Neue weltliche hochteutsche Reime, enthaltend die ebentheyerliche doch wahrhaftige Historiam von der wunderschönen Durchlauchtigen Kaiserlichen Prinzessin Europa, und einem uralten heidnischen Gözen, Jupiter item Zeus genant , als welcher sich nicht entblödet, unter der Larve eines unvernünftigen Stieres, an höchstgedachter Prin- zessin ein crimen raptus, zu teutsch: Jung- fernraub auszuiiben. Also gesezet und an das Licht gestellet durch M. Jocosum Hilarium, Poët, caes. laur

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Gottfried August Bürger: Neue weltliche hochteutsche Reime, enthaltend die ebentheyerliche doch wahrhaftige Historiam von der wunderschönen Durchlauchtigen Kaiserlichen Prinzessin Europa, und einem uralten heidnischen Gözen, Jupiter item Zeus genant , als welcher sich nicht entblödet, unter der Larve eines unvernünftigen Stieres, an höchstgedachter Prin- zessin ein crimen raptus, zu teutsch: Jung- fernraub auszuiiben. Also gesezet und an das Licht gestellet durch M. Jocosum Hilarium, Poët, caes. laur (1778)

1
Vor Alters war ein Gott,
2
Von nicht geringem Ruhme,
3
Im blinden Heidenthume.
4
Nun aber ist er todt.
5
Er starb „ „
6
Ich weis nicht mehr das

7
Der war an Schelmerei,
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Das Weibsen zu betrügen,
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Von dem Papa der Lügen
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Das ächte Konterfei;
11
Und kurz, auf alle Fälle,
12
Ein lockerer Geselle.

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Ich hab’ ein altes Buch,
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Das thut von ihm berichten
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Viel schnurrige Geschichten,
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Worin manch Stuzer gnug
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Für seinen Schnabel fände,
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Wenn er Latein verstände.

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Mein unverdrosner Mund
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Sol, ohne viel zu wälen,
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Nur Einen Knif erzälen.
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Denn thät’ ich alle kund,
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So wäre zu besorgen,
24
Ich säng’ bis übermorgen.

25
Eur Bazen sol euch nicht,
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Geehrte Herrn, gereuen.
27
Mein Liedel sol euch freuen! —
28
Doch ihr dort! Schelmgezücht!
29
Kroaten, hinter’n Bänken!
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Last nach mit Lärm und Schwänken!

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Heda! Hier nichts gegekt,
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Ihr ungewaschnen Buben!
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Narrirt in andern Stuben,
34
Nur mich last ungenekt!
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Sonst hängt euch, schnaps! am Munde
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Ein Schlos; wiegt tausend Pfunde.

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Ha! das Donatgeschmeis!
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Kaum hört und sieht’s was Neues,
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So hat es gleich Geschreies,
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So puppert Herz und Steis.
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Gedult! Man wird’s euch zalen,
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Euch dünnen Schulpennalen!

43
Traut nicht! Es regt sich hie,
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In meinem Wolfstornister,
45
Der Kukuk und sein Küster —
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Ein Kobolt — heist Genie.
47
Dem schaft’s gar guten Frieden,
48
Wem Gott solch Ding beschieden.

49
Last ja den Griesgram gehn!
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Er weis euch zu kuranzen;
51
Läst euch wie Affen tanzen,
52
Und auf den Köpfen stehn;
53
Wird euch mal begenieen,
54
Daß euch die Steisse glühen. —

55
Doch ihr, Kunstjüngerlein!
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Mögt meine Melodeien
57
Nur nicht flugs nachlalleien.
58
So leicht lalt sich’s nicht ’nein.
59
Beherzigt doch das
60
Cacatum non est pictum. — — —

61
Eur Bazen sol euch nicht,
62
Geehrte Herrn, gereuen.
63
Mein Liedel sol euch freuen!
64
Nun schaut mir ins Gesicht!
65
Merkt auf mit Herz und Sinnen!
66
Wil endlich mal beginnen. —

67
Zeus wälzt’ im Bette sich,
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Nachdem er lang gelegen,
69
Wie Potentaten pflegen,
70
Und fluchte mörderlich:
71
„schon trommelt’s zur Parade!
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Wo bleibt die Schokolade?

73
Gleich bringt sie sein Lakei;
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Bringt Schlafrok, Toffeln, Hose,
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Schlept Pfeiffe, Knasterdose
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Nebst Fidibus herbei.
77
Denn Morgens ging kein Mädchen
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Gern in sein Kabinetchen.

79
Er schlürft’ acht Tassen aus;
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Hing dann, zum Zeitvertreibe,
81
Sich mit dem halben Leibe
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Zum Himmelsfenster ’naus,
83
Und schmauchte, frisch und munter,
84
Sein Pfeifchen Knaster ’runter.

85
Und durch sein Perspectiv
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Visirt’ er von dem Himmel,
87
Nach unserm Weltgetümmel.
88
Sonst mochten wol so tief
89
Die abgeschwächten Augen
90
Nicht mehr zu sehen taugen.

