CxXIX. Aufrichtige Erklärung, wies ihm ums Hertz ist. Gedruckt zu Tübingen, am Thomas-Tage

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: CxXIX. Aufrichtige Erklärung, wies ihm ums Hertz ist. Gedruckt zu Tübingen, am Thomas-Tage (1735)

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Du unser auserwehltes Haupt,
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An welches unsre Seele glaubt!
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Laß uns in deiner Nägelmahl
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Erblicken die Genaden-Wahl,
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Und durch der aufgespaltnen Seite Bahn
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Führ unsre Seelen

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Dis ist das wunder-volle Ding,
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Erst dünckts vor Kinder zu gering,
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Und dann zerglaubt ein Mann sich dran,
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Und stirbt wohl, eh ers glauben kan,
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Es sind die
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Es ist das

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So lange eine Menschheit ist,
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So lange JEsus bleibt der Christ,
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So bleibet diß das A und O
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Vom gantzen Evangelio,
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Und daß dasselbige die Weißheit ist,
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Das wißt ihr alle, die ihr Wahrheit wißt.

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Mein Heyland! wär ich armes Kind,
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Das sich um deine Füße windt,
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Das dich, du Seelen Ehe-Mann,
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Nicht eine Stunde missen kan,
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Und das dich über sich und alles liebt,
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In deiner Sprache etwas mehr geübt.

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Doch laß die Lippen trocken seyn,
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Des Geistes Hauch darf nur hinein,
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Der vor dem Thron der Herrlichkeit,
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In Donnern und Posaunen schreyt,
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Und eine Kohle vom Altar gebraucht,
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So rühren sich die Lippen, daß es raucht.

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So zeug ich dann, wer hört mir zu?
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Wer hat im Hertzen keine Ruh?
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Wer weiß, wie tief die Sünde frist,
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Und daß er nichts als Sünde ist,
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Und weiß sich keinen Rath, wo ein noch aus,
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Der höre zu! denn da wird etwas draus.

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Wer aber von der Mutter her
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Vielleicht noch unbescholten wär,
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Und wüßte kaum was Fleisch und Blut,
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Was Geitz sey oder hoher Muth,
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Und sich in allem selber helffen kan,
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Der ist ein blinder und ein tauber Mann.

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Ein heiliger und reiner Geist,
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Und was man einen Heilgen heist,
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Sind vor dem HErrn der Creatur,
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Und vor dem Meister der Natur
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Von keinem andern Zeuge, als ein Blat
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Das auch sein Wesen von dem Schöpffer hat.

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Auch ist ein Rath der Ewigkeit
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Viel älter als die graue Zeit,
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Und wer den Rathschluß meistern will,
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Muß Satan seyn, sonst schweigt er still,
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Ein Töpffer macht aus einem allerley,
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Und das ists, was er machet, daß es sey.

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Das Leben ist von oben her,
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Der Tod ist auch nicht ohngefähr,
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Darzu verdammet das Gericht,
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Das Hertze GOttes aber nicht,
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Wer GOttes Wesen weiß, weiß seinen Tod,
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Wers Hertze kennt, der ist aus aller Noth.

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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