/ sich wieder kühlen
44
In dem manch Schäferknecht sich Sommers-
45
Hier eben dieses Ohrts saß eine Schäferinne
46
Zwar armer Leute Kind/ doch gleichwol keuscher
47
Und treflicher Gestalt; Sie hatte sich bekräntzt
48
Mit einem Rosenkrantz’/ ihr schönes Haarchen
49
Als wer’ es lauter Gold/ es wurde durchgetrieben/
50
Vom sanftem Zefyrus als wenn er selbst Belieben/
51
Zu dieser Nymfen trüg’; aus ihrem Angesicht’
52
Erhellete mit Lust das rechte Tugendlicht/
53
Der Spiegel aller Zucht;
54
Mit Milch und Blut vermischt/ der Lippen schö-
55
War hohem Purpur gleich/ der Hals wie El-
56
Der Schnee vermochte kaum den Brüsten
57
Was weisse Haut belangt/ in summa alles Wesen
58
Der jungen Schäferinn war schön und auserle-
59
Es schien’ ob die Natur jr bestes Meisterstükk
60
An ihr erwiesen hett’/ ihr trefliches Geschikk
61
In allem was sie hat war löblich auzuschauen.
62
Hier saß sie nun allein auf dieser grünen Auen/
63
Wo diser Wasserfall ins Thal zusammen floß/
64
Sie hatt’ ein Lämchen da auf ihrem weichen
65
Und wusch dasselbig’ ab/ das Kleid war aufge-
66
Biß über ihre Knieh/ die Armen aufgestreiffet/
67
Und weil sie meinte daß sie gantz alleine war/
68
Ließ sie die zarten Brüst ihr schwesterliches
69
Von wegen großer Hitz’ auch ziemlich offen ste-
70
Welchs aus der massen schön und lieblich anzu-
71
In dem sie nun die Schaf’ in ihrer stoltzen Ruh
72
Eins nach dem andern wusch/ sang sie diß Lied