79.

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Friedrich Rückert: 79. (1837)

1
Dem Menschen ist ein Recht gegeben auf die Sachen,
2
Von Gott hat ers zu Lehn, wer kanns ihm streitig machen?

3
Wenn von den Menschen wär' ein einziger am Leben,
4
Die ganze Erde wär' in seine Hand gegeben.

5
So wie im Anbeginn, wir glauben's, einer war,
6
In dem sich ungetheilt die Menschheit stellte dar.

7
Doch als zum Manne nun das Weib hinzugekommen,
8
Ward diesem wohl ein Theil, der jenem ward genommen?

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Mitnichten; weil das Paar in Zweiheit Eines war,
10
War zur Entzweiung im Besitz auch nicht Gefahr.

11
Und also, wo noch zwei in Liebe werden Eines,
12
Ist ihr Besitzrecht an die Welt ein allgemeines.

13
Denn ganz in jedem Paar stellt sich die Menschheit dar,
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Von allwievielen schon die Welt besessen war.

15
Bescheiden ziehen sie auch ihr beschieden Loß,
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Und sei es klein, so mach' es Lieb' und Treue groß.

17
Doch als zum Vater dort hinzu die Söhne kamen,
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Besaß das Oberhaupt mit in der Glieder Namen.

19
Sie waren im Besitz von selbst mit eingeschlossen;
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Wie hätten nicht auch, was der Baum hat, seine Sprossen?

21
Doch als die Glieder drauf sich los vom Haupte rissen,
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Da wollte jedes, was ihm eigen wäre, wissen.

23
Da sprach ihr Vater: Geht nun in die Welt hinaus,
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Und bauet, wie und wo ihr möget, Feld und Haus.

25
Die Welt ist weit genug, um drin euch auszuweichen,
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Euch auszubreiten ohn' einander zu erreichen.

27
Es wird am Gegenstand nicht fehlen eurer Hand,
28
Und jeder habe, was er zu ergreifen fand.

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Demselben drück' er auf das Zeichen des Besitzes,
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Das Zeichen seiner Kraft, das Zeichen seines Witzes.

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Doch welcher Sache schon ihr eures Bruders Zeichen
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Seht aufgedrückt, davon sollt ihr zurücke weichen.

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Doch wann die Zweige nun zu Stämmen sind geworden,
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Und ihr das Land erfüllt mit Herden und mit Horden;

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Dann wird der Hader bald im Kleinen, bald im Großen
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Erwachsen da, wo ihr zusammen werdet stoßen,

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Wenn ihr entfremdet nicht mehr eure Zeichen kennt,
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Und, statt was euch verband, nur fühlet was euch trennt.

39
Dann wird Volk gegen Volk zum Schutze sich verbünden,
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Und einzle Ganze sich im großen Ganzen ründen.

41
Natürlich steht zuerst als Mittelpunkt im Kreise
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Der Aeltste, der zugleich der beste scheint und weise.

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Ob einer dann den Platz dem andern streitig mache,
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Doch immer dienen wird dem stärkeren der schwache.

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Der starke dienet auch dem schwächeren zum Schutze;
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Doch Kunst und Geist dient bald zur Wohlfahrt, bald zum Putze.

47
Den Muth zu dienen, der da Demuth heißet, lernt,
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Hochmüth'ge, die ihr euch vom Vaterhaus entfernt.

49
Zum Vaterhaus führt euch der Geist der Demuth wieder,
50
Wenn menschlich ihr euch fühlt des Leibs der Menschheit Glieder.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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