LxXX. Auf seinen innig-geliebten Bruder, Melchior Nitschmann, Aeltesten zu Herrn- hut, als er seinen 24jährigen Lauf im Gefängniß geendet

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: LxXX. Auf seinen innig-geliebten Bruder, Melchior Nitschmann, Aeltesten zu Herrn- hut, als er seinen 24jährigen Lauf im Gefängniß geendet (1735)

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Wo giengt ihr hin, wo kamt ihr her, Jhr grünende Gebeine?
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Dir nach,
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Der heiligen Gemeine;
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Sie kamen aus der Friedens-Stadt,
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Von Seelen-Hunger müd und matt.

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Gelobet sey dein muntrer Gang,
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Und deiner Füsse Rauschen:
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Du wilst die Freyheit gegen Zwang,
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Vor Unruh, Ruhe tauschen.
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Es ist der Welt die höchste Noth:
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Geh hin, du bist ein guter Both.

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Du weist, wohin der Eifer reicht
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Wo man um Land und Wasser zeucht,
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Und treibt das Werck nicht höher,
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Als daß ein Thor den andern macht,
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Ein

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Die Pharisäer wurden alt
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Bey ihren Lasten binden:
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Der Heyland sagte nicht so bald:
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Kommt Menschen! Ruh zu finden,
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So war die gantze Hölle auf,
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Und hemmete des Lehrers Lauf.

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Mein Bruder! kennst du deinen Weg,
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Er geht ins Todes Rachen,
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Das ist der allgemeine Steg
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Vor die, so Friede machen:
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Bleib da; Du kanst nicht; Ey so geh!
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Durchs Todes-Thal zur Lebens Höh.

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Nur fliehe die Gelegenheit,
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Die deine Ehre schändet:
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Der Feind bemüht sich allezeit,
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Damit ers also wendet,
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Daß, wers mit Christo treulich meynt,
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Um Ubelthat zu leiden scheint.

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Wie wir gedacht, so ists geschehn.
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Du bist dahin gegangen:
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Der Feind hat sich die Zeit ersehn,
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Und hat dich aufgefangen,
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Noch eh’ du das Gebiet erreicht,
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Wohin dich Trieb und Zug geneigt.

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Was hat die Schlange für Gewinn,
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Die alte Thörin lachte:
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Sie wuste nicht, daß ohne hin
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Die morsche Hütte krachte,
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Und daß der Geist ihr Ehren-Bett
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Mit diesem Lauf bestellet hätt.

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Dein
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Daß
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So läßt er seiner Regung Raum,
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Und übersieht die Ritzen,
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Durch die ein Geist zur Ruh gestreckt,
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Den Weg des HErrn gar bald entdeckt.

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Dein Mitt-Knecht eilt, um Christi Ruhm
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In deinen Leidens-Ketten,
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Vor
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Bald öffentlich zu retten,
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Bezeuget seinen Bund mit dir,
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Und bringet deine Unschuld für.

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Allein in kurtzem sahe man,
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Was unser König wolte,
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Er merckte der Gemeine an,
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Was
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Er wust, es wär in Freud und Schmertz,
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Sein Hertz und me ins als wie ein Hertz.

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Drum mustest du dich auf dein Wort
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In Mähren
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An einen unbeziehlten Ort
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Viel Volck durchs Wort gewinnen;
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Wir dachten, du wärst hie und da,
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Und war dein Lehr-Stuhl doch so nah.

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Mein Bruder! wer erkennet dich,
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Und deinen Creutz-Gesellen;
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Der Heiligen Weg ist wunderlich,
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Und schwerlich vorzustellen;
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Wer glaubts, daß ihr nach Seelen zielt,
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Und nicht mit Meynungs-Lappen spielt.

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Wohlan! die Lieb ist schon vergnügt,
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Jhr leidet unverschuldet,
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Und du,
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Nachdem du auserduldet;
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Dein Grab hat meines Willens Nacht
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Begraben, und mir Licht gemacht.

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Geh hin, du muntrer Zeuge, geh!
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Des Bischofs ohne gleichen,
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Du Uberwinder ohne Weh,
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Du Vater vieler Reichen,
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Fahr hin, du treues Bruder-Hertz;
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Verlisch der Welt, du Himmels Kertz;

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Jhr Bürger in der Herrenhut,
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Jhr von des HErren Volcke,
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Jhr Funcken von der Zeugen Glut,
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Jhr Tropfen jener Wolcke,
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Verstärcket die geehrte Schaar
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Der Seelen unter dem Altar.

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Dem
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Und
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Und fahret hin, wo

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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