LxII. Bey Herrn Christoph Jmmigs, JCti, erbaulichem Ende zu Herrnhuth. Aus seinen eignen Worten

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: LxII. Bey Herrn Christoph Jmmigs, JCti, erbaulichem Ende zu Herrnhuth. Aus seinen eignen Worten (1735)

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Du heiliger und reiner Geist,
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Ein Geist, darnach nicht Noth zu fragen,
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Indem er sich genug beweist,
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Du Alter ausser allen Tagen!
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Allgegenwart, Allwissenheit,
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Sind deiner Gottheit Eigenschaften,
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Und Zeugen deiner Ewigkeit.
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Die unzertrennlich an dir haften.
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Du sitzest in der Ruh,
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Und hörst den Blöden zu,
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Die vor dem Thron der Gnade wimmern:
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Hier liegt ein altes Kind,
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Das erst sein Hertze findt,
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Und will sich um sein Heyl bekümmern.

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Ich zehle eilfmal sieben Jahr
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In dieser unbeständgen Hütte.
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Was meine gröste Sorge war,
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Der Zweck, wornach ich hellig schritte,
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Den heisset man
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Das nennt man ein solides Wissen:
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Ich sorgete vor Speiß und Kleid,
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Für mich, und die ich nähren müssen.
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Jtzt bin ich Gnaden-loß,
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Am Geiste blind und bloß:
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Mein Dienst wars opus operatum.
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Die Tauf ist längst vorbey,
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Der Gnaden-Bund entzwey;
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Mit Schrecken wart ich auf mein Fatum.

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Der gute Saame liegt erstickt,
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Weil ihn die Dörner überwachsen;
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Und eh ich weiter fortgerückt,
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Zerbrechen meines Leibes Achsen.
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Ich sehe mich in meinem Blut,
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Ich weiß mich selber nicht zu waschen:
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Darüber fällt mir Hertz und Muth.
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Der letzte Feind wird mich erhaschen!
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Du aber, dem der Tod
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Des Sünders eine Noth,
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Und seine Rettung eine Freude,
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Ach! schau mich armen Mann
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Mit Gnaden-Augen an,
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Und stütze mein zerlechtzt Gebäude!

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Ach HErr! du Majestätischer,
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Du schrecklicher und grosser König;
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Du aber auch so freundlicher,
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Dem eine Seele nicht zu wenig;
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Laß mich durch deinen lieben Sohn
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Die ewige Erlösung finden:
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In ihm, dem wahren Gnaden-Thron,
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Laß mich den Hofnungs-Ancker gründen.
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Weil aber JEsu Blut
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Nur denen Hülffe thut,
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Die in dem Licht, wie er ist, wandeln:
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So schencke mir doch nur
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Die neue Creatur,
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Denn, womit wolt ich sie erhandeln?

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Mein JEsu! wer zum Vater will,
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Der muß durch dich den Eingang finden:
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In dir ist alle GOttes-Füll;
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Du machest selig von den Sünden.
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Hier lieg ich armer matter Wurm,
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Und winde mich um deine Wiege:
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Ich fühle Seelen-Noth und Sturm,
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Doch merck ich auch noch Liebes-Züge
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Ich seh’ durch einen Ritz
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Den freyen Gnaden-Sitz,
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Die Thür ist noch ein wenig offen.
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Wenn du mein Hertz ergrifst,
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Und diesen Felß zerschlifst,
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So könt ich auf ein neu Hertz hoffen.

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Der Gnaden-Seiger schiebet wohl
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Den Augenblick am letzten Korne,
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Und, da ich kaum noch Othen hohl,
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Such ich die Seligkeit von vorne.
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Zur Stunde, da ein Kämpfer lacht,
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Ein Simeon den Abschied fodert,
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Da liegt mein Inneres verschmacht,
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Indem das Aeussere vermodert.
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Ich zöge gerne noch
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Ein Jahr an Christi Joch,
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Ich komme langsam; Mag ich kommen?
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Der Eingang zeiget sich,
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Ein Blick versichert mich,
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Komm.

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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