LxXVIII. Auf Mariä Verkündigung

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: LxXVIII. Auf Mariä Verkündigung (1735)

1
Dreyeinigkeit, du allgemeines Wesen,
2
Du Schöpfer und Erstatter der Natur,
3
Und du der Gottheit Lebens-volle Spur,
4
Du hast dir eine Werckstatt auserlesen,
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Darein du dich in voller Kraft gesenckt,
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Und daheraus uns

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Maria war die Gnaden-reiche Esther,
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Der du dich so in Lieb und Huld verbandst,
9
Dieweil du sie der Gottheit würdig fandst,
10
Maria wars, die liebe selge Schwester,
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Man nahm an ihr nichts ungewöhnlichs wahr,
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Als daß sie still und arm und hertzlich war.

13
Maria war die Mutter des Geweyhten,
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Der ewiglich der Seelen Bräutgam ist,
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Und ehe er die Braut im Throne küßt,
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Worauf sich schon die Engel-Chöre freuten,
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Vors Weib in Arbeit lebte, litt und starb.

18
O Hochzeit! die man Sabbaths-Ruhe nennet,
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O Tag des HErrn! geheimes Bild der Eh’,
20
Jhr Huren, Säue stürtzt euch in die See,
21
Die ihr in eurer Eh’ Befleckung kennet,
22
Und die ihr nichts um Satans Tiefen wißt,
23
Kommt her und lernt was ehlig werden ist!

24
Jhr Seelen! die sich in die Eh’ gefunden,
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Nicht, weil sie wider Christum geile sind,
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Nicht, weil Natur sich mit Natur verbindt,
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Nein! weil sie GOtt in diesen Stand verbunden;
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Kommt, betet neben mir der Seelen Mann,
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Das Kind des Geistes und Mariä an.

30
Kommt, schwehrt mit mir dem treuen Zeugen Treue,
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Kommt, ruft zu ihm um seiner Weißheit Licht,
32
Damit es euch in allen unterricht,
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Und euren Stand den Augenblick verneue,
34
Zu Ehren seiner Zeugen opfert euch
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Jhm auf mit Geist und Seel und Leib zugleich.

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Jhr wisset zwar, daß englische Geberden
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Und englisch Wesen blosse Phantasey,
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So lange noch der Geist nicht Kercker-frey,
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Biß daß wir auch zu Seraphinen werden;
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Drum ist die Eh’ von aussen nicht bewandt,
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Als wie der Geist Mariam dort erkannt.

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Doch wißt ihr auch, daß eure Hertzen Geister
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Und Christo völlig ähnlich müssen seyn;
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Da maß der Vater durch das Wort hinein,
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Da ist der Heilge Geist der ein’ge Meister,
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Und ist der innre Grund voll Geists-Natur,
47
So heiligt er die äußre Creeatur.

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Drum will der HErr, bevor wir ehlich werden,
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Das Aergerniß soll in den Tod hin ein,
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Das Fleisch soll blind, betäubt, beschnitten seyn;
51
Sonst ist die Eh’ der Christen Höll auf Erden;
52
Wer aber Geist aus Geist geworden war,
53
Mit dessen Eh’ hats weiter nicht Gefahr.

54
Ein Ehe-Volck in Christi Tod begraben,
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Das nur allein bey Christi Schmertzen ruht.
56
Und dem sonst nichts als Sünde wehe thut,
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Kan ausser dem auch keine Wollust haben,
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Der, seit er nun der Seelen Schmertz gestillt,
59
Auch die Begier der Seel all eine füllt.

60
Auf noch einmahl! ihr theuren Ehegatten,
61
In denen sich der Heilge Geist geregt,
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So, wie ers alsdenn zu machen pflegt,
63
Wenn er uns will mit Kräften überschatten,
64
In denen er gezeugt die neue Art,
65
Und sich von Zeit zu Zeit mehr offenbahrt.

66
Auf! und dem Mann, dem HErrn, euch hingegeben,
67
Dem Mann, der sich in unser Fleisch verkleidt,
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Und leert sich aus von seiner Göttlichkeit,
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Um in Maria menschlich aufzuleben,
70
Habt ihr bißher nicht gnugsam nachgedacht,
71
So thut, als wär’t ihr aus dem Traum erwacht.

72
O Vater! gieb uns rechte Kinder-Sitten,
73
Der du uns ja den HErrn zum Bruder giebst,
74
O Geist des HErrn! der du Mariam liebst,
75
Bereit uns auch zu deinen GOttes-Hütten,
76
Wir sind durchs Wort, das Wort geht in uns ein,
77
O möchten wir des Kindes Mütter seyn.

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O Jünglings-Volck, und du o Schaar der Mägde,
79
Faßt euch das Bild Mariä ins Gemüth,
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Verleugnet euch, besieget das Geblüt,
81
Es rege euch, was diese Schwester regte,
82
Sie wolte freyn, die Gottheit warb um sie,
83
Sie ließ den Mann, und sprach: HErr ich bin hie!

84
Bestehet ihr in solcher edlen Gnade,
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Und gebt euch GOtt auf Band und Freyheit hin,
86
So bleibet euch ein unverrückter Sinn,
87
So wachst ihr in der Kraft von Grad zu Grade.
88
Jhr denckt an nichts, als was euch GOtt gebeut,
89
Und bleibet frey, wenn ihr gebunden seyd.

90
Herr JEsu! der du dich als Kindlein regtest,
91
Wir opfern dir die gantze Kinder-Schaar,
92
Die ie und ie deins Hertzens Lust-Spiel war,
93
Und die du auch so manchesmal bewegtest,
94
Ach Geist des HErrn! komm überschatte sie,
95
Ach Vater! zeuch ihr Hertze, sie sind hie.

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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