Lenore

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Gottfried August Bürger: Lenore (1778)

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Lenore fuhr um's Morgenrot
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Empor aus schweren Träumen:
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„bist untreu, Wilhelm, oder todt?
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Wie lange wilst du säumen?„ —
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Er war mit König Friedrichs Macht
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Gezogen in die Prager Schlacht,
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Und hatte nicht geschrieben:
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Ob er gesund geblieben.

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Der König und die Kaiserin,
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Des langen Haders müde,
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Erweichten ihren harten Sin,
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Und machten endlich Friede;
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Und jedes Heer, mit Sing und Sang,
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Mit Paukenschlag und Kling und Klang,
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Geschmükt mit grünen Reisern,
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Zog heim zu seinen Häusern.

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Und überal al überal,
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Auf Wegen und auf Stegen,
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Zog Alt und Jung dem Jubelschall
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Der Kommenden entgegen.
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Gottlob! rief Kind und Gattin laut,
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Wilkommen! manche frohe Braut.
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Ach! aber für Lenoren
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War Grus und Kus verloren.

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Sie frug den Zug wol auf und ab,
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Und frug nach allen Namen;
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Doch keiner war, der Kundschaft gab,
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Von allen, so da kamen.
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Als nun das Heer vorüber war,
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Zerraufte sie ihr Rabenhaar,
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Und warf sich hin zur Erde,
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Mit wütiger Geherde.

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Die Mutter lief wol hin zu ihr: —
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„ach, daß sich Gott erbarme!
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Du trautes Kind, was ist mit dir?„ —
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Und schloß sie in die Arme. —
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„o Mutter, Mutter! hin ist hin!
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Nun fahre Welt und alles hin!
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Bei Gott ist kein Erbarmen.
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O weh, o weh mir Armen!„ —

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„hilf Gott, hilf! Sieh uns gnädig an!
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Kind, bet’ ein Vaterunser!
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Was Gott thut, das ist wolgethan.
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Gott, Gott erbarmt sich Unser!„ —
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„o Mutter, Mutter! Eitler Wahn!
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Gott hat an mir nicht wolgethan!
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Was half, was half mein Beten?
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Nun ist’s nicht mehr vonnöten.„ —

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„hilf Gott, hilf! wer den Vater kent,
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Der weis, er hilft den Kindern.
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Das hochgelobte Sakrament
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Wird deinen Jammer lindern.„ —
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„o Mutter, Mutter! was mich brent,
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Das lindert mir kein Sakrament!
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Kein Sakrament mag Leben
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Den Todten wiedergeben.„ —

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„hör, Kind! wie, wenn der falsche Man,
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Im fernen Ungerlande,
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Sich seines Glaubens abgethan,
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Zum neuen Ehebande?
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Las fahren, Kind, sein Herz dahin!
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Er hat es nimmermehr Gewin!
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Wann Seel’ und Leib sich trennen,
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Wird ihn sein Meineid brennen.„ —

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„o Mutter, Mutter! Hin ist hin!
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Verloren ist verloren!
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Der Tod, der Tod ist mein Gewin!
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O wär’ ich nie geboren! —
69
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
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Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
71
Bei Gott ist kein Erbarmen.
72
O weh, o weh mir Armen!„ —

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„hilf Gott, hilf! Geh nicht ins Gericht
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Mit deinem armen Kinde!
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Sie weis nicht, was die Zunge spricht.
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Behalt ihr nicht die Sünde!
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Ach, Kind, vergis dein irdisch Leid,
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Und denk an Gott und Seligkeit!
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So wird doch deiner Seelen
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Der Bräutigam nicht felen.„ —

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„o Mutter! Was ist Seligkeit?
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O Mutter! Was ist Hölle?
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Bei ihm, bei ihm ist Seligkeit,
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Und ohne Wilhelm Hölle! —
85
Lisch aus, mein Licht, auf ewig aus!
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Stirb hin, stirb hin in Nacht und Graus!
87
Ohn’ ihn mag ich auf Erden,
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Mag dort nicht selig werden.„ — — —

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So wütete Verzweifelung
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Ihr in Gehirn und Adern.
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Sie fuhr mit Gottes Fürsehung
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Vermessen fort zu hadern;
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Zerschlug den Busen, und zerrang
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Die Hand, bis Sonnenuntergang,
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Bis auf am Himmelsbogen
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Die goldnen Sterne zogen.

