XlI. Auf der Frau Geh. Raths-Directorin und Land-Vögtin letzten Geburts-Tag

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: XlI. Auf der Frau Geh. Raths-Directorin und Land-Vögtin letzten Geburts-Tag (1735)

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Zwar bebt der Erden-Kreiß von so viel eiteln Lasten;
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Doch ist sein kleinster Theil am allerschlimmsten dran:
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Weil er das gantze Heer der Christlichen Phantasten
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Auf seinen Boden trägt, und kaum ertragen kan.
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Wo hat ein Wanders-Mann bey solcherley Barbaren,
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Da man das Menschen-Fleisch zu feilen Kauffe trägt,
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So einen Glaubens-Grund gelesen und erfahren,
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Drauf mancher unter uns sein Haupt so sanfte legt?
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Solt ein und anderer der fernen Hottentotten
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Das Christliche Gesetz, und einen Christen sehn,
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Und wüste nicht, wie der, des Heiligsten zu spotten;
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So würden ihm gewiß die Augen übergehn.
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Wie man dem Teufel sonst in abgelegnem Häyne
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Mit zitterndem Verdruß bey denen Heyden dient;
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So weyht man hier dem HErrn die unbelebten Steine,
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Da Satans Bild und Sinn davor im Hertzen grünt.
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Vermeynte wohl ein Mann von ungeübten Sinnen,
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Bey mancher Prediger geschminckten Künsteley,
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Und bey der Hörenden verächtlichen Beginnen;
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Obs auch der pure Ernst mit allen beyden sey?
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Und dennoch kommet man bey nahe ins Gedränge,
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Wenn ein geweyhter Tag mit anzusehen ist.
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Wer ists? Wem dienet sie, die ungeheure Menge?
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Sie dient: Sie nennet sich nach einem:
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Nach JEsu? Das ist der, von dem auch Feinde sagten:
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Er sey ein freundlicher, ein angenehmer Mann;
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Er thu den Bösen guts, er helffe den Geplagten,
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Und niemand sehe ihm was ungeschicktes an.
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Wer aber seyn denn die, so sich nach JEsu heissen?
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Der eine liegt und schläft, der andre frißt und säuft;
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Der dritte möchte sich mit allen Menschen schmeissen;
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Indem der vierdte Geld und Gut zusammen häuft.
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Hier seh’ ich Gleichnisse von so viel fremden Thieren;
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Hier dächt ich nimmermehr ein rechtes Menschen-Bild
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Geschweige JEsu Sinn und Wesen aus zu spüren,
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Nächst diesen ist die Welt mit Narren angefüllt.
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Wie geht es immer zu? Kommt etwa JEsu Wandel
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Den armen Sterblichen zu unbegreiflich für?
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Gewiß, wo dieses nicht ein ungereimter Handel,
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Daß JEsus immer spricht:
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Und hat es unser HErr nicht allzu hoch getrieben;
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Man solte in der That auch andre Christen sehn.
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Drum ist bey mir der Schluß nach allen übrig blieben:
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Dem JEsu Schritt vor Schritt in Schwachheit nach zugehn.
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Wird sich nun dermaleins vor seinem Richtstuhl zeigen,
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Daß ich die Säyte so, wie er, zu hoch gespannt:
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So kan ich mich vor ihm in muntrer Demuth neigen
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Und sprechen:
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Jhr, die ihr feste glaubt: Das Christenthum seyn Grillen,
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Und sprecht so gerne Hohn dem Zeuge Jsrael,
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Fehlts euch nicht überhaupt an einem guten Willen;
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So ist noch Rath vor euch,
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Hebt eure Augen auf, und sehet auf die Hunde,
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Vielleicht erblickt ihr auch ein wohlgeartet Lamm,
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Und damit laßt euch ein, vernehmt aus seinem Munde:
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Wie ihm geschehen ist, da es zum Hirten kam.
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Vermuthet ihr vielleicht, als wärens Phantasien,
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Damit man seinen Sinn so leicht benebeln läßt:
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So wißt, ein kluger Christ weiß sich zurück zu ziehen;
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Ersieht er aber Grund, den hält er Felsen-fest.
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Es giebt auch unter uns gewisse blöde Seelen:
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Doch, ein verkürtztes Maaß der menschlichen Vernunft,
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Macht uns am wenigsten den Lebens-Weg verfehlen.
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Wer Christum glaubt und liebt, gehört in Christi Zunft.
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Jhr aber sehet zu, daß auf des Richters Frage:
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Warum ihr Christen hießt, und nicht gewesen seyd?
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Jhm euer Hertz alsdenn mit Muth und Wahrheit sage:
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Es fehlte nur an Kraft, der Wille war bereit.
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Du theure Jüngerin! Dein Wandel und Bezeugen
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Hat mich und andre mehr zu Jüngern zugericht:
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Wie kan ich denn itz und von Christo stille schweigen,
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Da deine gantze Art von Christo JEsu spricht?
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Ich fasse mich zwar kurtz; Doch wirds ein Kluger mercken,
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Ein Unverständiger mag zu Postillen gehn:
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Wir aber wollen uns an diesem Tage stärcken,
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Und JEsum, unsern GOtt, mit einem Lied erhöhn:

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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