Der Bruder Graurok und die Pilgerin

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Gottfried August Bürger: Der Bruder Graurok und die Pilgerin (1778)

1
Ein Pilgermädel, jung und schön,
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Wallt’ auf ein Kloster zu.
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Sie zog das Glöklein an dem Thor;
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Ein Bruder Graurok trat hervor,
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Halbbarfus ohne Schuh.

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Sie sprach: „Gelobt sey Jesus Christ!„ —
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„in Ewigkeit!„ sprach er.
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Gar wunderseltsam ihm geschah;
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Und als er ihr ins Auge sah,
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Da schlug sein Herz noch mehr.

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Die Pilgerin mit leisem Ton,
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Vol holder Schüchternheit:
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„ehrwürdiger, o meldet mir,
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Weilt nicht mein Herzgeliebter hier
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In Klostereinsamkeit?„ —

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„kind Gottes, wie sol kentlich mir
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Dein Herzgeliebter seyn?„ —
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„ach! An dem gröbsten härnen Rok,
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An Geissel, Gurt, und Weidenstok,
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Die seinen Leib kastei’n.

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„noch mehr an Wuchs und Angesicht,
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Wie Morgenrot im Mai,
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Am goldnen Ringellockenhaar,
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Am himmelblauen Augenpaar,
25
So freundlich, lieb und treu!„ —

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„kind Gottes, o wie längst dahin!
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Längst todt und tief verschart!
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Das Gräschen säuselt drüber her;
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Ein Stein von Marmel drükt ihn schwer;
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Längst todt und tief verschart!

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Siehst dort, in Immergrün verhült,
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Das Zellenfenster nicht?
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Da wohnt’ und weint’ er, und verkam,
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Durch seines Mädels Schuld, vor Gram,
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Verlöschend, wie ein Licht.

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Sechs Junggeselchen, schlank und fein,
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Bei Trauersang und Klang,
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Sie trugen seine Baar’ ans Grab;
39
Und manche Zäre ran hinab,
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Indem sein Sarg versank.„ —

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„o weh! O weh! So bist du hin?
42
Bist todt und tief verschart? —
43
Nun brich, o Herz, die Schuld war dein!
44
Und wärst du, wie sein Marmelstein,
45
Wärst dennoch nicht zu hart.„ —

46
„gedult, Kind Gottes, weine nicht:
47
Nun bete desto mehr!
48
Vergebner Gram zerspelt das Herz;
49
Das Augenlicht verlischt von Schmerz;
50
Drum weine nicht so sehr!„ —

51
„o nein, Ehrwürdiger, o nein!
52
Verdamme nicht mein Leid!
53
Denn meines Herzens Lust war Er;
54
So lebt und liebt kein Jüngling mehr,
55
Auf Erden weit und breit.

56
Drum las mich weinen immerdar,
57
Und seufzen Tag und Nacht,
58
Bis mein verweintes Auge bricht,
59
Und lechzend meine Zunge spricht:
60
Gottlob! Nun ist’s volbracht!„ —

61
„gedult, Kind Gottes, weine nicht!
62
O seufze nicht so sehr!
63
Kein Thau, kein Regentrank erquikt
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Ein Veilchen, das du abgepflükt.
65
Es welkt und blüht nicht mehr.

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Huscht doch die Freud’ auf Flügeln, schnell
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Wie Schwalben, vor uns hin.
68
Was halten wir das Leid so fest,
69
Das, schwer wie Blei, das Herz zerprest?
70
Las fahren! Hin ist hin!„ —

71
„o nein, Ehrwürdiger, o nein!
72
Gieb meinem Gram kein Ziel!
73
Und litt’ ich um den lieben Man,
74
Was nur ein Mädchen leiden kan,
75
Nie litt’ ich doch zu viel. —

76
So seh’ ich ihn nun nimmermehr?
77
O weh! Nun nimmermehr? —
78
Nein! Nein! Ihn birgt ein düstres Grab;
79
Es regnet drauf und schnei’t herab;
80
Und Gras weht drüber her. —

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Wo seyd ihr Augen blau und klar?
82
Ihr Wangen, rosenrot?
83
Ihr Lippen, süs wie Nelkenduft? —
84
Ach! Alles modert in der Gruft;
85
Und mich verzehrt die Not.„ —

86
„kind Gottes, härme so dich nicht!
87
Und denk wie Männer sind!
88
Den Meisten weht’s aus Einer Brust,
89
Bald heis, bald kalt; sie sind zu Lust
90
Und Unlust gleich geschwind.

91
Wer weis, troz deiner Treu und Huld,
92
Hätt’ ihn sein Loos gereut.
93
Dein Liebster war ein junges Blut,
94
Und junges Blut hegt Wankelmut,
95
Wie die Aprilenzeit.„ —

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„ach nein, Ehrwürdiger, ach nein!
97
Sprich dieses Wort nicht mehr!
98
Mein Trauter war so lieb und hold,
99
War lauter, ächt, und treu, wie Gold,
100
Und aller Falschheit leer.

101
„ach! ist es wahr, daß ihn das Grab
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Im dunkeln Rachen hält?
103
So sag’ ich meiner Heimat ab,
104
Und seze meinen Pilgerstab
105
Fort durch die weite Welt.

106
Erst aber wil ich hin zur Gruft;
107
Da wil ich niederknie’n;
108
Da sol von Seufzerhauch und Kus,
109
Und meinem Tausendthränengus,
110
Das Gräschen frischer blühn.„ —

111
„kind Gottes, kehr’ alhier erst ein,
112
Daß Ruh und Kost dich pflegt!
113
Horch! wie der Sturm die Fahnen trilt,
114
Und kalter Schlossenregen wild
115
An Dach und Fenster schlägt!„ —

116
„o nein, Ehrwürdiger, o nein!
117
O halte mich nicht ab!
118
Mag’s thun, daß Regen mich befält!
119
Wäscht Regen aus der ganzen Welt
120
Doch meine Schuld nicht ab.„ — —

121
„heida! Feins Liebchen, nun kehr’ um!
122
Bleib hier und tröste dich! —
123
Feins Liebchen, schau mir ins Gesicht! —
124
Kenst du den Bruder Graurok nicht?
125
Dein Liebster, ach! — bin ich.

126
Aus hofnungslosem Liebesschmerz,
127
Erkor ich dies Gewand.
128
Bald hätt’ in Klostereinsamkeit
129
Mein Leben und mein Herzeleid
130
Ein hoher Schwur verbant.

131
Doch, Gott sey Dank! mein Probejahr
132
Ist noch nicht ganz herum.
133
Feins Liebchen hast du wahr bekant?
134
Und gäbst du mir wol gern die Hand;
135
So kehrt’ ich wieder um.„ —

136
„gottlob! Gottlob! Nun fahre hin
137
Auf ewig Gram und Not!
138
Wilkommen! o wilkommen, Lust!
139
Kom Herzensjung’ an meine Brust!
140
Nun scheid’ uns nichts, als Tod!„

(Bürger, Gottfried August: Gedichte. Göttingen, 1778.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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