Notgedrungene Epistel des berühmten Schneiders Johannes Schere an Seinen Grosgünstigen Mäzen

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Gottfried August Bürger: Notgedrungene Epistel des berühmten Schneiders Johannes Schere an Seinen Grosgünstigen Mäzen (1778)

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Wie kümmerlich, troz seiner Göttlichkeit,
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Sich oft Genie hier unterm Monde nähre,
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Beweisen uns die Keppler, die Homere,
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Und hundert grosse Geister, jeder Zeit,
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Und jeder Erdenzone, weit und breit:
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Doch warlich nicht zu sonderlicher Ehre
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Der undankbaren Menschlichkeit,
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Die ihnen späte Dankaltäre
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Und Opfer nach dem Tod’ erst weiht.

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Auch mir verlieh, durch Schere, Zwirn und Nadel,
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Minerva Kunst und nicht gemeinen Adel.
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Allein der Lohn, für meine Treflichkeit,
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Ist Hungersnot, ein Haderlumpenkleid,
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Ist obenein der schwachen Seelen Tadel,
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Und dann einmal, nach Ablauf dürrer Zeit,
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Des Namens Ruhm und Ewigkeit.

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Allein was hilft’s, wenn nach dem Tode,
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Mich Leichenpredigt oder Ode
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Den grösten aller Schneider nent,
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Und ein vergüldet Marmormonument,
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An welchem Schere, Zwirn und Nadel hangen,
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Und Fingerhut und Bügeleisen prangen,
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Der späten Nachwelt dies bekent?
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Wenn lebend mich mein Zeitgenosse
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Zu Stalle, gleich dem edlen Rosse,
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Auf Stroh zu schlafen, von sich stöst,
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Und nackend gehn und hungern läst?

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Der Stümper, der zu meinen Füssen kreucht,
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Beschmizet zwar mit seines Neides Geifer,
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Weil nicht sein Blick an meine Höhe reicht,
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Oft meinen Ruhm, und schreit: Ich wär’ ein Säufer,
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Und stets bedacht, mein Gütchen zu verthun,
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Und liess’ indeß die edle Nadel ruhn.
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O schnöder Neid! Denn überlegt man’s reifer,
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Gesezt den Fal, die Läsierung sey wahr,
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So ist dabei doch ausgemacht und klar,
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Und es bestätigt dies die Menge der Exempel,
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Daß solch ein Zug von je und je im Stempel
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Erhabener Genieen war.

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Sie binden sich nicht sklavisch an die Regel
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Der Lebensart, und fahren auf gut Glük,
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So wie der Wind der Laun’ in ihre Segel
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Just stossen mag, bald vorwärts bald zurük,
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Und lassen das gemeine Volk laviren.
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Sie haben vor den seltnen Wunderthieren
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Ein Stärkerrecht, daß man sie sorgsam hegt,
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Dankbar bekleidet und verpflegt,
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Zu hoch und frei, sich selber zu geniren.
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Und, wenn der Ueberflus verkehrter Welt
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Oft Affen, Murmelthier’ und Raben,
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Und Kakadu, und Papagei erhält:
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So solten sie den Leckerbissen haben,
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Der von des Reichen Tische fält.
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Allein wie karg ist die verkehrte Welt,
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Für ein Genie, mit ihren Gaben!

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Wilst du davon ein redend Beispiel sehn,
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So schau auf mich, grosgünstiger Mäzen,
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So guck’ einmal, nebst deinem theuren Weibe,
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Auf meinen Rok, durch deines Fensters Scheibe,
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Und sieh die Luft in hundert Hadern wehn,
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Und meinen Leib dem Winter offen stehn!
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Sprich selbst einmal, ist’s nicht die gröste Schande,
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Daß mich, der ich mit seidenem Gewande
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So oft bekleidete des Landes Grazien,
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Die Welt nun läst in Haderlumpen gehn?
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Kan dies dich nicht zu mildem Mitleid reizen,
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Mit einer Kleinigkeit mir hülfreich beizustehn,
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Zur Menschheit Ehre nicht zu geizen? —
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O ja! Ich kan auf deine Güte baun!
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Mich stärkt manch Beispiel deiner Liebesthaten,
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Und hält allein, mein wankendes Vertraun.
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Sonst wüst’ ich mich fürwahr nicht zu berathen.
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Drum borge du mir, für ein besser Kleid,
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Zu Schuz und Truz, in dieser rauhen Zeit,
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Nur Einen lumpigen Dukaten!
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Mit Dank bin ich ihn jederzeit,
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Durch künstliche und dauerhafte Nathen,
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Abzuverdienen gern bereit.

(Bürger, Gottfried August: Gedichte. Göttingen, 1778.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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