Der Minnesinger

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Gottfried August Bürger: Der Minnesinger (1778)

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Ich wil das Herz mein Leben lang,
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Der holden Minne weihen,
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Und meinen leichten Volksgesang
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Verdienten Schmeicheleien.

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Denn warlich keines Lobes Ton,
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Auf keiner Flur, gewäret
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Dem Sänger einen füssern Lohn,
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Als wenn er Schönheit ehret.

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Wolan, o Laute, werde dann
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Der Schönen, die gesellig
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Und freundlich ist, und minnen kan,
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Durch Lied und Lob gefällig!

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Dein Schmeicheln mildert die Natur.
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Schon lassen Schäferinnen
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Sich hie und da, auf teutscher Flur,
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Durch Lied und Lob gewinnen.

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Du solst noch manche Sommernacht,
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Um stille Schäferhütten,
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Das Mädchen, das im Bette wacht,
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Von mir zu träumen bitten.

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Mir danket dann ihr Morgengrus,
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Ihr liebevolles Nicken,
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Ihr wonniglicher, warmer Kus,
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Ihr sanftes Händedrücken.

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Erwerben werd’ ich reiches Gut
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An kleinen Minnepfändern;
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Und prangen wird mein Stab und Hut
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Mit Rosen und mit Bändern.

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Beim Spiel und Tanze werden mir
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Die Schönsten immer winken;
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Und, die ich fodre, werden schier
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Sich mehr als Andre dünken.

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Geliebt, geehrt, bis an mein Ziel,
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Von einer Flur zur andern,
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Werd’ ich mit meinem Minnespiel,
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Herbeigerufen, wandern.

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Und, wenn ich längst gestorben bin,
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Und unter Ulmen schlafe,
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So weidet noch die Schäferin
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Um meine Gruft die Schafe;

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Und lehnet sich auf ihren Stab,
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Und senkt vol heller Thränen,
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Den sanften Blik zu mir herab,
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Und klagt in weichen Tönen:

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„du, der so füsse Lieder schuf,
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So minnigliche Lieder!
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O wekte dich mein lauter Ruf
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Aus deinem Grabe wieder!

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Du würdest mich, nach deinem Brauch,
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Gewis ein wenig preisen.
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Dann hätt’ ich doch bei Schwestern auch
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Ein Liedchen aufzuweisen.

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Dein Minneliedchen säng’ ich dann,
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Solt’ auch die Mutter schelten.
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O lieber, lieber Leierman,
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Wie wolt’ ich’s dir vergelten!„

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Dann wird mein Geist, wie Sommerluft,
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Aus seiner Ulme Zweigen,
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Zu ihr herunter auf die Gruft,
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Sie anzuwehen, steigen;

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Wird durch des Wiesenbaches Rohr,
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Und Blätter, die sich kräuseln,
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Ein Liedchen in ihr horchend Ohr,
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Zu ihrem Lobe, säuseln.

(Bürger, Gottfried August: Gedichte. Göttingen, 1778.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Gottfried August Bürger
(17471794)

* 31.12.1747 in Molmerswende, † 08.06.1794 in Göttingen

männlich, geb. Bürger

natürliche Todesursache | Tuberkulose

deutscher Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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