Goeckingk an Bürger

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Gottfried August Bürger: Goeckingk an Bürger (1778)

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Verdamte Versemacherei!
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Was hast du angerichtet?
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Uns unsers Lebens einzgen Mai
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Zum Kukuk hingedichtet?

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Gevatter Bürger, sag’ er mal,
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Sind wir nicht brave Thoren,
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Daß wir mit selbst gemachter Qual
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Den schönen Mai verloren?

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Was hat man von dem Dichten? hum!
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Die wandelbare Ehre
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Gekant zu seyn vom Publikum? —
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Ich dachte was mir wäre!

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Exempli gratia, es spricht,
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Wann grosse Herren schmausen,
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Wol Einer: Ist der Bürger nicht
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Amtman zu Wölmershausen?

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Ein Fräulein thut dir wol sogar
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Die Gnad’ und frägt nicht minder:
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Trägt denn der Bürger eigen Haar?
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Hat er schon Frau und Kinder?

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Dort räuspert sich ein zarter Herr,
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Der Zirkel spizt die Ohren!
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Und ach! mit scheuslichem Geplärr
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Notzüchtigt er Lenoren.

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„ha! bravo! wie Lenore schreit!
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„hör’ Einer nur das Fluchen!
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„den Man — ist Wölmershausen weit? —
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„den Man mus ich besuchen!„

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Und eh’ Herr Bürger sich’s versehn,
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Kömt mein Signor geritten,
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Begaft ihn, freuet sich gar schön,
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Läst sich zum Essen bitten,

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Kritiket Männer, gros und klein,
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Thut greulich hochgelahret,
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Und trinkt — hol’ ihn der Fuchs! — den Wein,
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Den du für mich gesparet;

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Lobt mächtig dir sein gutes Herz,
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Wil Freundschaft mit dir treiben,
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Und droht sogar — o Höllenschmerz! —
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Recht oft an dich zu schreiben.

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Das macht, manch ehrliches Journal
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Lies bas dein Lob erschallen;
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Allein, wann las denn wol einmal
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Herr Bürger Eins von allen?

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Wenn, vor den Almanach, ich schier
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Dich liess’ in Kupfer stechen:
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Was hilft’s? was hörst du? wenn von dir
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Die Leut’ ein Weilchen sprechen?

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Was hast du von dem allen? Sklav!
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Wenn ich’s zusammen presse,
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Ist’s kürzlich dies: Despotenschlaf,
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Und Inquisitenblässe.

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Hör’ auf! Ich gab mein Herz dir hin
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Eh du ein Blat geschrieben;
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Hör’ auf! und die Frau Amtmannin
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Wird dich noch lieber lieben.

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Hör’ auf! Als Dichter kent man dich,
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Als Mensch lebst du verborgen;
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Kein Christenkind bekümmert sich
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Um alle deine Sorgen.

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Ja! Herr! und solt’ er den Homer
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In Versen übersezen:
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Drob werden ihn kein Haarbreit mehr
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Die Herrn Minister schäzen.

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Der Herr bleibt dennoch, nach wie vor,
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Amtman zu Wölmershausen.
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Drum, trauter Bürger, sey kein Thor,
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Kom her und las uns schmausen!

(Bürger, Gottfried August: Gedichte. Göttingen, 1778.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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