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Und aussen, horch! ging’s trap trap trap,
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Als wie von Rosseshufen;
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Und klirrend stieg ein Reiter ab,
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An des Geländers Stufen;
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Und horch! und horch! den Pfortenring
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Ganz lose, leise, klinglingling!
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Dann kamen durch die Pforte
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Vernemlich diese Worte:

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„holla, Holla! Thu auf, mein Kind!
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Schläfst, Liebchen, oder wachst du?
107
Wie bist noch gegen mich gesint?
108
Und weinest oder lachst du?„ —
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„ach, Wilhelm, du? -- So spät bei Nacht? --
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Geweinet hab’ ich und gewacht;
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Ach, grosses Leid erlitten!
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Wo komst du hergeritten?„ —

113
„wir satteln nur um Mitternacht.
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Weit rit ich her von Böhmen.
115
Ich habe spat mich aufgemacht,
116
Und wil dich mit mir nemen.„ —
117
„ach, Wilhelm, erst herein geschwind!
118
Den Hagedorn durchsaust der Wind,
119
Herein, in meinen Armen,
120
Herzliebster, zu erwarmen!„ —

121
Las sausen durch den Hagedorn,
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Las sausen, Kind, las sausen!
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Der Rappe schart; es klirt der Sporn.
124
Ich darf alhier nicht hausen.
125
Kom, schürze spring’ und schwinge dich
126
Auf meinen Rappen hinter mich!
127
Mus heut noch hundert Meilen
128
Mit dir ins Brautbett’ eilen.„ —

129
„ach! woltest hundert Meilen noch
130
Mich heut ins Brautbett’ tragen?
131
Und horch! es brumt die Glocke noch,
132
Die elf schon angeschlagen.„ —
133
„sieh hin, sieh her! der Mond scheint hell.
134
Wir und die Todten reiten schnell.
135
Ich bringe dich, zur Wette,
136
Noch heut ins Hochzeitbette.„ —

137
„sag an, wo ist dein Kämmerlein?
138
Wo? Wie dein Hochzeitbetchen?„ —
139
„weit, weit von hier! -- Stil, kühl und klein! --
140
Sechs Bretter und zwei Bretchen!„ —
141
„hat’s Raum für mich?„ — „Für dich und mich!
142
Kom, schürze, spring und schwinge dich!
143
Die Hochzeitgäste hoffen;
144
Die Kammer steht uns offen.„ —

145
Schön Liebchen schürzte, sprang und schwang
146
Sich auf das Ros behende;
147
Wol um den trauten Reiter schlang
148
Sie ihre Liljenhände;
149
Und hurre hurre, hop hop hop!
150
Ging’s fort in sausendem Galop,
151
Daß Ros und Reiter schnoben,
152
Und Kies und Funken stoben.

153
Zur rechten und zur linken Hand,
154
Vorbei vor ihren Blicken,
155
Wie flogen Anger, Haid’ und Land!
156
Wie donnerten die Brücken! —
157
„graut Liebchen auch? -- Der Mond scheint hell!
158
Hurrah! die Todten reiten schnell!
159
Graut Liebchen auch vor Todten?„ —
160
„ach nein!- doch las die Todten!„ —

161
Was klang dort für Gesang und Klang?
162
Was flatterten die Raben? --
163
Horch Glockenklang! horch Todtensang!
164
„last uns den Leib begraben!„
165
Und näher zog ein Leichenzug,
166
Der Sarg und Todtenbaare trug.
167
Das Lied war zu vergleichen
168
Dem Unkenruf in Teichen.

