XlV. Uber das Grab der Groß-Frau Mutter. Jm Mertz

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: XlV. Uber das Grab der Groß-Frau Mutter. Jm Mertz (1735)

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Solls seyn, Hochwürdigs Häupt! so neig' auf JEsus Wincken
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Jhm deine von der Last erdrückte Scheitel zu:
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Entweiche
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Und laß den
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Zwar trinckt den neuen Wein ins Vaters Reiche nicht,
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Wer nicht den bittern Kelch vorher noch angesetzet:
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Doch, wenn der Myrrhen-Tranck dir kaum die Lippen netzet,
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So sieht ein jeder leicht, warum das dir geschicht.

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Es hatte dir die Welt zum öftern Tranck und Speise
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Mit Staub der Kümmerniß, und Thränen-Saltz vermischt;
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Die Arbeit ließ nicht nach, wenn man dir
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Und deine
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So wuste denn
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Mit aufgebotner Macht die Crone zu erkämpfen,
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So wohl der Feinde Wuth, als deinen Streit zu dämpfen,
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Indem er aus den Sturm dich bald bey Seite nahm.

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Sonst macht ein kühner Held bey vortheilhafter Lage
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Den Zugeordneten die gröste Sorgen-Noth:
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Denn sie vermuthen schon, daß er, Trotz Blut und Tod,
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Den eingedrungnen Feind zurück zu treiben wage.
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Ein Bau, den Sturm und Schlag noch eins so starck gemacht,
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So, daß er nun davon nicht leicht zu zittern pfleget,
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In welchem sich der Geist noch immer lebhaft reget,
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Will

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Drum höret man das Blut in allen Adern kochen,
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Weil Tod und Leben noch aus allen Kräften ringt,
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Biß der gefangne Geist sich aus den Banden schwingt,
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Nachdem er durch das Hertz, und Marck und Bein gebrochen.
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Und da der Seelen-Feind den Erden-Creiß durchreißt,
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Um schon in dieser Zeit die Seelen zu verschlingen;
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Vermeynt man, wenn sie itzt aus ihrer Hütte dringen,
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Daß der Erboste nicht noch allen Ernst beweist?

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Dein Geist war nicht gewohnt bestürtzt herum zu schweiffen,
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Dein unerschrockner Muth ertrotzte manchen Sieg:
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Alsdann vermuthet man gar einen schweren Krieg,
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Wenn
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Weil diese Jüngerin mir immer treu geblieben,
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Und ihre meiste Zeit in meinem Dienst vertrieben,
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So soll sie auch davor mit Ruhe schlaffen gehn.

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Sie hat sich ofte gnug um Cron und Lohn gestritten,
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Wenn ihr das Meer der Angst biß an den Gürtel gieng:
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Ob manche Centner-Last auf ihrer Schulter hieng.
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So ist ihr Fuß doch nicht aus meiner Bahn geglitten.
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Auf einen tapfern Kampf folgt iedesmal Triumph,
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Der eine Feind gewinnt, der andre muß erliegen:
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Kämpft einer unter mir der wird unfehlbar siegen,
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Und macht der Widerpart so Schwerdt als Pfeile stumpf.

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Noch eins die selge Frau erquickte manchen Schwachen,
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Und labete sein Hertz, wenn seine Seele matt:
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Wer meiner Dürftigen sich angenommen hat,
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Dem will ich, spricht der HErr, ein sanftes Bette machen.
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Drum geht
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So munter aus und ein, und läst sich niemand leiten:
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Und letzlich kan sie kaum ihr Sieges-Bett beschreiten,
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So legt sie sich zugleich in den erwünschten Schlaf.
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Der heldenhafte
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Worinnen ihm der
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Biß man das Meister-Stück aus dem Gehäuse nahm,
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Komm angenehmes Volck von jener
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Zum Schutze seiner Braut umher gezogne Kette,)
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Nimm deine Schwester an, begleite sie zur Pracht!

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Jhr Seelen um den Stuhl, mit Palmen in den Händen,
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Wißt:
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Und daß der Feinde Drang sein Säiten-Spiel gehemmt;
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Drum helft des Lammes Lied ihm seliglich vollenden.
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Jhr
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Den Preiß des
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Und bringt sie mit Gepräng zum Königlichen Saale,
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Auf den erhabnen Thron, vor
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Mein König! hast du nicht vom Creutz zum Stuhl der Ehren,
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Als Beyspiel deiner Schaar dich selbst zuerst erhöht:
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Weil
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So wird der Vater auch ihr deinen
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Jhr
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Und habt
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Wie? daß nicht euer Hertz von heilgen Eifer brennet,
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Zu

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Jhr, dieser
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Laßt euch ihr Glaubens-Licht nicht aus den Augen gehn,
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Jhr mögt ihr nahe seyn, ihr mögt von ihr entstehn,
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Gleicht dem entwichenen so hellen Diamante.
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Euch
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Kein Wunder (wenn euch GOtt das Leiden nicht versüsset,)
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Es stürtzete der Gram euch mit ihr in die Gruft.
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Euch ruft ihr Wandel zu, ihr
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Die ihr so GOtt-als Pflicht- und Ehr-vergessen seyd,
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Daß ihr mit lauter Stimm
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Und dient doch
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Wolt ihr nicht Christen seyn, was last ihr euch so nennen?
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Wie möcht ihr euch so gern von eurem Meister trennen,
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Da ich bald achzig Jahr mich wohl bey ihm befand.

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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