XxXII. Auf seinen erstgebohrnen Sohn, Christian Ernsten

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Nicolaus Ludwig von Zinzendorf: XxXII. Auf seinen erstgebohrnen Sohn, Christian Ernsten (1735)

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Njmms wieder hin, du hattest es gegeben,
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Nimm,
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Du wilst uns gern der Mühe überheben,
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Der schweren Pflicht, der Sorge, die uns band.
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Die zarten Lippen regten sich noch schwach,
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Das andre Thun bestand in Kleinigkeit,
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Es machte sich mit seiner Kunst nicht breit;

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Wenn die Vernunft was drein zu reden taugte,
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So spräche sie: Warum denn nun so bald?
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Denn wenn der Mensch nicht Zeit zur Arbeit brauchte;
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So würde ja viel lieber niemand alt.
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Doch da die Eltern vor dir freudig seyn,
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Daß sie ihr Kind dir lediglich geweyht;
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So ist ihr Ja! zu jeden Winck bereit,

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Dir kan der Tod des Sünders nicht belieben,
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Das glaubet die Vernunft; doch glaubet sie,
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Du habest itzt ein
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Ein Reiß, gepflantzt durch deiner Hände Müh.
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Wenn die Vernunft nicht eine Thörin wär;
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Sie glaubte so was ungereimtes nicht:
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Daß der, dems Hertz von Feindes Liebe bricht,

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Wir haben uns einander nicht gewehlet,
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Du hast es selbst gantz offenbar gefügt;
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So waren wir, nachdem du uns vermählet,
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In deinem Schooß auch ohne Kind vergnügt.
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Du gabest es, und hast es oft bewahrt:
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Es langte hier, als wie ein Wunder an,
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Das zeugen die, so seine Ankunft sahn,

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Wir merckens wol, du unergründte Liebe!
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Wir halten nichts aufs Trauren dieser Welt.
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Gefallen dir des Kindes zarte Triebe,
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Dir, deme man in Christo leicht gefällt;
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Ist unsrer Erst-Geburt dein Hertz vergönnt;

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Wir dürffen dir das Kind nicht erstlich loben,
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Was dir gefiel, das stammete von oben;
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Mißfiel dir was, das war sein Wille nicht.
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Nimms immer hin, du unsrer Seelen Mann,
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Auf kurtze Zeit zu treuer Hand vertraut:

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Man spürte ja an ihm kein Widerstreben,
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Als man es dir ins Sterben übergab:
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Es deuchte ihm, itzt würd es erstlich leben,
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Es wuste nichts von Fäulniß oder Grab!
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Was unsre Unvernunft uns glauben macht,
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Dasselbe hat sein Kinder-Sinn verlacht:

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Die Prediger der eiteln Wissenschaften,
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Die Meister von der falsch berühmten Kunst,
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Bereiten hier doch nichts als blauen Dunst.
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Man komme nur erst an des Todes Thor,
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So erndtet man gewiß vergebne Müh,
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Der Einfalt kommt das Werck gantz leichte vor.

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Spricht die Vernunft: Daß solches daran liege,
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Weil so ein Kind noch keine Schlüsse macht;
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Es würde sonst zu einem solchen Siege,
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Nicht also leicht und spielende gebracht:
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Wohlan! so sey, o Vater! hochgelobt,
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Daß du den Preiß der Einfalt aufgestellt;
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Wir geben sie nicht um die gantze Welt,

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Drum mögen dir die Eltern kühnlich sagen,
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Was sich, dafür, daß sie ihr einig Kind,
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Dir williglich in deinen Schooß getragen,
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In ihrem Geist vor ein Verlangen find:
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Sie wünschen sich auf ihrer Pilger-Bahn,

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Sie wollen es von deiner Treue hoffen,
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Und hat ihr Wunsch zum Ziele eingetroffen:
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So gehen sie in deine Ruhe ein.
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Sie mögen denn, so lange als du wilt,
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Jm Jammer-Karrn an deinen Seilen ziehn;
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Sie werden dir nicht aus der Schule fliehn:

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Du aber geh und ruhe:
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Auch dein Gebein soll grünen, da es liegt;
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Gott, lehre uns so
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Du hast gekämpft, bevor du obgesiegt.
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Dein Klage-Lied, und unser Lied ist aus.
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So lobe denn. Doch bist du noch zu matt:
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So trinck dich vor an JEsu Fülle satt;

(Zinzendorf, Nicolaus Ludwig von: Teutscher Gedichte Erster Theil. Herrnhuth, 1735.Aus: Haider, Thomas. A Large Annotated Reference Corpus of New High German Poetry. In: Proceedings of the 2024 Joint International Conference on Computational Linguistics, Language Resources and Evaluation (LREC-COLING 2024), S. 677–683, Torino, Italia. ELRA and ICCL. 2024. Ursprünglich aus: Textgrid, CC BY-SA 3.0.)

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