91
Da nahm er schmunzelnd wahr,
92
Auf schönbeblümten Auen,
93
Gar lieblich anzuschauen,
94
Vergnügter Mägdlein Schaar,
95
Die auf dem grünen Rasen
96
Sich Gänseblümchen lasen.

97
Die Schönste war geschmükt
98
Mit einem leichten Kleide,
99
Von rosinfarbner Seide,
100
Mit Fadengold durchstikt.
101
Die Andern aber schienen
102
In Demut ihr zu dienen.

103
Die niedliche Gestalt,
104
Die schlanken zarten Glieder,
105
Besah er auf und nieder.
106
Ihr Alter er gar bald
107
Recht kunstverständig schäzte,
108
Und es auf Sechzehn sezte.

109
Zum Blumenlesen war
110
Ihr Rökchen aufgehoben.
111
Das Perspectiv von oben
112
Sah alles auf ein Haar.
113
Die Füschen, Knie, und Waden
114
Behagten Seiner Gnaden.

115
Sein Herzenshammer schlug.
116
Bald wolt’ er mehr gewinnen.
117
Da hub er an zu sinnen,
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Auf arge List und Trug.
119
Ihn dünkt, sie zu erschnappen,
120
Sey’s Noth, sich zu verkappen.

121
Er klügelt’ und erfand,
122
Nach schlauem Spintisiren,
123
Als Stier sich zu maskiren:
124
Doch ist mir unbekant,
125
Wie dieses zugegangen?
126
Und wie er’s angefangen?

127
Ich mag um Schlaf und Ruh
128
Durch Grübeln mich nicht bringen.
129
Allein von rechten Dingen
130
Ging solches Spiel nicht zu.
131
Es half ihm, sonder Zweifel,
132
Gott sey bei uns! † † † der Teufel.

133
Kurz um, er kömt als Stier,
134
Und grast auf dem Gefilde,
135
Als führt’ er nichts im Schilde,
136
Erst ziemlich weit von ihr,
137
Und scheint den Frauenzimmern
138
Sich schlecht um sie zu kümmern.

139
Almählich hub er an,
140
Sich näher an zu drehen.
141
Doch noch blieb sie nicht stehen.
142
Der Krep wuchs ihr bergan.
143
Auch ward ihr in die Länge
144
Die Schnürbrust mächtig enge.

145
Doch hört nur! Mein Monsieur
146
Verstand die fintenvolle
147
Vorherstudirte Rolle,
148
Wie ich mein A b c.
149
War er Aktör, ich wette,
150
Daß man geklatschet hätte.

151
Er hatte Theorie
152
Mit Praxis wol verbunden.
153
In seinen Nebenstunden
154
Verabsäumt’ er fast nie,
155
Nasonis Buch zu treiben,
156
Und Noten beizuschreiben.

157
Drum that der arge Stier
158
Sehr zahm und sehr geduldig,
159
Schien keiner Tücke schuldig,
160
Und suchte mit Manier,
161
Durch Kopfhang sich und Schweigen
162
Empfindsam gar zu zeigen.

163
Das Mägdlein, durch den Schein
164
Von Sitsamkeit betrogen,
165
Ward endlich ihm gewogen.
166
„solt’ er wol kurrig seyn?
167
Sprach sie zu ihrer Amme,
168
„er gleicht ja einem Lamme!„

169
Die alte Strunsel rief:
170
„ei! welche schöne Frage!
171
Nach alter teutscher Sage,
172
Sind stille Wasser tief.
173
Drum,
174
Dem bösen Stier vom Leibe!„ —

175
„ich möchte, fiel sie ein,
176
Ihm wol ein Kränzel binden,
177
Und um die Hörner winden.
178
Er wird schon artig seyn,
179
Wenn ich hübsch traulich rabb’le
180
Und hinter’m Ohr ihm krabb’le.„ —

181
Fort, Kind! da kömt er! Ah!„ „ „
182
Doch er lies sacht die Glieder
183
Ins weiche Gräschen nieder,
184
Lag wiederkäuend da.
185
Sein Auge, dum und ehrlich,
186
Schien gänzlich nicht gefärlich.

187
Da ward das Mägdlein kühn,
188
Und trieb mit ihm viel Possen,
189
(das lit er unverdrossen)
190
Und ach! und stieg auf ihn.
191
„hi! Hi! Ich wil’s doch wagen,
192
Ob mich das Thier wil tragen?„

193
Doch der verkapte Gast
194
Empfand auf seinem Rücken,
195
Mit krabbelndem Entzücken,
196
Kaum seine schöne Last,
197
So sprang er auf und rente,
198
Als ob der Kopf ihm brente.

199
Und lief, in vollem Trab,
200
Queerfeldein, schnurgerade,
201
Zum nächsten Meergestade,
202
Und hui! that er hinab,
203
Kein Weilchen zu verlieren,
204
Den Sprung mit allen Vieren.

205
„ach! schrien die Zofen, ach!
206
(die an das Ufer sprangen
207
Und ihre Hände rangen)
208
Ach! Ach! Prinzessin, ach!
209
Was für ein Streich, Ihr Gnaden!
210
Nun han wir’s auszubaden.