169
„nach Mitternacht begrabt den Leib,
170
Mit Klang und Sang und Klage!
171
Jezt führ’ ich heim mein junges Weib.
172
Mit, mit zum Brautgelage!
173
Kom, Küster, hier! Kom mit dem Chor,
174
Und gurgle mir das Brautlied vor!
175
Kom, Pfaff’, und sprich den Segen,
176
Eh wir zu Bett’ uns legen!„ —

177
Stil Klang und Sang. -- Die Baare schwand. --
178
Gehorsam seinem Rufen,
179
Kam’s, hurre hurre! nachgerant,
180
Hart hinter’s Rappen Hufen;
181
Und immer weiter, hop hop hop!
182
Ging’s fort in sausendem Galop,
183
Daß Ros und Reiter schnoben,
184
Und Kies und Funken stoben.

185
Wie flogen rechts, wie flogen links,
186
Gebirge, Bäum’ und Hecken!
187
Wie flogen links, und rechts, und links
188
Die Dörfer, Städt’ und Flecken! —
189
„graut Liebchen auch? -- Der Mond scheint hell!
190
Hurrah! die Todten reiten schnell!
191
Graut Liebchen auch vor Todten?„ —
192
„ach! Las sie ruhn, die Todten!„ —

193
Sieh da! sieh da! Am Hochgericht
194
Tanzt, um des Rades Spindel,
195
Halb sichtbarlich, bei Mondenlicht,
196
Ein luftiges Gesindel. —
197
„sasa! Gesindel, hier! Kom hier!
198
Gesindel, kom und folge mir!
199
Tanz’ uns den Hochzeitreigen,
200
Wann wir zu Bette steigen!„ —

201
Und das Gesindel husch husch husch!
202
Kam hinten nachgeprasselt,
203
Wie Wirbelwind am Haselbusch
204
Durch dürre Blätter rasselt.
205
Und weiter, weiter, hop hop hop!
206
Ging’s fort in sausendem Galop,
207
Daß Ros und Reiter schnoben,
208
Und Kies und Funken stoben.

209
Wie flog, was rund der Mond beschien,
210
Wie flog es in die Ferne!
211
Wie flogen oben über hin
212
Der Himmel und die Sterne! —
213
„graut Liebchen auch? -- Der Mond scheint hell!
214
Hurrah! die Todten reiten schnell!
215
Graut Liebchen auch vor Todten?„ —
216
„o weh! Las ruhn die Todten!„ — — —

217
„rapp’! Rapp’! Mich dünkt der Hahn schon ruft. --
218
Bald wird der Sand verrinnen --
219
Rapp’! Rapp’! Ich wittre Morgenluft --
220
Rapp’! Tumle dich von hinnen! —
221
Volbracht, volbracht ist unser Lauf!
222
Das Hochzeitbette thut sich auf!
223
Die Todten reiten schnelle!
224
Wir sind, wir sind zur Stelle.„ — — —

225
Rasch auf ein eisern Gitterthor
226
Ging’s mit verhängtem Zügel.
227
Mit schwanker Gert’ ein Schlag davor
228
Zersprengte Schlos und Riegel.
229
Die Flügel flogen klirrend auf,
230
Und über Gräber ging der Lauf.
231
Es blinkten Leichensteine
232
Rund um im Mondenscheine.

233
Ha sieh! Ha sieh! im Augenblik,
234
Huhu! ein gräslich Wunder!
235
Des Reiters Koller, Stük für Stük,
236
Fiel ab, wie mürber Zunder.
237
Zum Schädel, ohne Zopf und Schopf,
238
Zum nakten Schädel ward sein Kopf;
239
Sein Körper zum Gerippe,
240
Mit Stundenglas und Hippe.

241
Hoch bäumte sich, wild schnob der Rapp’,
242
Und sprühte Feuerfunken;
243
Und hui! war’s unter ihr hinab
244
Verschwunden und versunken.
245
Geheul! Geheul aus hoher Luft,
246
Gewinsel kam aus tiefer Gruft.
247
Lenorens Herz, mit Beben,
248
Rang zwischen Tod und Leben.

249
Nun tanzten wol bei Mondenglanz,
250
Rund um herum im Kreise,
251
Die Geister einen Kettentanz,
252
Und heulten diese Weise:
253
„gedult! Gedult! Wenn’s Herz auch bricht!
254
Mit Gott im Himmel hadre nicht!
255
Des Leibes bist du ledig;
256
Gott sey der Seele gnädig!„

(Bürger, Gottfried August: Gedichte. Göttingen, 1778.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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