LxXVII. Auf seiner Gräfin Nahmens-Tag, Dorotheä

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: LxXVII. Auf seiner Gräfin Nahmens-Tag, Dorotheä (1735)

1
Hjer werffen wir uns vor dir nieder,
2
Und singen dir geringe Lieder,
3
Der du, nach abgelegter Last.
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Den Nahmen über alle hast.

5
Die übrigen vom Weibes-Saamen
6
Sind Menschen unbekannte Nahmen,
7
Jhr hoher Stand ist Geist von Geist,
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Kein Fleischlicher weiß, was das heist.

9
Der aber über alle thronet,
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Und in den stillen Seelen wohnet,
11
Der weiß um die Gelegenheit,
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Und kennet sie von Ewigkeit.

13
Er selber hatte sie gezogen,
14
Da sie die Welt noch überwogen,,
15
Als seine Kraft, die unsichtbar
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Den Seelen noch zuwider war.

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Doch hatte seine Helden-Stärcke,
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Jhn nach durchbrochner Sünden-Nacht,
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Zum Meister über sie gemacht.

20
Er hatte sie auf seinem Throne
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Dem biß zum Tod getreuen Sohne,
22
Den aller Seelen Elend kränckt,
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Zu einem Eigenthum geschenckt.

24
Der Sohn, der vor Erbarmen brennek,
25
Und hellig
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Fiel den Verlohrnen um den Hals.

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Er sprach:
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Doch bin ich Joseph, euer Bruder,
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Zu eurem Nutz ans Creutz verkauft,
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Für euch mit GOttes Zorn getauft.

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Ich habe euch bey GOtt vertreten,
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Und von dem Teufel loß gebeten.
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Die Schuld ist dißmal gut gemacht,
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Und eure Freyheit wiederbracht.

35
Des Starcken Wohnung ist zerbrochen,
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Sein Anspruch ist ihm abgesprochen,
37
Er zeucht dahin; ich klopfe nun,
38
Seyd ihr bereit, mir aufzuthun!

39
Der Feind durchwandelt dürre Stätte,
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Sucht Ruh und Raum vor sein Geräthe;
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Er findet aber nirgend Ruh,
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Bald spricht er wieder bey euch zu.

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Da mögt ihr euer Hauß bewachen,
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Sonst wird er euch zu Sclaven machen,
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Werft ihm, was sein ist, gar hinaus,
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Und sprecht:

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Ach! rett uns von dem Widersacher,
48
Sohn GOttes, unser Seligmacher,
49
So schreyn die Seelen Tag und Nacht
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Zu JEsu, der sie loß gemacht.

51
Da greift er zu, und in der Kürtze,
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Eh sie der Feind zu Grunde stürtze,
53
Nimmt JEsus ihm zu Hohn und Trutz
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Die Seelen ein in seinen Schutz.

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Er wandelt auch der Seelen Nahmen,
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Die ihnen vom Verderben kamen,
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Dabey sie Satanas genennt,
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Nachdem er ihre Art erkennt.

59
Mit diesem neuen Nahmen schriebe
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Er sie, zum Zeugniß seiner Liebe,
61
Und ihrer Freyheit von dem Fluch,
62
Vor aller Zeit ins Lebens-Buch.

63
Er nannte sie bey diesem Nahmen,
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Als sie vor seinen Vater kamen,
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Da ward ihr Schuld-Buch ausgethan,
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Da nahm sie GOtt zu Kindern an.

67
Dann ist der Vater derer Lichter,
68
Jhr Vater, und sein Sohn ihr Richter;
69
Wenn sie beym Sohn in Gnaden stehn,
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Kans ihnen niemahls übel gehn.

71
Wie selig sind, wie reich an Gaben,
72
Die einen neuen Nahmen haben.
73
Du Pfleger über GOttes Hauß,
74
Ach, theil uns solche Nahmen aus!

75
Hier liegen wir in unserm Staube;
76
Jedoch ergreift dich unser Glaube,
77
An deiner Treu erhält er sich.

78
Ach JEsu! einger Mensch in Gnaden,
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Der du uns auf den Hals geladen,
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Und unsre Sünden-Bürde trugst,
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Biß du der Sünden Schloß zerschlugst,

82
Ach! neige deines Hertzens Güte
83
Zu unserm schmachtenden Gemüthe,
84
Und hilf uns aus der Bangigkeit,
85
Darinnen unser Inners schreyt.

86
Wir können dir nicht Worte machen
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Geschickt genung zu unsern Sachen,
88
Das aber, HErr! verstehest du,
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Theils haben, andre suchen Ruh.

90
Die zu der Ruhe eingegangen,
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Die brennen alle vor Verlangen,
92
Und diß Verlangen wird zur Quaal,
93
Erfüllt zu sehn der Brüder Zahl.

94
Die aber nach der Ruhe ringen,
95
Und zu der engen Pforte dringen,
96
Derselben Elend siehest du.

97
O Liebe! laß dichs hertzlich jammern.
98
Dein Hauß hat ja so manche Kammern,
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Ist ihnen diese noch zu gut,
100
Wer weiß, obs nicht die andre thut.

101
Nur halte Niemand an der Pforte,
102
Gib deinem Vater gute Worte,
103
Die Züge zu beschleunigen,
104
Zum guten Theil, zum Einigen.

105
Der du die Todes-Thore sprengtest,
106
Und dich durch Sünd und Hölle drängtest,
107
Ertrotze durch dein Siegs-Gericht
108
Die Seelen von dem Bösewicht.

109
Laß unter unsern lieben Brüdern,
110
Die sich der Züchtigung nicht wiedern,
111
Die Stimme bald gehöret seyn:
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Die Thür ist offen, gehet ein!

113
Gedencke des Gerechten Saamens,
114
Und deines Seligmachers Nahmens,
115
Und ruffe den und jenen raus,
116
Aus seinem Kercker in dein Hauß.

117
Bald laß uns diesen kommen sehen,
118
Bald jenen in dein Reich erhöhen,
119
Hier einen Durchbruch, dorten Sieg,
120
Nach treuer Sehnsucht auf den Krieg.

121
Ein Kind biß zur Geburt gedrungen,
122
Dems nur aus Ohnmacht mißgelungen,
123
Laß unter unserer Gemein
124
Ein unerhört Exempel seyn.

125
Insonderheit sey aller Saamen
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Der Seelen, mit dem neuen Nahmen,
127
An die man heute frölich denckt,
128
Dir itzt und ewiglich geschenckt.

129
Jhr Nahme bey der Welt vergehe,
130
Damit er dort beschrieben stehe,
131
Hier unbenennt und unbekannt,
132
Dort vor des Vaters Thron genannt.

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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