Elegie an meinen Bruder den 15. Okt. 1778.

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Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg: Elegie an meinen Bruder den 15. Okt. 1778. (1779)

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Freudiger würde mein Geist, in treuer, süsser
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Umarmung,
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Bester, eilen zu dir, wie zur Quelle das Reh,
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Würde, bebend und sprachlos, von meiner Lippe
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zur deinen,
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Bester, eilen zu dir, auf geflügeltem Kuß.
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Zärtlicher bebte der Freundschaft Bund auf Jo-
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nathans Lippe
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Nicht, im heimlichen Thal, wo er dem Lie-
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benden schwur;
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Zärtlicher zitterte nicht an Benjamins Auge die
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Thräne,
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Als sein Joseph ihm lag an der klopfenden
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Brust!
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Aber, trennen uns nicht die ausgedehnten Ge-
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filde?
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Trennen Fluten uns nicht, rauschend im herbst-
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lichen Sturm?
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Sieh, ich eile zu dir auf tönenden Flügeln des
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Liedes,
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An dem Tage, der dich deinen Liebenden gab;
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Dich dem zärtlichen Vater, der Freude weinen-
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den Mutter,
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Deinen Schwestern und mir, deiner Luise
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dich gab!
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Zwar es wiegte mich da auf ihrem blumigen
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Schoosse
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Mutter Erde noch nicht, Sonnen stralten mir
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nicht,
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Als in den jauchzenden Hallen des frohen Hauses
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die Stimme
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Scholl: „ein Knäblein ist da! freut euch!
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ein Knäblein ist da!”
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Als der beste der Väter dich, glühend im heissen
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Gebete,
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Hub zum Himmel empor, mit froh bebendem
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Arm,
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Als in lächelnder Ohnmacht, schon sinkend, die
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Mutter dich ansah,
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Und erwachend dich sand an der wallenden
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Brust.
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Als, schon zärtlich, die lallende Schwester, mit
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hüpfenden Füssen
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Dein sich freute, schon da in die Arme dich schloß!
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Oft mit kindisch sorgsamer Hand die wankende
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Wiege
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Faßte, und von dir summende Fliegen vertrieb!
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Später ward ich, und später die jüngern Schwe-
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stern geboren,
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Und wir wuchsen empor freudig, wie Stauden
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am Bach,
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Kanten früh die süssesten Freuden des Lebens, und
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pflückten
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Jeden kleinen Genuß, der sich im Schatten
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verbirgt.
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Ungesondert lebt’ ich mit dir die Tage der Jugend;
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Wenn ein Morgen uns schied, schied uns der
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Abend nicht mehr.
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Wie, aus Einem Born, von Einem Schatten
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gekühlet,
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Zwillingsströme sich hell stürzen vom Felsen
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herab,
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Mit vereinter Kraft bald Tannen wälzen und Felsen,
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Bald mit spiegelnder Flut schlängeln im ruhi-
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gen Thal;
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Also flossen auch uns vereint der Kindheit und Ju-
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gend
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Tage; jegliche Lust theilten wir, jeglichen
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Schmerz!
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Jeden werdenden Wunsch, und jede heimliche Sorge,
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Jedes Sehnen, das kein Flügel der Hofnung
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noch hub,
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Jeden ahndenden Trieb, eh Selbstbewustsein ihn
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wiegte,
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Fühlten beide zugleich in der innersten Brust!
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Ach, nun sind wir getrent! Zwar bringt der Früh-
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ling dich wieder;
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Aber im sausigen Baum rauschet noch herbst-
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liches Laub,
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Wankend schüttelt ihr Haupt mit falben Locken die
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Esche,
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Halb entkleidet vom Sturm, zittert erröthend
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der Hain.
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Eile, rollende Zeit, die Bahn des Jahres hin-
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unter!
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Steige, rollende Zeit, mit dem Frühling em-
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por!
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Frühling, säusle mir nicht im zarten Laube der
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Buchen,
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Ehe du bringest zurück meinen Geliebten zu
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mir!
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Ehe die liebenden Schwestern mit ihm, und seine
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Luise
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Kommen zur Schwester zurück! kommen zum
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Bruder zurück!
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Siehe, schon wünschen euch her die rosigen Neffen
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und Nichten,
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Wenn ihr süsses Geschwäz Freuden der Zukunft
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entlockt!
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Eile, Winter, vorbei auf Schwanenflügeln des
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Schnees,
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Komme, blumiger Lenz, säusle die Lieben zurück!

(Stolberg-Stolberg, Christian zu; Stolberg-Stolberg, Friedrich Leopold zu: Gedichte. Leipzig, 1779.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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Friedrich Leopold zu Stolberg-Stolberg
(17501819)

* 07.11.1750 in Bad Bramstedt, † 05.12.1819 in Gut Sondermühlen

männlich, geb. Stolberg

deutscher Politiker und Dichter

(Aus: Wikidata.org)

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