XlVIII. Auf die unvermuthete Zusammen- kunft in Ebersdorf

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: XlVIII. Auf die unvermuthete Zusammen- kunft in Ebersdorf (1735)

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O Liebe! wunderbares Gut,
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Was giebst du denen nicht zu schmecken,
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Die sich durch deine Liebes-Glut,
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Dir nachzufolgen, lassen wecken!
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Wie lieblich wirst du nicht erkannt
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Von allen, die dich je gefühlet,
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Und derer Geist aufs Vaterland
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Diß unsichtbare Reich gezielet!
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Sie können deinen Rath
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In mancher grossen That
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So wunderbar, so seltsam mercken!
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Doch pflegst du ihren Muth,
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Was nicht die Liebe thut!
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Durch Kleinigkeiten auch zu stärcken.

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Du auserkohrner Seelen-Freund,
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Du Einfalts-volle treue Liebe,
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So sehr dein Wesen schlecht erscheint,
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So ungekünstelt deine Triebe;
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So bist du doch zu gleicher Zeit
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Ein GOtt der Ordnung, Maaß und Zieles.
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Der Menschen Unbesonnenheit
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Versäumt und übergehet vieles,
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Das Uberlegung braucht,
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Und uns erstaunlich daucht,
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So bald wirs ehrerbietig messen.
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Da uns nun dieser Tag
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So seltsam scheinen mag:
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Wer wolte deines Raths vergessen?

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So lange man noch immer will,
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So lange mag man sich bekümmern.
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Kaum wird das Hertz vom Würcken still,
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Fängt GOtt an unser Glück zu zimmern.
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Der allerangenehmste Blick,
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Den wir erdürstet und erdrungen,
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Giebt wenig Lieblichkeit zurück,
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Und scheint uns allzusehr gezwungen,
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Was unser eigner Rath mit Müh ersonnen hat,
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Was unsre eigne Faust erkämpfet,
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Fühlt ein geschwächter Geist,
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Die Hand ist matt, und schweißt,
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Drum ist die Armuth sehr gedämpfet.

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Die Freude, die der Freuden-Quell
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Uns diesen Abend über gönnet,
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Hat denn erst ihre rechte Stell,
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Wenn sie auf Hertz-Altären brennet:
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Da wird das allerhöchste Gut
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In allen Gaben recht geschmeck’t,
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Allda wird der geheimste Muth
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In Lieb entflammt, zum Lob erweck’t;
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Die dem Jmmanuel zur Magd erkaufte Seel
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Eilt aus der Wüsten ihrer Stille,
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Steigt auf nach Geistes Brauch,
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Als ein gerader Rauch,
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Jhr Liebes-Ernst steht in der Fülle.

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Nur unsre Hertzen sollen sich
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An diesem Abende verbinden,
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Jhr Gut und Wollust ewiglich
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In dir zu suchen und zu finden.
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Wir werden unsrer Trägheit gram,
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Und unserm losen Bogen spannen.
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Dem Freunde, der ins Elend kam,
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Und ließ sich GOtt für uns verbannen,
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Dem sey der gantze Muth,
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Dem werde Leib und Blut
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Zum ewigen Besitz ergeben!
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Mein Heyland! hebe dann
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Von diesem Tage an
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Noch mächtiger in uns zu leben!

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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