XlIII. Vollendung einer fünfjährig-fortge- wehrten Betrachtung GOttes

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: XlIII. Vollendung einer fünfjährig-fortge- wehrten Betrachtung GOttes (1735)

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Allgegenwart! ich muß gestehn,
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Du unaussprechlich tiefe Höhe
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Erfüllest, ohne dich zu sehn,
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Doch alles, wo ich geh und stehe:
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Die Spur von deinem Allmachts-Pfad,
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Die ewiglich nicht auszugründen,
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Ist dennoch überall zu finden,
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So weit man Raum zu dencken hat.

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So kan es ja nicht anders seyn,
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Weil ich dich allerwegen mercke,
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So geb ich mich mit Ernst darein,
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Die Grösse deiner Macht und Stärcke,
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Die blendend helle Majestät,
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Vor der die finstre Tiefen weichen,
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Mit einem Liede zu erreichen,
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Das über alle Lieder geht.

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All ein du unbeschriebner Mann,
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Wo fing ich meine Lobs-Gedancken
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Den ersten Stein zu setzen an?
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Wohin versetzt ich ihre Schrancken?
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In welchem Lebens-Jahre wird
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Erst mein Verstand so aufgekläret,
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Daß er hinauf und nieder fähret,
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Und sich nicht überall verirrt.

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Es spreche, du verborgner GOtt,
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Ein Mensch, was eigentlich dein Wesen!
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Und werde nicht dabey zu Spott
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Vor allen, die den Ausspruch lesen;
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Er wird, mit ausgesuchter Art,
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Die Sprache also führen müssen,
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Daß er und alle nichts mehr wissen,
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Als was du längst geoffenbahrt.

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Wie wagte sich die Zung hinein
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In deine tiefe Eigenschaften?
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Die sonderlich und insgemein
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Genau an deinem Wesen haften?
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Und zu des Nahmens Wunder-Höhn,
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Der sich zu nennen nicht beliebet,
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Sich auch nur zu erfahren giebet,
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Wo Aug und Sinne stille stehn.

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Wer führet mich zu deiner Quell,
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Unendlichkeit! des Geists erstaunen!
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Wo find ich eine freye Stell
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Von deinen Wundern zu posaunen,
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Ich warnte alle Creatur
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Vom Fürsten an der reinen Geister,
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Biß zu der Weisen Obermeister,
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Vor deiner fürchterlichen Spur.

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Ich lasse dich, du bist zu hoch,
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Zu tief, o GOtt! zu groß und lichte,
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Vor einen Geist im Lebens-Joch,
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Vor ein umcörpertes Gesichte:
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Wie kam das Schaffen dir im Sinn?
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Verfehlt ein Fürst der Creaturen
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Zu dir, dem Schöpfer, Bahn und Spuren,
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Wo will die andre Schöpfung hin.

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Göttliche Antwort.
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Hör auf zu suchen, was so fern,
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Hör auf zu forschen, was dich fliehet;
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Du hast den ausgemachten Kern,
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Sey nicht ums Aussen-Werck bemühet
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Verrücke nicht dein Seelen-Licht
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Biß zu dem Kreis der Ewigkeiten,
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Du möchtest Finsterniß erbeuten,
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Und fandest mich doch nirgends nicht.

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Wie so, du unverständigs Kind?
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Wilt du mich aus der Tiefe hohlen?
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Wo meynest du, daß man mich findt?
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Suchst du mich bey den Himmels-Polen?
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Suchst du mich in der Creatur?
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Mein Wesen, das kein Auge schauet,
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Hat sich ja einen Leib erbauet,
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Und du verfehlst doch meine Spur?

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Jhr Menschen! kommt herbey, und seht
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Die zugedeckte Abgrunds-Schlünde,
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Die eingehüllte Majestät,
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In JEsu, dem geringen Kinde;
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Seht, obs der Mensch in Gnaden sey,
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Seht, ob er euer Lob verdienet,
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Wem dessen Lieb im Hertzen grünet;
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Wer gläubt, wird aller Sorgen frey.

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Die Seel
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O Ewigkeit! du schönes Licht!
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Des Königs Abglantz aller Ehren!
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O Liebe! die den Himmel bricht,
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In meiner Hütten einzukehren,
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Hie find ich mich, hie greif ich zu.
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Zwar hab ich dich noch nicht gesehen,
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Jedoch das wird einmal geschehen.
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Jtzt

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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