82.

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Friedrich Rückert: 82. (1837)

1
Die Löwin gieng auf Raub, und ließ daheim zwei Jungen,
2
Die hatten noch kein Blut geleckt mit ihren Zungen.

3
Sie hatten nur die Milch der Mutterbrust gesogen,
4
Und ihren Kindern war der Mutter Herz gewogen.

5
Sie schlang den blut'gen Raub nun mit zwiefacher Lust,
6
Um ihrem Paar mit Milch zu füllen jede Brust.

7
Doch als sie heim nun kam, war ihr zuvorgekommen
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Ein kühner Jäger, der die Jungen weggenommen.

9
Die Löwin, wie sie sah sich ihrer Brut beraubt,
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Wie hat sie mit Gebrüll den Wald durchras't, durchschnaubt!

11
Die Aeffin auf dem Baum (sie hielt im Arm ein Kind)
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Sah zu, und rief: Warum tobst du so ungelind?

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Sie sprach: Wie sollt' ich nicht, wenn ihre Lust die Affen
14
Behalten, und ich mir die meine sah entraffen?

15
Die Aeffin sprach: Mög' ich stets meine Freude sehn!
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Dir aber ist villeicht verdientes Leid geschehn.

17
Sprich: wovon nährst du dich? von Früchten wol und Laube? —
18
„nein! meinem Stamm und Stand gemäß, von blut'gem Raube.“ —

19
Und fragtest du erst, die du fraßest, ob sie Gatten,
20
Ob Eltern sie daheim, oder ob Kinder hatten? —

21
Sie sprach: Nein, Alt und Jung fraß ich ohn' Unterscheid;
22
Doch das that ich, wem that die Unschuld was zu Leid?

23
Die Aeffin sprach: Zu Leid wird sie auch nie was thun;
24
Der Kinder Unschuld büßt die Schuld der Mutter nun.

25
Doch ists ein Widerspruch, unschuld'ge Löwenbrut;
26
Die Milch, die sie an dir getrunken, war schon Blut.

(Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Deutsches Textarchiv, CC BY-SA 4.0.)

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Friedrich Rückert
(17881866)

* 16.05.1788 in Schweinfurt, † 31.01.1866 in Neuses

männlich, geb. Rückert

deutscher Dichter, Übersetzer und Orientalist (1788–1866)

(Aus: Wikidata.org)

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