Sankt Stephan

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Gottfried August Bürger: Sankt Stephan (1778)

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Sankt Stephan war ein Gottesman;
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Von Gottes Geist berathen,
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Der durch den Glauben Kraft gewan,
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Zu hohen Wunderthaten.
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Doch seines Glaubens Wunderkraft,
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Und seine Himmelswissenschaft
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Verdros die Schulgelehrten,
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Die Erdenweisheit ehrten.

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Und die Gelehrten stritten scharf
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Und waren ihm zuwider;
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Allein die Himmelsweisheit warf
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Die Irdische danieder.
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Und ihr beschämter Hochmut san
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Auf Rache an dem Gottesman.
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Ihn zu verleumden, dungen
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Sie falscher Zeugen Zungen.

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Und gegen ihn in Aufruhr trat
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Die Jüdische Gemeinde.
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Bald ris ihn vor den hohen Rath
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Die Rachgier seiner Feinde.
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Die falschen Zeugen stiegen auf
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Und logen: Dieser hört nicht auf,
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Zum sträflichsten Exempel,
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Zu lästern Gott und Tempel.

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„sein Jesus, schmäht er, würde nun
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Des Tempels Dienst zerstören;
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Hinweg die Sazung Mosis thun,
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Und andre Sitte lehren.„ —
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Starr sah der ganze Rath ihn an;
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Doch Er, mit Unschuld angethan,
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Troz dem, was sie bezeugten,
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Schien Engeln gleich zu leuchten.

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„nun sprich! Ist dem also?„ began
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Der Hohepriester endlich.
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Da hub er frei zu reden an,
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Und deutete verständlich
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Der heiligen Propheten Sin,
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Und was der Herr von Anbegin,
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Zu Juda’s Heil und Frommen,
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Gered’t und unternommen.

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„doch, Unbeschnitt’ne, fuhr er fort,
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An Herzen und an Ohren!
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An Euch war Gottes That und Wort
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Von je und je verloren.
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Eur Stolz, der sich der Zucht entreist,
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Stets widerstrebt er Gottes Geist.
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Ihr, so wie eure Väter,
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Seyd Mörder und Verräter!

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Nent mir Propheten, die sie nicht
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Verfolgt und hingerichtet,
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Wenn sie aus göttlichem Gesicht
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Des Heilands Kunft berichtet;
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Des Heilands, welchen eur Verrath
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Zu Tode jezt gekreuzigt hat.
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Ihr wist zwar Gottes Willen;
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Doch wolt ihn nie erfüllen.„ —

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Und horch! ein dumpfer Lärm erschol.
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Es knirschte das Getümmel.
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Er aber ward des Geistes vol,
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Und blikt’ empor gen Himmel,
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Und sah eröfnet, weit und breit,
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Des ganzen Himmels Herlichkeit,
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Und Jesum in den Höhen
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Zur Rechten Gottes stehen.

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Nun rief er hoch im Jubelton:
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„ich seh’ im ofnen Himmel,
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Zu Gottes Rechten, Gottes Sohn!„
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Da stürmte das Getümmel,
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Und brauste, wie ein wildes Meer,
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Und übertäubte das Gehör,
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Und, wie von Sturm und Wogen,
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Ward er hinweg gezogen.

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Hinaus zum nächsten Thore brach
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Der Strom der tollen Menge,
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Und schleiste den Man Gottes nach,
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Zerstossen im Gedränge;
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Und tausend Mörderstimmen schrie’n,
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Und Steine hagelten auf ihn,
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Aus tausend Mörderhänden,
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Die Rache zu vollenden.

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Als er den lezten Odem zog,
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Zerschellt von ihrem Grimme,
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Da faltet’ er die Hände hoch,
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Und bat mit lauter Stimme:
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„behalt, o Herr, für dein Gericht,
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Dem Volke diese Sünde nicht! —
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Nim meinen Geist von hinnen! —„
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Hier schwanden ihm die Sinnen.

(Bürger, Gottfried August: Gedichte. Göttingen, 1778.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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