Bürger an Goeckingk

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Gottfried August Bürger: Bürger an Goeckingk (1778)

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Nun! Nun! Verschütt' Er nur nicht gar
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Das Kindlein, samt dem Bade.
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Das arme Kindlein das! Fürwahr!
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Es wär’ ja Jammerschade.

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Denn, sieht Er! troz der Plackerei,
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Beim Zeugen und Gebären,
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Mag doch die edle Reimerei
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Auch viel Profit bescheeren.

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Troz Sing und Sang von Cypripor,
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Apoll, Achill und Hektor,
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Bleibt man zwar Amtman, nach wie vor,
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Auch — Herr Kanzlei-Direktor.

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Denn leichter wird Vokation,
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Zu Pension und Pfründen,
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Die kahlste Dissertazion,
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Als mein Homerus finden.

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Auch mästet man sich eben nicht
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Von Mäzenatengnade;
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Trägt
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Und Schlapperbauch und Wade.

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Die Herrn vom Ministerio
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Und aus dem edlen Rathe
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Floriren mehr in Jubilo,
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Und prunken bas im Staate.

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Doch neid’ ich nicht das Bonzenheer
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Um seine dicken Köpfe;
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Denn drin sind viele ja so leer,
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Wie hohle Kirchthurmknöpfe.

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Nun Spas apart! Und hör’ Er an,
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Fals ihm mein Ernst beliebig.
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Ist denn nicht auch für ihren Man
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Poeterei ergiebig?

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Bedenk’ Er ’mal! Wie schön das ist!
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Verleger, wolgezogen,
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Bezalen oft, zu dieser Frist,
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Mit Louisd’or den Bogen.

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Wächst nun im zehnten sauren Jahr
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Zehn Bogen stark sein Bändchen,
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So schnapt Er ja an Trankgeld baar
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Zehn Blinde, ohne Rändchen.

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Und das ist doch kein Kazendrek,
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Wofür man sich kasteiet.
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Es kömt ja kein gebratner Spek
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Umsonst ins Maul geschneiet.

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Herr Ugolino
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Nebst Weib und Kind und Gästen,
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Nach altem hergebrachten Brauch,
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Von unserm Hirn sich mästen.

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Steht der gelahrte Fakultist
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Dagegen doch viel kahler.
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Dem sezt es kaum, wenn’s köstlich ist,
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Zwei Gulden oder Thaler.

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Drob ärgern sich nun freilich bas
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Die Herren Fakultisten,
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Und sticheln Ihm ohn’ Unterlas
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Brao auf die Belletristen.

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Manch Herr Professor kriegte schon
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Vor Kummer graue Haare:
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Daß mehr jezt gilt der Agathon,
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Als Fakultätenwaare. —

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Der Ruhm hat freilich grosse Last,
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In diesem Jammerleben,
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Wie du davon, zum sprechen, hast
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Ein Konterfei gegeben.

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Doch nach dem Tode geht’s erst an.
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Denn auch bei den Tongusen,
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Nach tausend Jahren, ehret man,
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So Gott wil! unsre Musen.

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Dort illustrirt man fein aus uns
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Antiquitätenlisten.
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Uns liest manch hochberümter Duns
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Gelahrter Humanisten;

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Die jezt aus ihrem Bücherschrein
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Verächtlich uns verschieben,
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Weil wir nicht Griechisch und Latein
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Und nicht Arabisch schrieben.

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Dort preist man unsre Opera
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Durch Commentationen,
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Inauguralprogrammata,
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Und Dissertazionen.

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Schon hör’ ich Kridlermordgeschrei,
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In meinem stillen Grabe:
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Wer die Lenore doch wol sey?
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Ob sie gelebet habe?

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Man bringt, bald
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Uns winzigklein
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Bald, commentirt

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Wie schön! Wenn Knaben jung und alt,
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In jenen goldnen Tagen,
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Zur Schul’, in Riemen eingeschnalt,
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Mich alten Knaster tragen!

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Aus mir Vokabeln wolgemut
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Und Phrases memoriren,
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Um mich so recht in Saft und Blut,
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Vt ajunt, zu vertiren.

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Und geht’s nicht mit der Lection,
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Und mit dem Exponiren,
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Dann wird’s gar schlecht im Hause stohn. —
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Der Junker mus kariren. —

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Sieh! was die Reimerei bescheert,
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Die du vermaledeiet!
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Das ist doch wol der Federn wehrt,
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Die man darum zerkäuet? —

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Eins nur vergält mir noch den Ruhm,
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Den ich mir fantasiret:
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Wenn man nur, wie Horatium,
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Mich nicht kombabisiret. —

(Bürger, Gottfried August: Gedichte. Göttingen, 1778.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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