LvII. An einen wanckelmüthigen Schüler der Gnade

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: LvII. An einen wanckelmüthigen Schüler der Gnade (1735)

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Wenn, vielgeliebter Freund! dein Diener wissen könt',
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Wie lange dir der HErr noch Lebens-Zeit vergönnt’:
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So könt er eher noch mit gleichen Augen sehen,
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Wie wenig biß daher zu deinem Heyl geschehen.
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Weil aber, der die Höll und Tod in Händen hält,
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Uns eine kurtze Frist zur Gnaden-Zeit bestellt,
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Und will, daß unser Geist nach seinem Reiche ringe:
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So halte mir zu gut, daß ich auf Eifer dringe.
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Du hast das ewige unwandelbare Wort,
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Das weiset schlechterdings auf eine enge Pfort:
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Das redet überall von einem schmalen Wege,
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Und daß man seines Heyls mit Furcht und Zittern pflege.
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Die Menschen hindern uns! allein, wo ist der Mann?
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Der unsern armen Geist dereinst vertreten kan:
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Wenn JEsus auf dem Stuhl nach unsern Ernste fragen,
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Und unser eigen Hertz nichts wissen wird zu sagen?
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Gelobet sey der HErr, der dich gerühret hat!
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Er gebe keiner Ruh in deiner Seele statt,
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Biß du das richtige und grosse Werck vollendet,
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Um welches willen er sich selbst bey GOtt verpfändet.
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Wohl dem, der diese Welt vor lauter Spiel-Zeug hält.
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Allein, wer kan doch das? wer überwindt die Welt?
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Nur einer, welchen GOtt zu Christo hin gezogen,
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Und der sein theures Heyl mit Redlichkeit erwogen.
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Derselbe wirfft sich bald vor JEsu Füsse hin,
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Und spricht:
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Ach! mache mich doch recht zu deinem Unterthanen,
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Und solt'st du mir den Weg durch Dorn und Hecken bahnen.
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Der Vorsatz aber muß nicht ohne Nachsatz seyn:
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Es treffe Wort und Sinn recht redlich überein;
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So wird man allererst die Kraft des HErrn empfinden,
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Da stutzt der Seelen-Feind und das Gesetz der Sünden.
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Die Menschen dieser Welt sind nur ein bloß Gespenst,
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Wenn du sie, werther Freund! nach ihren Wesen kennst;
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So hältst du sie gewiß vor unglückselge Narren,
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Mit allen heuchelnden und Lohn-begiergen Pfarren.
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Indessen weil du selbst von N. N. angezeigt,
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Daß er sein Hertze GOtt und JEsu zugeneigt:
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So wolle neben ihm ja keine Zeit versäumen,
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Dich eben so, wie er, dem Heyland einzuräumen.
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Die Brüder dieses Orts sind allemal erfreut,
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Wenn man von deiner Seits denselben Frieden beut:
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Sie grüssen dich im HErrn, und wünschen dich im Segen,
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Und neben dir sich selbst dem HErrn zu Fuß zu legen.

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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