211
Allein das arme Kind
212
Hub, zappelnd mit den Beinen,
213
Erbärmlich an zu weinen:
214
„ach! helft mir! helft geschwind!
215
Doch unser Schalk vor Freude
216
War taub zu ihrem Leide.

217
Nichts half ihr Ach und Weh.
218
Sie muste fürbas reiten.
219
Da gaft’ auf beiden Seiten,
220
Janhagel aus der See,
221
Und hub, ganz ausgelassen,
222
Hierüber an zu spassen.

223
Der Stier sprach nicht ein Wort,
224
Und trug sie sonder Gnade
225
Hinüber ans Gestade,
226
Und kam in sichern Port.
227
Darob empfand der Heide
228
Herzinnigliche Freude.

229
Hier sank sie auf den Sand,
230
Ganz mat durch langes Reiten
231
Und Herzensbangigkeiten,
232
Von Sinnen und Verstand.
233
Vielleicht hat’s auch darneben
234
Ein Wölfchen abgegeben.

235
Mein Stier nahm frisch und froh
236
Dies Tempo wahr, und spielte,
237
Als sie nicht sah und fühlte,
238
Ein neues
239
Denn er verstand den
240
Mit

241
Und trat als Kavalier,
242
In hochfrisirten Haaren,
243
Wie damals Mode waren,
244
Mit dem Flakon zu ihr,
245
Und hub, um Brust und Hüften,
246
Die Schnürbrust an zu lüften.

247
Kaum war sie aufgeschnürt,
248
Kaum kizelt’ ihre Nase
249
Der Duft aus seinem Glase,
250
So war sie auch kurirt;
251
Drauf er, wie sich’s gebürte,
252
Comme ça mit ihr charmirte:

253
„wilkommen hier ins Grün!
254
Per dio! das bejah' ich,
255
Mein blaues Wunder sah ich!
256
Woher, mein Kind, wohin?
257
So weit durch’s Meer zu reiten!
258
Und doch nicht abzugleiten? —

259
Indessen freut mich’s, hier
260
In meinem schlechten Garten,
261
Gehorsamst aufzuwarten.
262
Ma foi! das ahnte mir,
263
Heut hatt’ ich so ein Träumchen „ „ „
264
Auch jukte mir das Däumchen.

265
Man zog ihr wakres Thier,
266
Worauf sie hergeritten,
267
Nachdem sie abgeschritten,
268
Gleich in den Stal von hier.
269
Da sol es, nach Verlangen,
270
Sein Futter schon empfangen.

271
Sie werden, Herzchen, gelt?
272
Wol noch ein wenig frieren?
273
Geruhn sie zu spazieren
274
In dieses Lustgezelt,
275
Und thun in meiner Klause,
276
Als wären sie zu Hause.

277
Hier pflegen sie der Ruh,
278
Und troknen sich, mein Schnekchen,
279
Ihr Hemde, samt dem Rökchen,
280
Die Strümpfchen und die Schuh.
281
Ich, mit Permiß, wil ihnen
282
Stat Kammermädchens dienen. —

283
Sie sträubte jüngferlich
284
Sich anfangs zwar ein wenig:
285
Doch er bat unterthänig,
286
Und da ergab sie sich.
287
Nun, hochgeehrte Gäste,
288
Merkt auf! Nun kömt das Beste.

289
Hem! „ „ „ Ha! Ich merke wol
290
An euren wehrten Nasen,
291
Daß ich mit hübschen Phrasen
292
Eur Ohr nun kizeln sol.
293
Ihr möchtet, um den Bazen,
294
Für Lachen gern zerplazen.

295
Doch, theure Gönner, seht,
296
Was ich dabei riskire!
297
Wenn’s der Pastor erführe,
298
Der keinen Spas versteht,
299
Dann wehe meiner Ehre! —
300
Ich kenne die Pastöre! —

301
Drum weg mit Schäkerei’n!
302
Von süskandirten Zoten
303
Wird vollends nichts geboten.
304
Hilarius hält fein
305
Auf Ehrbarkeit und
306
Ihr Herren

307
In Züchten, wie sich’s ziemt,
308
Weil mich vor langem Breie
309
In solchen Schosen scheue,
310
Meld’ ich nur kurz verblümt:
311
Hier that mit seiner Schöne
312
Der Herr sich treflich

313
Nun schwammen mit Geschrei,
314
In langen grünen Haaren,
315
Der Wassernixen Schaaren
316
Hart an den Strand herbei:
317
Zu sehen das Spektakel,
318
In diesem Tabernakel.

319
Manch Nixchen wurde rot;
320
Manch Nixchen wurde lüstern;
321
Jen’s neigte sich zum Flüstern;
322
Dies lachte sich halb todt;
323
Neptun, gelehnt ans Ruder,
324
Rief: Prosit, lieber Bruder!

325
Nun dank, o frommer Christ,
326
Im Namen aller Weiber,
327
Daß dieser Heid’ und Räuber
328
Bereits gestorben ist.
329
Zwar „ „ „ fehlt’s auch zum Verführen
330
Nicht an getauften Stieren.

(Bürger, Gottfried August: Gedichte. Göttingen, 1778.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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