XxXVII. Uber die Ruhe des Gemüths

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: XxXVII. Uber die Ruhe des Gemüths (1735)

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Wjewol ist einer solchen Seele!
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Die JEsum Christum in sich hat!
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Wird gleich die äußre Liebes-Höhle
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Von mancher Arbeit müd und matt;
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So steht der Geist doch ungebunden,
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Und hat den Quell der Freude funden:
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Und zwar die Freud in süsser Still;
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Denn das ist eine schlechte Freude,
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So lange man die Seelen-Weyde
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In lauter Unruh suchen will.

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Drum kan kein Menschen-Kind ergründen,
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Wie gut mans erst bey JEsu trift.
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Man schleppet sich mit seinen Sünden,
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Man isset überzuckert Gift,
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Und meynt, man hab es wohl getroffen,
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Wenn man sich endlich was erloffen,
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Das einer vor ein Glück erkennt.
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Allein, wer will uns glauben machen,
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Daß man auf Erden alle Sachen
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Bey ihrem rechten Nahmen nennt.

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Das weiß ich wol, wenn ein Studente,
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Der im Register noch zurück,
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Ein gutes Amt errennen könte,
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Das hielt er vor ein grosses Glück.
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Doch ist die Weyhe kaum empfangen,
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Die Wirthschaft folglich angefangen,
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Das erste Amts-Jahr bald vorbey;
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So kan ein zeitlichs Lamentiren,
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Die Expectanten überführen,
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Daß dieses Glück vergänglich sey.

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Vom Lehr-Amt auf den Stand zu kommen,
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Der das Regierungs-Ruder führt:
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Was wird nicht oftmals vorgenommen,
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Damit man auch einmal regiert.
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Warum? Es ist ein Glück zu nennen.
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Wo wenige das Ziel errennen.
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Trift einer nur zum Ziele zu;
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So sucht er etwas anzukauffen,
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Daselbst zuweilen zu verschnauffen,
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Und setzt sich endlich gar zur Ruh.

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Der Nähr-Stand hat das Recht bekommen,
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Den nennt man eigentlich ein Glück,
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Wann eine einen Mann genommen.
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Allein man rechne nur zurück;
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Wo ist wol eine unter allen,
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Die in das Ehe-Netz gefallen,
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Darein so manche Hofnung kirrt,
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Von ihrem Glücke je bethöret,
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Die, wenn man sie frey sprechen höret,
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Nicht andre Leute warnen wird?

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Wie kommts denn, daß man Leute siehet,
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Nur, daß man sie gar selten findt,
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Die weder sich ums Amt bemühet,
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Noch, wenn sies haben, schwürig sind?
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Das macht, weil sie im Lehrer-Orden
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Nicht erstlich JEsu Jünger worden,
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Und nun von ihm geruffen seyn,
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Ist ihnen wenig dran gelegen,
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Wie starck der Beicht- und Decem-Segen,
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Sie sammlen sich nur Seelen ein.

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Auch giebt es GOtt bekannte Nahmen,
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Der Welt hingegen sind sie fremd,
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Die weder auf durchleuchtgen Saamen,
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Noch eigner Tugend sich gestemmt,
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Die sich des Crocodills der Ehren
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Mit einer schnellen Flucht erwehren,
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Und also fest verpanzert sind,
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Daß er wohl an sie anzudringen,
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Nicht aber sie hinein zu schlingen
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Gelegenheit und Kräfte find.

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Die Ehe kennet auch Personen,
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Allein in gar geringer Zahl,
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Die seliglich beysammen wohnen,
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Und leiten sich durchs Jammerthal,
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In deren auserwehlten Bunde
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Die Gnade Christi steht zum Grunde,
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Und welche ihn und die Gemein,
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An sich als Lebeus-vollen Bildern,
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So glücklich wissen abzuschildern,
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Daß sie nicht zu verkennen seyn.

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So kommt es denn in allen Sachen
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Auf Grund und Unterstellung an;
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Die können Häuser stehen machen,
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Um die es ausser dem gethan.
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Herr, der du unser Hertze kennest,
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Und nach dem Wohl der Menschen brennest,
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Wie glücklich wird mau durch den Sinn,
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Der dir sein gantzes anvertrauet,
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Und alles auf die Gnade bauet,
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Und gibt es unbesehens hin!

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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